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Manchmal führt nur ein Umweg zum Ziel.
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Manchmal führt nur ein Umweg zum Ziel.

Ausbildung

„Jeder Mensch ist ein Talent“

  • VonStefan Sauer
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Hunderttausende junger Leute haben wegen schlechter Noten oder abgebrochener Ausbildung denkbar schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Doch der Nachwuchsmangel in vielen Lehrberufen eröffnet ihnen eine zweite Chance.

Hunderttausende junger Leute haben wegen schlechter Noten oder abgebrochener Ausbildung denkbar schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Doch der Nachwuchsmangel in vielen Lehrberufen eröffnet ihnen eine zweite Chance.

Es ist nicht leicht gewesen für Denis. Die Sprache, die Umgebung, die Menschen, alles war fremd. 15 Jahre alt war Denis Welz, als er mit seinen Eltern aus der Ukraine nach Deutschland kam. Man hat ihn in Berlin in eine Förderklasse und dann auf die Hauptschule geschickt. Denis schaffte den Abschluss, bewarb sich vergeblich um eine Tischlerlehre, begann eine Ausbildung zum Koch und warf nach drei Monaten hin. Da war er 22 und alle Signale standen auf Rot.

Wie Denis geht es mehreren Hunderttausend jungen Erwachsenen in Deutschland. Jedes Jahr verlassen 50.000 Jugendliche deutsche Schulen ohne Abschluss. Mehr als 20?000 Bewerber haben im Ausbildungsjahr 2013 noch keine Lehrstelle gefunden. 330.000 junge Erwachsene werden von der Bundesagentur für Arbeit in der einen oder anderen Weise gefördert, um sich auf eine Ausbildung vorzubereiten oder eine Festanstellung zu finden. Das ist die eine Seite des Arbeitsmarkts.

Auf der anderen fahnden tausende Betriebe vergeblich nach geeigneten Lehrlingen. 33.000 Ausbildungsplätze sind noch unbesetzt. Fast ein Viertel aller ausbildenden Firmen hat noch Stellen frei, im Osten sind es 36 Prozent. Und von denen, die sich vorstellen, erfüllen viele nicht die Anforderungen. 75 Prozent aller Unternehmen mit freien Lehrstellen klagen nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) über mangelnde Ausbildungsreife der Bewerber: Manchen mangele es an Kenntnissen, andere seien unpünktlich und wenig motiviert.

Stefan Edel war so einer. Er hat nach Realschulabschluss und Wehrdienst gelegentlich nach Lehrstellen Ausschau gehalten, ohne sich dabei zu verausgaben. Eine Ausbildung als informationstechnischer Assistent scheiterte, auch weil ihm pünktliches Erscheinen nicht so wichtig war. Dann kamen Mini- und Leiharbeiterjobs, immer wieder unterbrochen von Arbeitslosigkeit. Denn solche wie Stefan fliegen als erste, wenn der Betrieb mal nicht gut läuft. Sie haben keine Chance.

Es sei denn, man gibt sie ihnen, sagt Marion Schick: „Jeder Mensch ist ein Talent.“ Frau Schick ist Personalvorstand der Telekom AG und erkennbar stolz darauf, dass das Unternehmen seit 2009 gezielt jungen Leuten aus dem Hartz-IV-Bezug die Möglichkeit gibt, sich auf eine Berufsausbildung vorzubereiten – und diese dann möglichst bei der Telekom auch zu absolvieren. „Das Gerede von der Nicht-Ausbildungsfähigkeit begleitet mich seit 20 Jahren. Ich singe dieses Lied nicht mit“, sagt die Personalchefin.

Gefördert von der Bundesagentur für Arbeit durchlaufen derzeit 280 junge Erwachsene bei der Telekom eine Einstiegsqualifizierung, die nach neun Monaten in eine Ausbildung münden soll. Fast drei Viertel erreichen dieses Ziel.

Auch Stefan Edel und Denis Welz hatten Erfolg. Die beide 25-Jährigen lassen sich zum Systemelektroniker ausbilden. „Ich bin einfach froh, endlich eine dauerhafte Perspektive zu haben“, sagt Edel. „Mir fällt die Arbeit nicht schwer, weil sie Freude macht“ sagt Welz. Solche Nachwuchskräfte betrachtet Marion Schick als „eine Elite im besten Sinne des Wortes“: Weil sie, trotz schlechter Startbedingungen, den Einstieg ins Berufsleben doch noch meisterten.

Wiebke Fiege würde sich selbst gewiss nicht einer „Elite“ zuordnen. Mit 16 Jahren wurde sie schwanger, mit 17 kam ihre Tochter zur Welt, als Alleinerziehende musste sie ihre Ausbildung zur Altenpflegerin abbrechen. Auch Wiebke schien der Weg ins Abseits vorgezeichnet. „Die Möglichkeit, bei der Telekom eine Teilzeitausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation zu machen, war für mich wie ein Lottogewinn“, sagt die 23-Jährige heute.

80 solcher 25-Wochenstunden-Lehrlinge hat das Unternehmen derzeit beschäftigt – natürlich auch im eigenen Interesse. Schick: „Wir sichern unseren Fachkräftenachwuchs. Wer das nicht macht, macht einen Fehler.“

Die Notwendigkeit, vermeintlich schwächeren Bewerbern eine Chance zu geben, hat in vielen Unternehmen zu einem Umdenken geführt. Laut DIHK waren 2012 fast 40 Prozent der Betriebe bereit, über manch schlechte Schulnote hinwegzusehen, wenn die Einstellung zur Arbeit stimmt.

Zwei Jahre zuvor waren es nur halb so viele. „Die Auswahlverfahren ändern sich, das Zeugnis verliert an Bedeutung“, sagt BA-Vorstand Heinrich Alt. So hat sich auch die Bahn AG von den Schulnoten als Auswahlkriterium verabschiedet und setzt nun auf Eignungstests. „Wir wollen nicht die mit den besten Noten, sondern die Richtigen“, heißt es bei der Bahn.

Ganz so positiv sehen das kleinere Betriebe oft nicht, weiß DIHK-Ausbildungsexperte Markus Kiss. Zahlreiche Firmen machten Kompromisse in der Bewerberauswahl, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibe. Dabei sollten Unternehmen intensiver die BA-geförderte Einstiegsqualifizierung nutzen, sagt Kiss. Denn die Mühe lohnt, wie BA-Vorstand Alt versichert: Die Loyalität der jungen Leute zu den Arbeitgebern sei „sehr ausgeprägt“.

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