+
Mehr als jeder vierte Vater eines neugeborenen Kindes geht inzwischen in Elternzeit - aber danach in Teilzeit arbeiten und weiterhin die Kinder betreuen, das machen nur wenige.

Work-Life-Balance

Führen in Teilzeit - wie klappt das?

  • schließen

Kinder betreuen, Angehörige pflegen - das ist oft nur mit einer Teilzeitstelle möglich. Besonders Führungskräfte reduzieren ungern Stunden, weil sie um ihre Karrierechancen fürchten. Aber mit speziellen Arbeitszeit-Modellen kann Führen in Teilzeit gelingen. Familienvater Ghislain Delpeuch berichtet von seinen Erfahrungen.

Eine gute Work-Life-Balance ist für Arbeitnehmer immer wichtiger. Drei Viertel der 25- bis 39-Jährigen würden ihren Job für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf wechseln, zeigt eine Studie des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik. Aber wie bekommt man Familie, Freizeit und Arbeit besser unter einen Hut?

Antworten hat Ghislain Delpeuch. Er ist Experte für Datenmanagement und Teamleiter beim IT-Dienstleister SSC Services in Sindelfingen. Um für seine beiden kleinen Kinder da sein zu können, hat sich der 42-Jährige für eine Führungsposition in Teilzeit entschieden. Dazu startete Delpeuch mit 28 Arbeitsstunden wöchentlich, heute arbeitet er 35 Stunden in der Woche, zum Teil vom Home Office aus. Wir sprachen mit ihm über die Chancen und Schwierigkeiten seines Arbeitsmodells.

Herr Delpeuch, wieso haben Sie sich für das Teilzeit-Modell entschieden?

Ich wollte aktiv bei der Erziehung meiner Kinder mitwirken, sie sind jetzt sechseinhalb und vier Jahre alt. Ich wollte einfach nicht in zehn Jahren zurückzublicken und denken „Ich habe alles verpasst!“ Außerdem mochte meine Frau nicht zu lange aus dem Beruf ausscheiden, sie hat momentan eine 70-Prozent-Stelle.

Wie sieht Ihr Arbeitstag zu Hause im Home Office aus?

Ich fange sehr früh morgens an und gehe montags und donnerstags ab 12 Uhr mittags nach Hause. Dann kümmere ich mich um die Kinder, wenn sie aus der Schule und aus dem Kindergarten kommen. Im äußersten Notfall bin ich für Mitarbeiter erreichbar - aber am liebsten per Mail, dann kann ich flexibler antworten. Weil ich sowohl als Teamleiter als auch in Projekten arbeite, erledige ich die Projektarbeit in der Regel im Home Office. Das kommt mir sehr entgegen.

Und wie funktioniert der Kundenkontakt?

Mit den Kunden spreche ich normalerweise, wenn die Kinder in der Schule sind. Gleichzeitig Kinder und Kunden betreuen kann ich nicht - ich bin leider nicht so multitaskingfähig. In dringenden Fällen ist ein Fünf-Minuten-Telefonat drin, und ich rufe abends zurück oder setze mich noch zwei bis drei Stunden an den PC, wenn meine Frau wieder da ist und die Kinder im Bett sind.

Fällt es nicht schwer, Arbeit und Kinderbetreuung auf diese Weise zu trennen?

Das geht, es ist einfach eine Frage der Absprache und straffen Organisation.

Sie verlangen ja auch Ihren Mitarbeitern und Kunden Flexibilität ab. Wie ist die Akzeptanz in Ihrer Firma?

Ich war in meiner Firma der erste Mann, der Teilzeit beansprucht hat - noch dazu als Führungskraft. Angefangen habe ich nach meiner Elternzeit mit 70 Prozent wöchentlich. Die meisten Kollegen haben positiv reagiert, sie respektieren, dass ich an den jeweiligen Nachmittagen nicht zu sprechen bin. Die Kunden mussten sich erst daran gewöhnen. Aber mittlerweile finden sie es toll, dass ich mich um die Kinder kümmere. Alles in allem ist das Teilzeit-Modell akzeptiert und funktioniert sehr gut.

Nutzen auch andere Kollegen die flexible Zeiteinteilung?

Ja, es hat sich viel bewegt in unserer Firma, was die Work-Life-Balance angeht. Viele Kollegen nehmen sich mehr Zeit für ihr Privatleben - nicht nur, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen, sondern auch für ihre Freizeitgestaltung. Unsere Firma ist sehr fokussiert darauf, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen. Wenn es den Beschäftigten gut geht, sind sie natürlich auch produktiver und motivierter.

Wie lange möchten Sie nach dem Teilzeit-Modell arbeiten?

Natürlich ist es auch eine Frage des Geldes - man muss schließlich mit weniger Gehalt auskommen können. Meine Frau und ich haben beschlossen: Wir machen es auf diese Weise, bis uns die Kinder nicht mehr so sehr brauchen. Auch, wenn sie erst mit zwölf Jahren selbständig genug sind. Im Mittelpunkt steht also die Frage: Wie viel Betreuung brauchen unsere Kinder?

Eignet sich die IT-Branche besser für ein Führen-in-Teilzeit-Modell als andere Branchen?

Aus meiner Sicht ist das fast überall möglich - es geht ja vor allem um die Selbstorganisation. Aber im Vertrieb könnte es zum Beispiel Schwierigkeiten geben, weil dort ja ein ständiger Kundenkontakt notwendig ist. Oder in Berufen, in denen man viel Reisen muss. Die IT-Branche hat auch den Vorteil, dass dank der Netzwerke leicht im Home Office gearbeitet werden kann. Hier ist Out-Sourcing besser möglich.

Sie sind ja gebürtiger Franzose. Gibt es ähnliche Modelle in Frankreich?

Natürlich ist flexible Teilzeitarbeit auch in Frankreich möglich, ich kenne das von Freunden und Kollegen, die dort leben. In Frankreich gibt es zudem die 35-Stunden-Woche. Ob sich solche Modelle durchsetzen, ist auch eine kulturelle Frage.

In Deutschland arbeiten nur wenige Männer in Teilzeit und betreuen ihre Kinder. Haben wir noch Nachholbedarf?

Die Einstellung dazu hat sich meiner Meinung nach verändert. Zwar scheint das „normale“ Ernährermodell hier noch stark verankert zu sein, aber es bewegt sich was. Klar ist es immer auch eine Frage des Einkommens. Meine Frau verdient zum Bespiel deutlich mehr als ich. Aber wir teilen die Rollen und leisten den gleichen Beitrag zu Einkommen und Erziehung. Denn ich wollte nicht irgendwann zurückblicken und merken: Ich habe einen Fehler gemacht und wertvolle Zeit mit meinen Kindern versäumt.

Lesen Sie weiter: Oliver Schmitz von der berufundfamilie Service gGmbH gibt Tipps für eine bessere Work-Life-Balance am Arbeitsplatz.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare