Putzen gegen Wohnraum: Studenten wohnen bei Senioren

In wenigen Wochen beginnt das Wintersemester und tausende Studenten suchen noch nach einer Bleibe. In vielen Uni-Städten ist bezahlbarer Wohnraum allerdings knapp. Immer beliebter werden daher WGs mit Senioren.

Münster. In wenigen Wochen beginnt das Wintersemester und tausende Studenten suchen noch nach einer Bleibe. In vielen Uni-Städten ist bezahlbarer Wohnraum allerdings knapp. Immer beliebter werden daher WGs mit Senioren.

Der Deal: Zimmer gegen Hilfe. Dabei geht es aber nicht immer reibungslos zu. Putzen - das ist in vielen Wohngemeinschaften das Streitthema Nummer eins. Nicht so bei Jura-Studentin Evelina Hopf. In der WG der 23-Jährigen ist es ausschließlich sie, die den Boden wischt und saugt, den Müll raus bringt, die Fenster putzt, im Garten den Rasen mäht und Unkraut zupft. Zum Spaß macht Evelina das nicht. Mit der Haus- und Gartenarbeit zahlt sie quasi ihre Miete. Für jede Stunde, die sie ihrer Vermieterin Gisela Gebhardt - einer 73 Jahre alten Rentnerin - zur Hand geht, bekommt sie einen Quadratmeter mietfreien Wohnraum. Für die Souterrainwohnung in Gebhardts Haus zahlt Evelina deswegen nur 80 Euro im Monat.

Möglich macht dies das Projekt "Wohnen für Hilfe", das es mittlerweile in 14 Städten in Deutschland gibt, darunter Köln, Frankfurt, München, Aachen und Düsseldorf. Die Abmachung: Studenten bekommen mietfrei Wohnraum, dafür helfen sie in Haus und Garten, gehen Einkaufen oder mit dem Hund spazieren - je nach Absprache. Ein Tauschgeschäft, bei dem die Faustregel gilt: Ein Quadratmeter Wohnraum für eine Stunde Arbeit, Nebenkosten fallen extra an.

Bei Studenten ist die alternative Wohnform gefragt, vor allem zu Beginn des Wintersemesters. "Bei uns ist zurzeit die Hölle los", sagt Erwin Stroot (68), der in Münster das Projekt gemeinsam mit seiner Frau Ursula ehrenamtlich koordiniert. 26 Wohnpartnerschaften haben sie im vergangenen Jahr schon vermittelt, 25 Bewerbungen warten derzeit auf Antwort. "Und ich habe keine einzige Wohnung mehr." Stroot stöhnt. Ein Grund für die starke Nachfrage seien natürlich die geringen Kosten. "Doch ein Großteil macht mit, weil sie Erfahrung im sozialen Bereich sammeln wollen."

So war es auch bei Evelina, die aus der Nähe von Kiel kommt und von dem Projekt im Radio gehört hat. "Als ich mir wegen des Studiums in Münster eine Wohnung suchen musste, war mir klar, dass ich mit einem alten Menschen zusammenleben möchte, dem ich helfen kann", sagt die Studentin, die sich schon seit Jahren bei den Pfadfindern engagiert. Seit einem Jahr lebt sie jetzt unter dem Dach von Gisela Gebhardt, vier Stunden in der Woche geht sie der Seniorin zur Hand.

Und nicht nur das: "Frau Gebhardt und ich verstehen uns super", sagt Evelina. "Wir trinken häufig Tee zusammen und erzählen uns was." Oder sie machen gemeinsam Musik. "Dann spielt Frau Gebhardt Akkordeon und ich begleite sie auf dem Saxofon." Sogar zusammen aufgetreten sind die beiden schon - mit dem Seniorenorchester von Frau Gebhardt, in einem Münsteraner Altenheim.

So harmonisch wie bei den Beiden geht es allerdings nicht immer zu. "Schwierig wird es manchmal, wenn der Freund einer jungen Mitbewohnerin in der Wohnung übernachten will", sagt Stroot. "Das kennen viele Ältere ja nicht. Die kommen aus einer Zeit, wo sowas vor der Hochzeit nicht erlaubt war. Da müssen wir dann vermitteln." Problematisch sei auch, wenn die Alten Hilfe bei der Pflege einforderten. "Das ist grundsätzlich ausgeschlossen."

Bedauerlich finden Stroot und seine Frau, dass nur wenige alte Menschen sich auf das Projekt einlassen mögen. "Viele sind misstrauisch, wen sie ins Haus kriegen." Auch die Kinder stellten sich manchmal quer. "Wo sollen wir denn dann schlafen, wenn wir zu Besuch kommen? Sowas hört man dann manchmal", sagt Ursula Stroot.

Ganz anders war es beim Ehepaar Fürst. "Meine Tochter war von dem Projekt begeistert", sagt Klara Fürst (78). Sie und ihr Mann Günter (79) machen schon seit drei Jahren bei "Wohnen für Hilfe" mit. Herr Fürst hatte vor einigen Jahren einen Schlaganfall, seine Frau lebt mit zwei künstlichen Knien und einer künstlichen Hüfte. "Da gibt es einfach viele Dinge im Haus, um die wir uns nicht mehr selbst kümmern können", sagt sie. Die Gardinen abnehmen, zum Beispiel, oder im Winter den Schnee schippen.

Zwei Studentinnen hat ihnen das Wohnprojekt schon in ihr Einfamilienhaus vermittelt, vor kurzem ist jetzt die 20 Jahre alte Sarah Böhm in die 34 Quadratmeter große Wohnung mit Balkon im ersten Stock eingezogen. Dafür zahlt sie monatlich 120 Euro plus Strom - und hilft dem Ehepaar Fürst 20 Stunden im Monat. "Fenster putzen und Bücherregale entstauben steht bald auf dem Programm", sagt Frau Fürst.

Für Sarah, die eine Ausbildung zur Erzieherin macht, kein Problem. "So günstig kann ich nirgendwo sonst wohnen. Und die Arbeit macht mir auch Spaß." Besonders schön findet Sarah es allerdings, wenn sie nach Hause kommt und Frau Fürst ihr mal wieder ein Stück Kuchen auf die Fensterbank gestellt hat - oder sie die alte Dame im Wohnzimmer antrifft. "Frau Fürst strickt dann", sagt Sarah. "Und dann erzählen wir ein bisschen." (dpa)

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