Banker, Mathematiker und Kapitäne

Exoten im Versicherungsdschungel

In sieben Jahren auf hoher See hat Edwin Mast viel erlebt. In Nigeria stand er einmal an Deck, als sein Schiff von Piraten geentert wurde. „Die Jungs kamen damals an den Ankerketten hochgeklettert und hatten Macheten oder sogar Pistolen dabei“, erinnert sich Mast.

Von Eloy Barrantes

„Mit einem Schuss aus der Signalpistole konnte man sie aber schnell wieder verscheuchen.“ Über 30 Jahre ist das mittlerweile her. Heute sitzt Mast hinter dem Schreibtisch eines Versicherungskonzerns. Er ist nautisch-technischer Berater beim weltgrößten Rückversicherer Munich Re und befasst sich mit den Risiken der Seefahrt. Piraterie ist für den ausgebildeten Kapitän noch immer ein wichtiges Thema: Mast beschäftigt sich etwa mit den Risiken und wirtschaftlichen Folgen von Piraten-Übergriffen auf den Weltmeeren. Außerdem steht er seinen Kollegen für allerlei Fachfragen zur Verfügung. „Meine Kollegen kommen zu mir, wenn sie Fragen rund um Nautik, Schiffs- und Umschlagstechnik sowie logistische Abläufe haben“, sagt Mast. Dabei gehe es beispielsweise um die Eigenschaften von Schiffsladungen, technische Fragen oder auch die Risiken auf bestimmten Reiserouten.
So wie Mast finden sich mittlerweile viele Exoten bei den großen Versicherern. Ob Ölkatastrophe, Hochwasser oder Systemabsturz: Für jedes Risiko brauchen die Konzerne geeignete Spezialisten. „Die Aufgabengebiete sind so vielfältig wie die Risiken“, sagt Vera Werner, Sprecherin für Personalthemen bei der Allianz. Wegen der turbulenten Kapitalmärkte seien Spezialisten für Anlagerisiken gefragt. Auch für Naturrisiken beschäftigt der Konzern Experten. „Die Anzahl der Naturkatastrophen hat in den letzten Jahren stark zugenommen“, erklärt Werner. Bei der Allianz befasst sich gleich ein ganzes Team von Meteorologen, Geologen und Geografen mit solchen Risiken.

Die Experten berechnen etwa die Wahrscheinlichkeit von Stürmen, Tsunamis, Vulkanausbrüchen oder Überschwemmungen. Markus Treml hat sich im Konzern unter anderem auf Erdbeben spezialisiert. „Wenn wir Risiken durch Erdbeben analysieren, schauen wir uns zunächst die historische Erdbebentätigkeit sowie die tektonischen Gegebenheiten einer Region an“, erklärt der promovierte Geophysiker. Mit diesen Daten entwickeln die Spezialisten dann am Computer ein Modell, das die Wahrscheinlichkeit von Erdbeben für die nächsten 10000 Jahre simuliert. Dieses Modell wird schließlich auf diejenigen Versicherungsgegenstände übertragen, die möglicherweise beschädigt werden könnten. In ihren Versicherungsjobs haben sich die Exoten längst einen festen Platz erkämpft. Treml arbeitet mittlerweile seit fast fünf Jahren bei der Allianz.

„Natürlich ist eine Karriere bei der Versicherung kein typischer Weg für einen Geophysiker“, sagt er. Allerdings habe er schon während des Studiums erkannt, dass sein Wissen in der Branche gefordert wird. „Anders als bei Verkehrsunfällen, sind bei Naturkatastrophen gleich viele Kunden auf einen Schlag betroffen“, erklärt Treml. „Darauf muss man als Versicherer vorbereitet sein. Immerhin wird oft viel Kapital benötigt, um die Schäden zu decken.“

Kapitän Mast hat im Versicherungsgeschäft ebenfalls seine Berufung gefunden. Eine Rückkehr an Bord kann er sich nicht mehr vorstellen. „Der Beruf hat sich verändert“, sagt Mast. Früher habe man in der Schifffahrt eigenverantwortlicher gearbeitet. Heute werde vieles an Land berechnet und organisiert. Nur in der Nähe von Wasser wird Mast dann gelegentlich doch noch nostalgisch: „Wenn ich Schiffe auslaufen sehe, denke ich manchmal noch an meine Zeit auf See zurück.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion