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In einer Landschaft der Verwüstung: PJ Harvey in „A Dog Called Money“.  

Dokumentarfilm

„A Dog Called Money“ mit PJ Harvey: Reise an Orte, an die das Leben zurückkehrt

Die Sängerin PJ Harvey hat ihrem politischen Album „A Dog Called Money“ einen visuell anspruchsvollen Dokumentarfilm nachgereicht.

Klassische Popalben lassen sich erleben wie Filmklassiker. Sie sind Zeitkapseln, aber zugleich auch Studioprodukte, und von der ersten bis zur letzten Minute entwickeln sie oft unvermutete Dramaturgien.

Nur wenige dieser klassischen Alben wurden bei ihrem Entstehen von Dokumentarfilmen begleitet wie „Let It Be“ der Beatles oder Lennons und Onos „Imagine“, ein beglückendes Kleinod, das vor kurzem als Bluray wieder erschienen ist. In einer Szene lässt Lennon einen Musikkritiker mit seinem frischen Album allein und fragt vorsichtig nach seiner Meinung; dieser kann später kaum fassen, zu den ersten Hörern des Titelsongs zu gehören. 

Das passt zu PJ Harvey: In einer Szene des ihr gewidmeten Dokumentarfilms „A Dog Called Money“ erzählt ein Musiker, wie sie die Chefs ihrer Plattenfirma einmal zum Tee einlud. Herzlich wenig hatten sie sich für ihr Vorgängeralbum „Let England Shake“ interessiert. Sie legte die CD auf, ließ sie allein und machte sich an die Gartenarbeit. Als sie zurückkam, waren alle tief bewegt.

PJ Harvey in anspruchsvollem Dokumentarfilm „A Dog Called Money“ im Kino

Schwer zu sagen, ob PJ Harveys Album „The Hope Six Demolition Project“, das nun zum Thema eines etwas verspäteten Dokumentarfilms wurde, einmal selbst zu einem Klassiker werden wird. Ein filmisches Dokument aber hat es fraglos verdient, und in der Tat sind auch die politischen Zeitumstände, die sich in den Songs spiegeln, schon jetzt historisch.

2015, in der Spätphase der Obama-Administration, hatte Harvey mit dem Fotografen und Dokumentarfilmer Seamus Murphy die amerikanische Hauptstadt besucht. In einem verarmten, mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil Washingtons findet sie die Inspiration zum Albumtitel und mehreren Songs.

Das sogenannte Hope VI Project, bei dem Sozialwohnungen in Stadtteilen mit hoher Kriminalitätsrate abgerissen und neu gebaut wurden, geriet gerade in die Kritik. Viele Bewohner konnten sich die Mieten danach nicht mehr leisten. Sollten sie in diesem Zug ebenfalls aus dem Weg geräumt werden?

PJ Harvey im Kino: „A Dog Called Money“ spielt zum Teil in Washington

Ein Jugendlicher gibt vor Murphys Kamera eine erschütternde Stadtteilführung: Sein Vater, ein Cousin sowie ein Freund starben unweit voneinander durch Schusswaffen, es waren zwei Morde und ein Suizid. PJ Harvey hört zu, beobachtet, notiert. Der Hund eines Mädchens in diesem Stadtteil inspiriert den Filmtitel: „A Dog Called Money“.

Wie es ihrer Medienpersona entspricht, sagt Harvey kaum ein Wort und tritt hinter ihre Arbeit zurück. Umso mehr ist sie in ihren Songs präsent, in Gedichten und lyrischen Kommentaren, die sie über die Filmaufnahmen gesprochen hat. Das gibt Murphys klassischer Straßenfotografie, die sich durch Respekt das Vertrauen der Dargestellten erwirbt, ein ungewohntes Echo. Vieles scheint sich in der Beschreibung zu doppeln und erfährt doch eine eindringliche Verdichtung.

Seit vielen Jahren herrscht im Kinodokumentarfilm das Dogma, ohne Kommentierung auszukommen – als läge nicht in der Sprache eine besondere Wirkungsmöglichkeit. Die heute klassischen sozialen und politischen Filme eines Peter Nestler zum Beispiel wären ohne Kommentar kaum vorstellbar. Insofern ist dieser Film eine erfreuliche Rückkehr zu einer gerade in England sehr populären Form des Dokumentarfilms, aber er könnte noch persönlicher sein. Murphys Kamera ist dem Fotojournalismus näher als der Kunst – und dadurch nie auf Augenhöhe mit PJ Harveys fragil-persönlicher Ausdruckskraft.

Kino: „A Dog Called Money“ von PJ Harvey an Kriegsschauplätzen

PJ Harvey und Seamus Murphy reisen in „A Dog Called Money“ noch an weitere verwüstete Orte, in den Kosovo und nach Afghanistan, wo sie jeweils das nach den Kriegen zurückkehrende Leben abbilden. Das Bemerkenswerte an diesen dokumentarischen Szenen ist die Wertschätzung für das Einzelbild. Murphy ist auch mit der Filmkamera eher Fotograf als Filmemacher. Seine Montage erinnert eher an ein Fotobuch als eine filmische Narration, vielleicht auch an die Art, wie man Songs auf einem Album anordnet.

Harveys Aufnahmen wurden im Rahmen einer Kunstinstallation im Londoner Somerset House vor Publikum eingespielt. Die Besucher konnten die Musiker durch Einwegspiegel beobachten, während diese lediglich im Bewusstsein arbeiteten, beobachtet zu werden.

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Tatsächlich ist es eine Freude, Harvey und ihrer Band beim Erarbeiten der Arrangements zuzusehen, man hätte viel mehr davon im Film unterbringen können. Ihr Instrumentarium besteht zu einem großen Teil aus folkloristischen Instrumenten, die die Musiker kontrastierend aufeinandertreffen lassen. Manchmal erweitern sie dabei das harmonische Spektrum in Richtung des experimentellen Komponisten Harry Partch.

PJ Harvey mit neuem Dokumentarfilm „A Dog Called Money“ im Kino

Weniger mitteilsam wirken dagegen die dokumentarischen Beobachtungen der vielen religiösen Zeremonien, die PJ Harvey und Seamus Murphy auf all ihren Reisen gesammelt haben. In der Montage in „A Dog Called Moeny“ wird daraus ein naiver, weltumspannender Synkretismus. Wie eine aufgesetzte Aktualisierung der politischen Songinhalte wirkt schließlich die Hinzufügung späterer dokumentarischer Aufnahmen, die Murphy etwa in Trumps Wahlkampf machte. Als wäre die Arbeit an der Musik nicht interessant genug; wie oft hört man ein Album und wünscht sich, eine Kamera wäre bei den Aufnahmen dabei gewesen.

Von Daniel Kothenschulte

A Dog Called Money.  GB/IR 2019. Regie: Seamus Murphy. 89 Min.

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