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Jede zweite Frau ist schon einmal am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden.

Ungleich behandelt

Gezielt gegen Diskriminierung vorgehen

Eine Muslima darf nicht in der Zahnarztpraxis arbeiten, ein Rollstuhlfahrer bekommt trotz guter Arbeitszeugnisse nur Absagen: Bei solchen Fällen von Diskriminierung besteht ein Anspruch auf Schadensersatz. Welche Rechte Betroffene haben, und wie sie diese einfordern können - ein Überblick.

Es geschieht wegen ihrer Religion oder ethnischen Herkunft, aufgrund ihres Alters oder einer Behinderung: Täglich erleben Menschen Diskriminierung in der Arbeitswelt. Und nicht immer setzen sich die Betroffenen ausreichend dagegen zur Wehr. Dabei hat die Bundesregierung mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), auch Antidiskriminierungsgesetz genannt, eine Möglichkeit geschaffen, sein Recht einzufordern. Wir geben Beispiele für Diskriminierungsfälle und sagen Ihnen, an wen Sie sich wenden können.

Benachteiligte Bewerber

Wenn Jobanwärter von einem Unternehmen abgelehnt werden und sich diskriminiert fühlen, können sie keine Auskunft über den eingestellten Mitbewerber verlangen. Das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg im vergangenen Jahr entschieden. Der Arbeitgeber sei nicht dazu verpflichtet mitzuteilen, welche Einstellungskriterien für die Stelle entscheidend waren, so die Richter.

Die Entscheidung muss aber nicht von Nachteil für den Betroffenen sein. „Arbeitnehmer haben mit diesem Urteil sogar bessere Möglichkeiten, eine etwaige Diskriminierung nachzuweisen“, sagte Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Wenn ein Arbeitgeber nämlich eine Auskunft verweigere, könne dies im Einzelfall gegen ihn verwendet werden.

Religionszugehörigkeit

Betroffen von dieser Art der Benachteiligung sind nicht nur Menschen mit Konfession, sondern auch solche ohne jede Religionszugehörigkeit. Unter Umständen stellt dann eine Jobabsage eine Diskriminierung nach dem AGG dar - sogar wenn die Kirche der Arbeitgeber ist. Das hat zuletzt das Arbeitsgericht Aachen entschieden. In dem Fall hatte sich ein Mann als Pfleger bei einem katholischen Krankenhaus beworben. Aber die Klinik lehnte die Bewerbung ab, weil er nicht Mitglied in einer Religionsgemeinschaft war. Der Bewerber klagte auf eine Entschädigung - und bekam Recht.

Ebenfalls erfolgreich war 2012 eine junge Muslima mit ihrer Klage gegen das Kopftuchverbot: Sie hatte sich um eine Ausbildungsstelle als Zahnarzthelferin beworben und wurde nur wegen des Kopftuchs nicht eingestellt - Diskriminierung, urteilte das Arbeitsgericht Berlin.

Sexuelle Belästigung

Obszöne Witze, sexuelle Anspielungen oder ungewollte Berührungen: Wie die aktuelle Debatte um FDP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle zeigt, ist Sexismus ein großes Problem im Alltag. Jede zweite Frau ist laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) schon einmal am Arbeitsplatz sexuell belästigt worden. Betroffene Frauen sollten die Vorfälle genau notieren, sich mit Kolleginnen zusammenschließen und Hilfe holen - entweder beim Arbeitgeber, Gleichstellungsbeauftragten oder bei einer Beratungsstelle. Das gilt auch für Lesben und Schwule, die Opfer von Diskriminierung werden.

Altersdiskriminierung

Ältere Beschäftigte werden aus den Unternehmen herausgedrängt, jüngere Bewerber bei der Einstellung bevorzugt. Schon wenn in einer Stellenanzeige mit einem „jungen Team“ geworben wird oder nur „Young Professionals“ gefragt sind, verstößt dies gegen das Antidiskriminierungsgesetz. Umgekehrt können auch Jüngere benachteiligt werden - zum Beispiel wenn sie weniger Urlaubstage erhalten als ihre älteren Kollegen. Eine solche Staffelung ist laut einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts unzulässig.

„Altersdiskriminierung ist ein ernsthaftes Problem in unserer Gesellschaft“, sagte Christine Lüders vom ADS. Betroffene sollten sich nicht scheuen, dagegen vorzugehen. Ansprechpartner sind die betriebliche Beschwerdestelle und der Betriebs- oder Personalrat.

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Geschlecht

Laut der ILO-Studie aus dem Jahr 2011 gibt es trotz einiger Fortschritte noch immer deutliche Lohnunterschiede bei Männern und Frauen. Weltweit verdienen weibliche Arbeitnehmer nur rund 70 bis 90 Prozent des Einkommens der Männer. Auch die zunehmend eingeführten flexiblen Arbeitszeiten haben an der Diskriminierung durch Schwangerschaft und Mutterschaft noch nicht viel geändert.

Ethnische Herkunft

Anweisungen wie „Bitte stellen Sie keine Türkinnen mehr ein“ und Kündigungen wegen mangelnder Deutschkenntnisse: Die Liste von Diskriminierungsfällen aufgrund der ethnischen Herkunft ist lang. Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich im Beruf deutlich häufiger benachteiligt als andere, zeigt auch eine Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). In der Finanzkrise hat sich die Situation sogar noch verschärft: Viele Menschen bekommen wegen rassistischer Vorurteile keinen Job, so das Fazit der ILO-Arbeitsforscher.

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Behinderung

Ständige Job-Absagen, Büros ohne Aufzüge oder Behinderten-WC: „Vor allem im Arbeitsleben und im Bereich Bildung werden behinderte Menschen benachteiligt“, erläuterte der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe. Immerhin müssen öffentliche Arbeitgeber Bewerber mit Handicap zum Vorstellungsgespräch einladen - es sei denn, sie sind für die Stelle offensichtlich ungeeignet. So steht es im Sozialgesetzbuch.

Ab einer Betriebsgröße von 20 Arbeitsplätzen ist ein Unternehmen zur Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen auf mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze verpflichtet. Fragt ein privater oder öffentlicher Arbeitgeber im Gespräch nach einer Schwerbehinderung, dürfen Bewerber übrigens lügen.

Das können Sie tun

Wer diskriminiert worden ist, wendet sich entweder an Personalverantwortliche im Betrieb oder eine Beratungsstelle wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Bei Gesetzesverstößen haben Opfer einen Anspruch auf Entschädigung und Schadensersatz. Über die Hotline 03018 555 1865 erklären Juristen der Antidiskriminierungsstelle, wie Betroffene ihre Rechte durchsetzen können. Allerdings müssen sie der Person, gegen die sich der Vorwurf richtet, innerhalb von zwei Monaten nach der Diskriminierung ihre Forderungen schriftlich mitteilen.

Anonymisierte Bewerbung

Qualifikation ist wichtiger als Aussehen, Geschlecht oder Herkunft - leider beherzigen das nicht alle Unternehmen. Einige Betriebe ermöglichen aber bereits anonyme Bewerbungen ohne Foto, Geschlechts- oder Altersangaben. Damit haben alle Jobanwärter gleiche Chancen auf eine Einladung zum Bewerbungsgespräch – unabhängig davon, ob sie potentiell von Diskriminierung betroffen sind oder nicht. (gs; mit Material von dpa)

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