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Frankfurter Feuerwehrmänner im Einsatz: „Dieser Job verlangt jedem Einzelnen sehr viel ab“, sagt Feuerwehrmann und Buchautor Wolfgang Ising.

„Für immer im Kopf“

Ein Feuerwehrmann schildert seine extremsten Einsätze

Reanimieren, Leichen bergen, Brände löschen: Feuerwehrmann Wolfgang Ising erzählt in seinem Buch „Für immer im Kopf“, was ihn in 38 Jahren Berufsalltag besonders bewegt hat. Weil er jedes Einsatzdetail schildert, ist seine Geschichte nichts für Zartbesaitete.

Für viele Kinder ist es immer noch ein Traumjob: Feuerwehrmann werden! Eine rote Uniform tragen, mit Löschwagen und lauten Sirenen durch die Stadt fahren, mit den Kameraden Feuer löschen und Leben retten – so heroisch bis romantisch ist das Bild von Feuerwehrmännern, das sich bis heute in vielen Köpfen hält.

Die Realität ist hingegen oft brutal und traurig. Wenn Feuerwehrleute sehen, wie jemand bei lebendigem Leib verbrennt, und nicht mehr helfen können. Wenn sie ein totes Kind im Arm halten. Oder Leichenteile von der Straße sammeln.

Aber natürlich gibt es ebenfalls positive Momente im Berufsalltag, sonst würde diesen Job wohl kaum noch einer machen. Auch solche berührenden Momente schildert das Buch „Für immer im Kopf“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf). Es begleitet den Feuerwehrmann Wolfgang Ising bei 24 außergewöhnlichen Einsätzen, an denen er während seiner 38-jährigen Tätigkeit bei der Berufsfeuerwehr beteiligt war.

Fest steht: Das Buch ist absolut nichts für sensible Gemüter und Mägen, denn jede Szene wird sehr detailliert und ohne Tabus beschrieben! Aber wer wissen möchte, was bei einem Feuerwehreinsatz wirklich passiert, sollte es lesen.

Was nach der Lektüre erstaunt: Trotz der vielen tragischen Erlebnisse ist es für Autor Wolfgang Ising (Jahrgang 1950) noch immer „der schönste Beruf der Welt“. „Dieser Job verlangt jedem Einzelnen, der sich für ihn entscheidet, sehr viel ab. Aber er befriedigt auch. Und zwar in höchstem Maße.“ Nie habe er seine Berufsentscheidung bereut – obwohl er nie wusste, was der nächste Tag, die nächste Schicht bringen würde. Mal herrschte trügerische Ruhe auf der Wache, mal gab es bei Einsätzen Stress, Chaos und Leid innerhalb von Sekunden.

Wir erzählen in Kurzform drei seiner Feuerwehreinsätze, die Wolfgang Ising nie vergessen hat:

1. Das ekligste Erlebnis

In einer schwülwarmen Sommernacht rückt Isings Truppe zu einem Einsatz mit der Kurzbezeichnung „TIER“ aus. Aber statt eine Katze vom Baum oder einen Dackel aus dem Kaninchenbau zu retten, müssen die Feuerwehrmänner sich auf einem Marktplatz um ganz andere Tiere kümmern: „Etwa ab der Mitte des Platzes bedeckt eine weiße Schicht dem bis dahin dunklen Asphaltboden. Maden.“ Und zwar Millionen von schneeweißen Schmeißfliegen-Maden, mitten auf dem Platz. „Sie kriechen uns mit schnellen, zappelnden Bewegungen entgegen. Der gesamte Boden scheint in Bewegung“, schildert Ising das ekelhafte Szenario.

Ein großer Abfall-Container voller verfaulter Gemüse-, Fisch- und Fleischreste ist die Quelle der madigen Invasion. Mit Wasserschläuchen rücken die Feuerwehrleute den Maden zu Leibe und spülen die Viecher in die Kanalisation, mit Schiebern und Besen wird nachgeholfen. Weil das Wasser aus dem Löschtank nicht reicht, muss auch noch ein Hydrant angezapft werden: „Wir versenken sie gnadenlos in den Gullys.“

2. Das schönste Erlebnis

Schön war für Ising das Feedback nach einer erfolgreichen Reanimation. „Der alte Herr, den ich wiederbelebt hatte, kam Monate später in die Feuerwache, um sich dafür zu bedanken. Das setzte Gefühle in mir frei, die ich kaum in Worte fassen kann. Ich war sehr gerührt.“ Als Dank für die Rettung brachte der fast 70-jährige Mann außerdem drei selbstgebackene Torten für die Feuerwehr mit. Ising war überwältigt und ist überzeugt: Dafür lohnt es sich. Diese Momente geben Kraft.

3. Das schlimmste Erlebnis

„Eines meiner schlimmsten Erlebnisse war die erfolglose Reanimation eines kleinen Jungen, der bei einem nächtlichen Wohnungsbrand zusammen mit seiner Schwester an den giftigen Rauchgasen erstickt war. Es war nicht das erste tote Kind, aber dieser kleine Junge hatte die gleiche Größe, die gleiche Figur und dasselbe Alter wie mein eigener kleiner Sohn. Je länger meine Hand seinen Brustkorb auf- und niederdrückte, desto ähnlicher schien er meinem Jungen zu werden. Nie wieder war ich so traurig wie nach diesem Einsatz.“

Wie aber schafft man es, das Erlebte zu verarbeiten? Darauf hat Ising einfache Antworten: „Ich konzentriere mich stets auf die positiven Dinge, von denen es in meinem Leben jede Menge gibt.“ Dazu zählen seine Familie, Reisen rund um die Welt und eine „ungebremste Lust, aktiv zu sein“, sei es an der Feuerwehrakademie oder in seinem Garten. Positiver Stress ist sein Ausgleich für das, was nicht viele Menschen verkraften können.

Man glaubt Wolfgang Ising, wenn er sagt: „Ich war mit Leib und Seele Feuerwehrmann und bin es noch immer.“ Für ihn ist es trotz all der schrecklichen Erlebnisse eine Berufung, und kein Beruf. Heute, nach jahrelangen Einsätzen an acht verschiedenen Feuer- und Rettungswachen, arbeitet Ising freiberuflich für die Feuerwehrakademie in seiner Heimatstadt. (gs)

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