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Die perfekte Fassade aus Erfolg, Leistung, Status und Macht: Narzisstische Menschen können andere mitreißen, aber auch emotional vernichten.

Blender im Job

Was tun, wenn der Chef ein Narzisst ist?

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Blender wie der Karstadt-Investor Nicolas Berggruen versprechen viel und halten wenig. Was zählt, ist der schöne Schein – auf Kosten anderer. Wie gehen Arbeitnehmer mit solchen Vorgesetzten und Kollegen um? Das verrät ein neuer Ratgeber.

Als „Karstadt-Retter“ wurde Nicolas Berggruen anfangs gefeiert. Der Investor blendete alle mit seinem Charisma – doch nichts von dem, was Berggruen versprach, hielt er ein. Zuerst verkauften seine Manager die Filetstücke und schließlich auch noch den Rest von Karstadt. Kein Cent Eigenkapital wurde investiert, stattdessen presste Berggruen Millionen aus dem Unternehmen heraus, wie Medien berichteten.

Blender wie Berggruen finden sich in allen Bereichen der Arbeitswelt, in hohen wie niedrigen Positionen – und mit ihnen auszukommen ist schwierig, weiß Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki. In ihrem neuen Buch „Blender im Job: Vom klugen Umgang mit narzisstischen Chefs, Kollegen und Mitarbeitern“ (Scorpio Verlag) gibt sie Tipps, wie eine Zusammenarbeit trotzdem gelingen kann.

Im ersten Teil des Buches erklärt Wardetzki den Begriff und erläutert, wie sich ein normaler Narzissmus von einem krankhaften und negativen unterscheidet. Außerdem beschreibt die Therapeutin unsere narzisstische Gesellschaft: „Wir lassen uns blenden von Aktienkursen und beruhigenden Aussagen der Staatschefs. Wir wiegen uns in einer Sicherheit, die keine wirkliche ist. Wir glauben, alles erreichen zu können, wenn wir nur wollen und uns genug anstrengen.“

Doch hinter der optimierten Fassade bröckelt es: „Reichtum, Luxus und Statussymbole erkaufen wir uns auf Kosten der weniger Wohlhabenden und Armen und durch die Ausbeutung der Welt.“ Das sei ein zentraler narzisstischer Mechanismus: „Hauptsache, der äußere Schein glänzt, wie es innen aussieht, geht keinen etwas an.“ Am Arbeitsplatz seieht das nicht anders aus – darauf geht die Autorin im zweiten Teil ein.

Mein Chef ist ein Narzisst – was nun?

Therapeutin Wardetzki warnt vor einem allzu charismatischen Vorgesetzten oder Kollegen: Er könnte sich als narzisstisch entpuppen, mit allen Vor- und Nachteilen. „Seien Sie im Umgang mit ihm besonnen, denn seine Idealisierung kann schnell in Entwertung kippen.“ Hier ein paar ihrer zahlreichen Tipps für den Umgang mit einem narzisstischen Chef, die natürlich immer auch vom jeweiligen Typ abhängen:

  1. Fairness hilft nicht: Alle bisherige Loyalität und Vereinbarungen mit dem Chef nützen nichts, wenn wir Untergebene etwas tun, was in seinen Augen Verrat ist. „Wir können noch so fair gewesen sein, es spielt keine Rolle mehr, es wird nur die momentane Unfairness gesehen, wegen der wir bestraft oder verstoßen werden. Denn alles, was vorher war, gilt in den Augen des narzisstischen Menschen nun nichts mehr“, so Wardetzki.
  1. Kein Lob erwarten: Viele Vorgesetzte loben weniger, als es die Motivation und das Bedürfnis der Mitarbeiter erfordert. Arbeitnehmer sollten es nicht persönlich nehmen sondern die Zustimmung an anderer Stelle suchen, statt beleidigt zu sein.
  2. Nicht vertrösten lassen: Narzisstische Vorgesetzte neigen häufig dazu, Konflikte zu vermeiden – stattdessen werden diejenigen, die das Problem haben, entweder nicht ernst genommen oder es wird ihnen als ihre eigene Schuld zurückgegeben. Die Autorin rät: „Benennen Sie klar, was Sie belastet und formulieren Sie Ihre Wünsche. Damit zeigen Sie Kompetenz und Eigenverantwortlichkeit. Denn das Problem liegt nicht bei Ihnen, dass Sie sich entwertet fühlen, sondern bei der Führungskraft, die unfähig ist, Konflikte anzugehen.“

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Was tun Sie, wenn Sie einen narzisstischen Kollegen haben? Autorin Bärbel Wardetzki hat ein paar Tipps für betroffene Mitarbeiter parat. Dazu zählt zum Beispiel, die Arbeitsbereiche klar abzustecken: „Lassen Sie sich Ihre Arbeit und Ihren Erfolg nicht aus der Hand nehmen“, empfiehlt die Expertin. „Drängelt er sich immer vor, dann lassen Sie ihm den Vortritt in Bereichen, die Ihnen selbst nicht so wichtig sind, und signalisieren ihm: 'Auf diesem Gebiet sind Sie ja der Spezialist. Das andere Thema gehört in meinen Bereich und deshalb werde ich es in der Versammlung vortragen. Ich bitte Sie, sich dann zurückzuhalten.'“

Mit einem sachlich-distanzierten Umgang und wohl dosiertem Lob könnten Mitarbeiter einen Narzissten sogar als Unterstützer gewinnen. Ist der Kollege besonders angriffslustig, rät die Autorin, eine Attacke zurückzuspiegeln. Ein Beispiel aus dem Buch:

Narzisst: „So kann das ja nichts werden, bei dem Chaos auf dem Schreibtisch!“ Sie: „Das klingt, als hätten Sie damit Erfahrung.“ Oder augenzwinkernd: „Ja, das Chaos brauche ich für meine Kreativität.“ Auf diese Weise schlagen Mitarbeiter drei Fliegen mit einer Klappe: Sie geben ihm Recht, steigen nicht in den Kampf ein und betonen eine Ihrer Stärken.

Wie narzisstisch bin ich?

Fest steht nach der Ratgeber-Lektüre: Jeder von uns hat mehr oder weniger narzisstische Anteile. „Ihre erkennen Sie daran, wie viel Aufmerksamkeit, Lob, Anerkennung und Applaus Sie brauchen, um sich einigermaßen wohl zu fühlen“, weiß Wardetzki. Sie reagieren sofort, weil der Chef mit dem Kollegen länger redet und ihm sehr zugewandt ist? Ihnen reicht eine positive Rückmeldung nicht aus, um sicher zu sein, gute Arbeit geleistet zu haben, sondern Sie möchten es von jedem hören? Dann haben Sie offenbar ein sehr großes narzisstisches Bedürfnis.

Fazit: Bärbel Wardetzki zeigt mit dem Ratgeber erneut, dass sie über eine hohe Fachkompetenz in Sachen „Psychologie am Arbeitsplatz“ verfügt. Das Buch ist auch für Laien verständlich geschrieben, klar strukturiert und gibt wie versprochen viele praktische Tipps für den Umgang mit Narzissten – aber es enthält auch Ratschläge auch zur kritischen Selbstanalyse. Zum noch besseren Verständnis der Thematik hätten vielleicht ein paar mehr Grafiken dem Ratgeber gut getan.

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