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Was macht eigentlich eine Traurednerin?

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Simone Schmidt
Zum Klientel von Traurednerin Simone Schmidt zählen ihren Worten nach zu 90 Prozent Nerds und Menschen außerhalb der Norm. Etwa zehn Stunden investiert sie pro Rede nur für das Schreiben. © Mascha Brichta/dpa-tmn

Emotionen wecken, Menschen zum Lachen bringen und zu Tränen rühren: Als Traurednerin muss Simone Schmidt mit ihren Worten ins Schwarze treffen. Denn: Eine Generalprobe gibt es für die Traurede nicht.

Bönningstedt - Wie findet man die richtigen Worte, wenn zwei Menschen sich trauen lassen wollen? Simone Schmidt arbeitet freiberuflich als Traurednerin („Nerdlich heiraten“) und begleitet Paare an ihrem Hochzeitstag. Nach ihrer ersten Rede dachte sie: „Nie wieder!“. Inzwischen hält sie das Redenschreiben für den besten Job der Welt. Warum, erzählt sie im Job-Protokoll.

Der Weg in den Job

Planen, Organisieren, Fäden zusammenführen und Bälle in der Luft halten - das sind meine Leidenschaften. Neben meinem Vollzeitjob habe ich deshalb schon immer auch in der Gastronomie, später als Assistentin einer Hochzeitsfotografin gearbeitet.

Irgendwann habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, meine Leidenschaften parallel zu meinem Hauptjob noch stärker auszuleben - und eine achttägige IHK-Weiterbildung zur Hochzeitsplanerin gemacht. In einer Phase, in der ich mein Netzwerk aufgebaut habe, wurde ich immer wieder darauf angesprochen, warum ich nicht mal eine Rede bei einer Hochzeit halte. Für mich, eine Person, die nicht gerne im Vordergrund steht, bis dahin unvorstellbar.

2017 kam schließlich ein Pärchen auf mich zu, das sich eine freie Trauung im Spreewald wünschte. Auf den Hochzeiten, die ich bis dahin begleiten durfte, habe ich beobachtet, wie wenig ein professioneller Redner im Vordergrund steht. Es geht um das Paar und deren Geschichte. Man bucht keinen Alleinunterhalter, keine Rampensau, man bucht jemanden, der zu einem passt, dem man vertraut und zutraut, die Aufgabe bestmöglich zu meistern.

Ich habe mir gedacht: Naja, der Spreewald ist nicht in meiner Nähe, kaum jemand kennt mich. Gucken wir mal, wie schlimm es wird. Und ja, es war schlimm: Ich habe dagestanden, mich gefragt, was ich hier mache. Ich habe gezittert wie selten in meinem Leben. Hinterher dachte ich mir: Ich mache das nie wieder. Vier Wochen später aber stand ich in Hamburg wieder vor einem Brautpaar. Seitdem bin ich süchtig.

Die Aufgaben

Seit sich die Corona-Situation wieder etwas entspannt hat, betreue ich etwa 25 bis 30 Hochzeiten im Jahr - weil viele Events verschoben wurden und man sich in der Lockdown-Zeit mehr miteinander, der Zukunft sowie dem Tod befasst hat. Die Termine finden vor allem während der Saison, also von April bis Oktober, statt.

Viele von meinen Aufgaben haben mit Werbung und Marketing zu tun, damit meine Angebote gefunden werden: Etwa netzwerken, Messen besuchen, Social-Media-Posts oder Anzeigen planen und platzieren. Finanzen und Buchhaltung spielen eine große Rolle. Daneben geht es um Kommunikation: Telefonanrufe, E-Mails, Whatsapp-, Instagram- und Facebook-Nachrichten. Auch mit den anderen Dienstleistern, die auf einer Hochzeit sind, stehe ich im Kontakt.

Und natürlich treffe ich die Paare: Am besten sieht man sich zweimal live. Ich bin vor allem für Paare im Norden Deutschlands unterwegs, bekomme aber auch von anderswo Anfragen. Das heißt, ich bin meist schon zwei Tage pro Trauung damit beschäftigt, das Paar zu treffen, im besten Fall Kaffee zu trinken und mich mit ihnen auszutauschen, sie kennenzulernen, zu erleben.

Und dann schreibt man die Rede. Man kann es nicht pauschalisieren, aber ich investiere etwa zehn Stunden pro Rede nur für das Schreiben. Mit Freunden und Familie der Paare spreche ich gerne noch mal, um den Reden eine andere Sichtweise zu geben.

