Exoten unter den Geowissenschaftlern

Vulkanforscher untersuchen Eruptionsgestein - auch um künftige Ausbrüche vorhersagen zu können

Von IRIS MARTIN

Hamburg - Vulkane faszinieren durch ihre Schönheit ebenso wie durch ihre Gefährlichkeit. Die Menschen nutzen sie zur Wärmegewinnung, als Baustoff und Werksteinlieferanten und bebauen die fruchtbaren vulkanischen Böden mit ihren Feldern. Doch Vulkanausbrüche wie der des zuvor 500 Jahre lang inaktiven Pinatubo im Juni 1991 auf den Philippinen oder aktuell die Eruption des Merapi auf der Insel Java in Indonesien gefährden immer wieder Tausende von Menschenleben. Katastrophenschutz ist daher ein wichtiger Aspekt im Beruf des Vulkanforschers.

"Anders als Erdbeben können viele Vulkanausbrüche heute relativ genau vorhergesagt werden", erklärt Prof. Dr. Hans-Ulrich Schmincke, einer der renommiertesten Vulkanforscher und bis 2003 Leiter der Abteilung Vulkanologie und Petrologie am Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften (IFM) Geomar in Kiel. "Ein Vulkanausbruch kündigt sich in der Regel durch vier Vorgänge an: Praktisch alle gut dokumentierten größeren Vulkaneruptionen zeigen vor einem Ausbruch unter und in der Nähe des Vulkans verstärkte Erdbebenaktivität. Die Seismologie ist daher die wichtigste Methode, um Vulkaneruptionen vorherzusagen." Weitere Anzeichen sind eine Ausdehnung der Oberfläche des Vulkans, ausgelöst durch das in die obere Erdkruste aufsteigende Magma, sowie die veränderte Menge und Zusammensetzung der aus dem Vulkan austretenden Gase. Und schließlich erwärmt sich der Vulkan durch das langsam aufsteigende Magma, was an der erhöhten Temperatur von Wasserquellen oder plötzlicher Schneeschmelze spürbar wird.

Pro Jahr brechen laut Schmincke ungefähr 60 der etwa 550 aktiven Vulkane auf der Erde aus. Die meiste Zeit arbeiten Vulkanforscher jedoch nicht an eruptierenden Vulkanen, sondern untersuchen je nach ihrer Spezialisierung die eruptierten Ablagerungen. "Vulkanablagerungen bieten eine einzigartige Möglichkeit, Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Erde in größeren Tiefen zu gewinnen", erläutert Armin Freundt, Vulkan-Spezialist am IFM-Geomar. Während die tiefsten Bohrungen von Menschenhand bis in 14 Kilometer Tiefe reichen, stammen Magmen, die bei Eruptionen emporgeschleudert werden, aus 100 bis 150 Kilometern Tiefe.

Aktuell untersucht Freundt hochexplosive Vulkane in Mittelamerika, um aus ihrer Entwicklungsgeschichte Hinweise auf ihr künftiges Eruptionsverhalten sowie mögliche Klimaeinflüsse der großen Eruptionen zu erhalten. Dazu werden vulkanische Ascheschichten mit physikalischen und chemischen Methoden analysiert. So lassen sich die Entstehung der Magmen, die Stärke und Häufigkeit von Eruptionen, und die Art und Menge der dabei in die Atmosphäre freigesetzten Gase bis über 100 000 Jahre in die Vergangenheit verfolgen. Expeditionen führt Freundt meist einmal im Jahr für sechs Wochen durch. Der Rest ist mühevolle Kleinarbeit. Analysen werden durchgeführt, Berichte geschrieben. Daneben findet die normale Lehrtätigkeit statt.

Kein eigener Studiengang

Einen eigenen Studiengang Vulkanologie gibt es in Deutschland nicht. Zukünftige Vulkanforscher studieren Geologie, Geophysik oder Mineralogie und setzen im Hauptstudium ihre Schwerpunkte auf vulkanologische Teildisziplinen wie magmatische Petrologie und Geochemie, physische Vulkanologie oder Vulkan-Geophysik. Laut Freundt ist die Spezialisierung auf Vulkanologie unter anderem in Kiel, Potsdam und München möglich.

"Vulkanologen führen ein Exotendasein unter den Geowissenschaftlern", sagt Freundt. Das liege vor allem daran, dass es in Deutschland keine aktiven Vulkane gibt. Zudem liefert die Spezialisierung auf Vulkane keine Qualifikation, die sich in der freien Wirtschaft nutzen ließe. "Das Studium befähigt vor allem dazu, kritisch zu denken und Probleme zu lösen", so Schmincke. Und wem es gelingt, eine der wenigen Stellen an deutschen Universitäten zu erringen oder in einem der rund 80 Observatorien weltweit zu arbeiten, der könne sicher sein: die Faszination der Vulkane bleibt.

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