Weil nur der Schein zählt

Können ohne Zertifikat ist in Deutschland wenig wert / Langsamer Wandel / Tests statt Dokumente

Von HENRY URMANN UND BARBARA WEIßBACH

Frankfurt a.M. - Was verbindet Migranten, Spätaussiedler aus Kasachstan, benachteiligte Jugendliche, Hausfrauen, Studienabbrecher, autodidaktische IT-Spezialisten und langjährig Selbstständige? Sie haben selten anerkannte Zertifikate oder Zeugnisse, die ihnen berufliche oder berufsrelevante Fähigkeiten bescheinigen. Deutschland ist ein Land, das auf die "Papierform" von Arbeitsuchenden höchsten Wert legt. Reicht in anderen Ländern in der ersten Bewerbungsphase ein Lebenslauf mit Anschreiben, so ist hier zu Lande die Beibringung von Bildungsbescheinigungen und Nachweisen der Arbeitserfahrung unverzichtbar.

Damit sitzen die Inhaber dieser Zertifikate einer doppelten Täuschung auf: Sie denken, dass sie über die Fähigkeiten, die ihnen in den Zeugnissen bescheinigt wurden, im Vorstellungsgespräch nicht Rechenschaft ablegen müssen. Und sie glauben, dass die Kompetenzen, die ihnen nicht bescheinigt wurden, für die Arbeitgeber nicht wichtig sind. Die Personalverantwortlichen wiederum laden im Sinne einer Risikominimierung die Menschen ohne Papiere gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht sind jedoch auch nicht dokumentierte Kompetenzen wertvolle Ressourcen, die verschwendet werden, wenn sie man sie nicht entdeckt und sichtbar macht. Gerade große Betriebe werden in wenigen Jahren nehmen müssen "was kommt" und dabei Integrationsfähigkeit entwickeln. Aus Sicht der Arbeitsuchenden stellen nicht dokumentierte Fähigkeiten ungenutzte Potenziale dar, die ihre Chancen bei der Jobsuche erheblich verbessern könnten. Doch frisst die Beschaffung, Übersetzung oder Anerkennung der Papiere Zeit, die man nicht in die Jobsuche oder aktive Aneignung von Fähigkeiten investieren kann. Jemand, der fünf Jahre als Einzelhändler in Marokko gearbeitet hat, braucht hier zweieinhalb Jahre zur Vorbereitung auf die deutsche externe Prüfung. So lähmt die Hoffnung auf die ersehnten Papiere oft Eigenaktivitäten der Arbeitsuchenden.

Einstellungstest als Chance

Diese Situation ist mit verantwortlich für die wachsende Bedeutung praktischer Arbeitserprobung, etwa in Form unbezahlter Praktika. Diese werden als Zugangsweg zum Job immer wichtiger, vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen. Zeitarbeitsfirmen und Großunternehmen hingegen verlassen sich zunehmend auf Assessment Center und Tests. Wurden diese früher von Berufseinsteigern oft als willkürlich und intransparent erfahren, so bieten sie doch Chancen für Quereinsteiger, ihre Kompetenzen jenseits konventioneller Berufszugänge unter Beweis zu stellen. Vom Briefzusteller über Call-Center-Agenten bis zu Zeitarbeitsfirmen und IT-Jobs sind Tests heute weit verbreitet. Das Spektrum reicht vom Rechtschreib- oder Rechentest bis zur praktischen Computerprüfung. 90 Anschläge pro Minute sind für einfache Jobs gefordert. Wie man diese Fähigkeit erworben hat, ist egal. Eine einfache Sprachprüfung soll Zeitarbeitsfirmen zeigen, ob jemand verstehbare Sätze produzieren kann - Rechtschreibung ist zweitrangig, Verständigungskompetenz viel wichtiger.

Dabei geht es nicht nur um Niedriglohnjobs, sondern auch um die IT-Branche, die angesichts vielfältiger Berufszugangswege und schneller Innovationsverläufe darauf angewiesen ist, Leistungen abzuprüfen statt sich auf Zertifikate und Regulierungen der deutschen Ausbildungsberufe zu verlassen. Die Vorteile von Testverfahren gegenüber Zertifikaten werden inzwischen auch von der Bundesagentur für Arbeit gesehen. Diese hat ja mit ihren psychologischen Diensten eine Kernkompetenz in der Steuerung von beruflicher und Weiterbildung, die aber bei der Zuweisung zu Umschulungen und Berufswahl von Jugendlichen nur unzureichend eingesetzt wurde. Künftig wird die Bundesagentur Tests verstärkt nutzen, um die berufliche Eignung und die Potenziale von Menschen sichtbar zum machen, die bisher eher unter dem Gesichtspunkt von Vermittlungshemmnissen betrachtet wurden. Heute bieten aber auch Online-Tests im Internet Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten transparent zu machen, die es früher nicht gab. Diese Tests sind ein wirksames Mittel gegen die Über-, aber auch Unterschätzung der eigenen Kompetenzen.

Das Sichtbarmachen und In-Wert-Setzen von versteckten, auf andere Berufsfelder übertragbaren Fähigkeiten ist ein Fokus der Ausbildung zum Job-Promotor an der Fachhochschule (FH) Frankfurt. Dort wird gelernt, wie Tests jenseits der Kategorien "bestanden" - "nicht bestanden" differenzierter interpretiert werden können. Die Teilnehmer können diese Tests selbst erproben und lernen, wie sich Klienten fühlen, wenn sie mit den Ergebnissen konfrontiert werden. Vor- und Nachbereitung der Kompetenzdiagnosen in gemeinsamer Arbeit mit den Klienten ist ein Kernstück der Weiterbildung zum Job-Promotor.

Henry Urmann ist Arbeitsvermittler inFrankfurt. Barbara Weißbach ist Lehrbeauftragte an der FH Frankfurt und Geschäftsführerin des Instituts für sozialwissenschaftliche Technikforschung (IUK) in Dortmund.

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