Die schönsten Seiten

Ich würde mich als Tränenjägerin bezeichnen. Man sagt mir nach, dass man bei meinen Reden sehr viel lachen kann. Das finde ich gerade in den vergangenen zwei Jahren sehr wertvoll. Mir geht es aber insgeheim darum, mindestens die erste Reihe der Gäste zum Weinen zu bekommen. Also Freudentränen und emotionale Tränen, weil man gerade einen sentimentalen Moment erwischt hat.

Gespräche mit den Hochzeitspaaren
Für die perfekte Traurede trifft sich Simone Schmidt („Nerdlich Heiraten“) gerne zu ausführlichen Gesprächen mit den Hochzeitspaaren. © Mascha Brichta/dpa-tmn

Zu meinen persönlichen Highlights zählt genauso, wenn Eltern, Trauzeugen oder Omas und Opas nach der Trauung fast schon auf mich zustürmen und mich umarmen möchten. Zu Weihnachten habe ich ein Päckchen von einem Paar bekommen, zu dessen silbernem Hochzeitstag ich eine Rede gehalten habe. Diese Wertschätzung und Dankbarkeit, die man erlebt, macht es zum besten Job der Welt.

Simone Schmidt
Traureden zu schreiben, ist für Simone Schmidt der schönste Job der Welt. Sie ist vor allem für Paare im Norden Deutschlands im Einsatz. © Mascha Brichta/dpa-tmn

Wenn ich Paare kennenlerne, sage ich gerne: Das ist ein wirklich egoistischer Job, den ich hier mache. Man nährt sich an den besten Erinnerungen und Momenten eines Paares. Man hört die schönsten Liebeserklärungen und emotionalsten Geschichten. Man bekommt total viel - und wird dafür sogar bezahlt! Wenn es nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen würde, wäre es wahrscheinlich das beste Ehrenamt.

Die größten Herausforderungen

Vertrauen und Verantwortung sind wichtige Themen. Man hat bei einer Trauung keine Generalprobe. In der Regel bekommt das Brautpaar die Rede nicht vorher zu sehen. Es geht ja um Emotionen und Überraschung. Man hat also nur den einen Moment - und der muss sitzen.

Da braucht es ein gutes Bauchgefühl, um als Dienstleister herauszufinden, wer als Paar tatsächlich zu einem passt. Das Paar muss mir viel anvertrauen können, muss ähnlich ticken und denken wie ich. Die Paare, die ich betreue, sind zu 90 Prozent Nerds, Freaks, Menschen abseits der Norm, die wenig mit Boho, Tauben und Altrosa anfangen können und möchten. Ein wichtiger Punkt ist es für mich deshalb, Neinsagen zu können, wenn es mit einem Paar nicht passt.

Und beim Thema Hochzeit ist längst nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Man bekommt schon mal Familienstreitereien mit oder hört bei der Rede Kommentare aus der ersten Reihe. Im Gespräch mit dem Brautpaar gehört es ebenso dazu, die schlimmsten Themen ansprechen zu können. Da habe ich schon mal einen Kloß im Hals, selbst Tränen in den Augen oder Gänsehaut. Trotzdem muss man dann einigermaßen cool bleiben.

Was auch mal nervt

Alles, was mit dem Thema Finanzamt und Steuerberater zu tun hat, gehört nicht zu meinen liebsten Seiten am Beruf. Und Spontaneität im Familien- oder Freundeskreis ist nahezu unmöglich, wenn man für Hochzeiten bis zu drei Jahren im Voraus gebucht wird.

Verdienstmöglichkeiten

Wie viel man als Rednerin oder Redner verdient, kommt ganz darauf an, wie man sein Business handhabt. Man kann 200, 300 oder 400 Euro pro Rede verlangen, wenn man es nur als Nebenjob sieht, nicht darauf angewiesen ist und die Kosten nicht gedeckt sein müssen. Ich habe aber schon gehört, dass jemand 3600 Euro für Reden genommen hat.

Das ist eine Frage der Zielgruppe und des eigenen Wertempfindens sowie der Kalkulation. Da muss jeder und jede den eigenen Weg finden. Im Durchschnitt nehmen Rednerinnen und Redner meiner Erfahrung nach etwa 850 bis 1600 Euro für eine Rede.

Je nachdem, wie viele Trauungen man pro Jahr begleitet, kann am Ende eine nette Summe herauskommen. Die Ausgaben, die man hat, sind aber nicht zu unterschätzen - etwa für Fahrten, Weiterbildung, Versicherung, Werbung oder Technik. Mir persönlich wäre das Geschäft als Haupteinkommensquelle zu risikoreich, es bleibt also ein Nebenjob für mich. dpa

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