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Margaret Thatcher mit dem Wahlprogramm der Konservativen Partei für die Wahlen 1979.

Urknall der Gegenwart, Arte

„1979 - Urknall der Gegenwart“: Wie der Kontrollverlust begann

Thatcher, Wojtyla, Ajatollah Chomeini, Hussein, Deng, Carter und eine Kernschmelze – Rückblick auf ein folgenreiches Jahr.

Ein wenig Willkür gehört schon dazu, 1979 zum Jahr einer Zeitenwende zu erklären. Aber die Argumente und Materialien, die die Dokumentation von Dirk van den Berg und Pascal Verroust präsentiert, sind gleichwohl eindrucksvoll: China beginnt mit Deng Xiao Ping den Wandel zu einer marktwirtschaftlichen Diktatur und scheint eine neue Freundschaft mit der Hegemonialmacht USA anzustreben; in Polen etabliert sich mit der Hilfe Karol Wojtylas, aka Johannes Paul II., ein nationalistischer Katholizismus mählich als neue Staatsideologie; in Goßbritannien beginnt die Ära von Margaret „I -want-my-money-back“ Thatcher; im Iran wird der Schah gestürzt, es entsteht der erste islamische Staat unter der Herrschaft eines bärtigen fundamentalistischen Greises; im Irak übernimmt der Schauzbart- und Uniformträger Saddam Hussein die Macht und beginnt bald darauf einen Krieg gegen das Nachbarland.

Jimmy Carter hilft den Grünen auf die Sprünge

US-Präsident James „Jimmy“ Carter verliert derweil zunehmend die Kontrolle über alles, und dann kommt es auch noch zu einer Kernschmelze und einem Beinahe-GAU im Reaktor 2 des Atomkraftwerks Three Mile Island im dicht besiedelten US-Bundesstaat Pennsylvania. Was wiederum der deutschen Partei der Grünen, deren Gründung im Jahre 1979 emsig und erfolgreich vorbereitet wird, deutlich auf die Sprünge hilft.

Viel zu wenig Beachtung findet leider der 1979 publizierte so genannte Charney-Report der National Academy of Science, der einen Zusammenhang zwischen der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre und einer globalen Erderwärmung nachweist. Leute wie Donald Trump oder die Mitglieder der AfD haben das nach 40 Jahren noch immer nicht gelesen, ist wahrscheinlich ein zu komplizierter Text.

Margaret Thatcher: Mit zynischen Lügen Wahlen gewinnen

All diese Ereignisse markieren Anfangs-Phasen von Entwicklungen, die uns heute dringlicher denn je beschäftigen: die Erderwärmung durch Kohlendioxid, die neoliberale Unvernunft der Briten, die Atomenergie, der polnische nationalistische Katholizismus und der Islamismus – sei er sunnitisch oder schiitisch grundiert – als Staatsdoktrin und kriegerischer Machtfaktor.

Im Falle der so genannten Eisernen Lady Thatcher lässt sich übrigens auch recht präzise erkennen, in welchem demokratischen europäischen Land die Idee, mit zynischen Lügen Wahlen zu gewinnen, erstmals durchschlagend erfolgreich war.

Wenig Anlass für Hoffnung auf Besserung 

All diese Tendenzen und Probleme haben sich seither multipliziert und ausgebreitet. Lösungen sind genau so wenig in Sicht wie vor 40 Jahren. Vielfach sogar noch weniger, vor allem aus dem Grund, dass offenbar immer weniger Politiker an der Lösung von Problemen interessiert sind. Auch die Grünen haben keineswegs auf alle Probleme eine Antwort.

Der Film und seine beiden Regisseure verharren in respektvoller Entfernung zu griffigen Lösungs-Vorschlägen. Ihr Fazit rekapituliert die aktuelle Lage, die tief beunruhigend ist und wenig Anlass für Hoffnung auf Besserung gibt.

Von Hans-Jürgen Linke

Zur Sendung

Urknall der Gegenwart, Arte 10. Dezember, 20.15 Uhr. Im Netz: arte +7

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