Von den europäischen Nachbarn lernen

Zeitarbeiter gelten nicht nur als temporäre Arbeitskräfte, sondern als Experten, die Firmen wegen ihres Wissens einkaufen

Von BASTIAN PELKA

Dortmund · Die deutsche Personaldienstleistungsbranche meldet seit Jahren Erfolgszahlen: Trotz eines Einbruchs im Flautejahr 2002 hat sich die Zahl der Zeitarbeiter in den vergangenen zehn Jahren auf über 450000 fast verdreifacht. Auch die Zahl der Verleihbetriebe wächst. Und dennoch nimmt diese Branche in Deutschland im Vergleich zu europäischen Nachbarländern eine eher unbedeutende Stellung ein. Ein Forschungsprojekt zeigt jetzt, was die Deutschen von europäischen Vorbildern lernen können.

Lediglich rund 1,7 Prozent aller Beschäftigten sind in Deutschland bei einer Personalagentur angestellt - in Irland, dem Vereinigten Königreich oder den Niederlanden sind es bis zu fünf Prozent. Hinter den Zahlen verbergen sich aber auch äußerst unterschiedliche Geschäftsmodelle für diese Form der Arbeit.

Ein Blick auf die Angebote deutscher Personalvermittler verdeutlicht, woraus hierzulande das Geschäft besteht: Un- oder angelernte Arbeiter machen einen Großteil der Mitarbeiter aus, die Tätigkeiten sind typischerweise Hilfsarbeiten im produzierenden Gewerbe. Das wichtigste Verkaufsargument ist der Preis. Dies gibt es natürlich auch in den anderen Ländern. Doch dort haben sich aber auch Märkte entwickelt, die innovative und hoch qualifizierte Dienstleistungen anbieten, welche sich vom Niedriglohnsektor unterscheiden.

Personaldienstleister vermitteln Manager für kurzfristige Marketing-Offensiven, Informatiker für eine EDV-Umstellung oder Ingenieure für die Dauer einer Auditierung. Sie übernehmen ganze Unternehmensbereiche wie das Personalwesen oder die Einführungsphase eines neuen Produktes. Die Leihangestellten avancieren zu Berater der Unternehmen. Der wohl wichtigste Unterschied zur deutschen Situation: Während hier hauptsächlich Arbeit eingekauft wird, zählen bei den beschriebenen Modellen die Innovation und das Know-how der externen Mitarbeiter. Es wird Wissen eingekauft.

Diese Dienstleistungsform ermöglicht es auch kleinen Unternehmen, Spezialisten für die Dauer eines Projektes einzustellen, die für einen längeren Zeitraum nicht zu finanzieren wären. So unterstreicht eine Studie des Dortmunder Forschungsinstituts TrainingsZentrumZeitarbeit (TZZ) im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen und der EU, wie in Großbritannien Abteilungsleiter für den Zeitraum einer Produkteinführung engagiert werden. Ist das Produkt am Markt platziert, verlässt der Manager das Unternehmen wieder.

Für junge Akademiker stellt diese Form der Arbeit eine Möglichkeit dar, in wenigen Jahren nach dem Studium verschiedene Unternehmen kennen zu lernen und auf Tätigkeiten für Weltkonzerne zu verweisen, die ihren Kommilitonen mit anderen Karrierewegen erst sehr viel später erreichen. Aus diesem Grund finden sich vor allem in den Niederlanden an Universitäten Rekrutierungsbüros von Personalagenturen. Zeitarbeit ist keine Notlösung, sondern ein Karriereweg. Zwar habene deutsche Personaldienstleister diese Chancen erkannt, doch weit verbreitet ist das Geschäftsmodell noch nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion