Wenn das Fitnessgerät ans Band kommt

Der Trend ist unumkehrbar: Die Gesellschaft altert - und diese Entwicklung macht auch vor den Werkstoren nicht halt. Deshalb müssen Unternehmen sich einiges ausdenken, um ihre älteren Mitarbeiter fit zu halten

Mettingen/Neckarsulm. Der Trend ist unumkehrbar: Die Gesellschaft altert - und diese Entwicklung macht auch vor den Werkstoren nicht halt. Deshalb müssen Unternehmen sich einiges ausdenken, um ihre älteren Mitarbeiter fit zu halten

Das Fitnessgerät rollt direkt ans Band. Der Autobauer Daimler hat das "Kraftwerk Mobil" entwickelt, einen kleinen Transporter mit einem Anhänger. Darauf steht eine Kraftmaschine, mit der beispielsweise im Daimler-Werk Mettingen im Kreis Esslingen die Bauch- und Rückenmuskulatur der Mitarbeiter gestärkt wird.

Wozu der ungewöhnliche Aufwand? Die Gesellschaft altert und mit ihr altern auch die Belegschaften. Deshalb fördern die Unternehmen verstärkt die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter. "2015 ist jeder dritte Mitarbeiter in der Produktion über 50", sagt Horst Mann, Leiter des Gesundheitswesens im Audi-Werk Neckarsulm im Kreis Heilbronn. Heute ist es erst jeder fünfte. Ähnlich sind die Zahlen bei Daimler oder beim Zulieferriesen Bosch in Stuttgart.

Die betriebliche Gesundheitsfürsorge wird immer besser und differenzierter. Dahinter steht auch die Grunderkenntnis: "Wir müssen bei den Jungen ansetzen, um langfristig die Gesundheit zu erhalten", wie es bei Audi heißt. Deshalb hat man in Neckarsulm und in Ingolstadt den Audi-Check-Up entwickelt, eine freiwillige Präventiv-Untersuchung, an der immerhin rund 90 Prozent der Mitarbeiter teilnehmen.

Bei Daimler gibt es aktuell eine Herz-Kreislaufkampagne und natürlich auch eine Rückenschule. Bei Bosch, wo das Durchschnittsalter von 42 Jahren bis 2030 auf etwa 49 Jahre steigen wird, baut man das Gesundheitsmanagement "befit" immer mehr aus. Nordic Walking, Fitnesskurse, Vorträge und Aufklärungskampagnen sind aus größeren Unternehmen nicht mehr wegzudenken.

Die Betriebskrankenkasse von Audi verweist auf Erhebungen, wonach die Erkrankungen an Wirbelsäulen und des Bewegungsapparats bei über 55-Jährigen sprunghaft zunehmen. Was liegt da näher, als zum Beispiel die Arbeit am Band anders, nämlich ergonomischer, zu gestalten. In einem Pilotprojekt hat Lars Skogno, Projektleiter der Montageplanung beim A 6, alle Arbeitsplätze analysieren lassen. Jetzt kann der Mitarbeiter das Band, an dem er arbeitet, für seine Schicht in die ideale Höhe verstellen, erklärt Skogno. "Auch bei Daimler wird bei der Planung neuer Produktionsanlagen Wert auf eine ergonomische Optimierung der Arbeitsplätze gelegt", sagt eine Sprecherin.

Doch die Unternehmen und ihre Betriebsräte setzen nicht nur auf den gesunden Rücken. So hat die Bosch-Stiftung und das Institut für Gerontologie der Uni Heidelberg eine Pilotstudie angestoßen. An ihr nahmen 2009 gut 200 Mitarbeiter zwischen 45 und 64 Jahren der Bosch-Standorte in Reutlingen und Ansbach (Bayern) teil. Sie trainierten drei Monate lang wöchentlich ihre kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie ihre körperliche Fitness. Vor und nach dem Versuch wurden alle Beteiligten untersucht, und das Ergebnis war eindeutig: Geistige und körperliche Fähigkeiten hatten sich durch die Aktivitäten enorm verbessert. "Bei Bosch werden die Erfahrungen und Erkenntnisse nun sukzessive an vielen der 70 deutschen Standorte umgesetzt", sagt ein Sprecher.

Darüber hinaus sind längst die sozialen und psychologischen Kompetenzen älterer Arbeitnehmer als wichtig für den Betrieb anerkannt. Fähigkeiten wie Überblick, Gelassenheit, große Erfahrung Mitverantwortung für jüngere Mitarbeiter - dies gilt als wertvolles Kapital für ein Unternehmen.

Im Jahr 2007 ließ Audi aufhorchen: Bei der komplizierten Produktion des brandneuen Supersportwagens Audi R8 gaben in der Montage zunächst vor allem ältere Mitarbeiter den Takt an. Die Abläufe waren erheblich vielfältiger als bei einer Großserienfertigung. Die "SilverLiner", wie die erfahrenen älteren Kollegen genannt wurden, brachten den komplexen Produktanlauf sicher und gelassen über die Hürden. Auch aufgrund dieser Erfahrungen weiß Neckarsulms Audi-Chefarzt Mann: "Wir müssen uns davon lösen, dass Alter immer nur Defizit bedeutet." (dpa)

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