Einfach mal reden - Studenten am Hörer für Studenten

Manche sind verzweifelt, andere möchten einfach nur mit jemandem sprechen. Beim Zuhörtelefon Nightline können Studenten ...

Dresden. Manche sind verzweifelt, andere möchten einfach nur mit jemandem sprechen. Beim Zuhörtelefon Nightline können Studenten mit anderen Studenten über Trauer, Wut oder Ängste sprechen. Professionelle Beratung gibt es nicht, dafür aber ein offenes Ohr.

Dienstag, 21.30 Uhr. Das Telefon klingelt. Ein Mann fängt gleich an zu sprechen. Student André Fischer am anderen Ende der Leitung hört geduldig zu - eine halbe Stunde lang. Er spürt, dass sich der andere etwas von der Seele reden muss. Es geht um eine anstehende Prüfung, der Lernstress ist einfach zu groß. So sehe eine typische Situation bei der Nightline aus, erzählt der 27-Jährige. Seit knapp einem Jahr können Dresdner Studenten am Zuhörtelefon über ihre Sorgen sprechen - dienstags, donnerstags und sonntags zwischen 21.00 und 01.00 Uhr.

Jeder Anrufer hat ein anderes Problem auf dem Herzen. Mal geht es um Liebeskummer oder Einsamkeit, mal um eine verhauene Prüfung, mal darum, wie Alltag, Familie und Uni unter einen Hut zu kriegen sind. "Manche möchten auch einfach mal mit jemandem reden", sagt Fischer. Er studiert Informatik in Dresden. Die meisten anderen im Team seien Psychologie-Studenten. Von der Universität bekomme das Projekt keine direkte finanzielle Unterstützung. Es gebe aber Hilfe bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Eine Uni-Sprecherin sagt: "Wir finden das natürlich ein sehr gutes Angebot." Es sei ein großer Vorteil, dass die Studenten nah an den Problemen der Anrufer dran seien.

Im Schnitt dauern die Gespräche eine halbe Stunde, so Fischer. "Bei einer Stunde ist das Limit - irgendwann ist man nicht mehr aufnahmefähig." Außerdem sollen in den vier Stunden möglichst viele Anrufer eine Chance bekommen - den Studenten steht nur ein Apparat zur Verfügung. Trotzdem telefonieren die "Nightliner" immer zu zweit, auch um sich hinterher Feedback zu geben. Manche Anrufer wollten nur mit einer Frau oder nur mit einem Mann reden. Daher ist das Team aus etwa 25 Studenten gemischt.

Auch in anderen Universitätsstädten gibt es eine Nightline. In Heidelberg können Studenten dort schon seit 1995 anrufen, inzwischen sogar täglich. Vorbild war die Nightline im englischen Oxford. Auch in Freiburg, Münster und Köln wird Studenten zugehört, in Potsdam ist die Nightline gerade in der Aufbauphase. Stets bleiben die Anrufer anonym, die Studenten hören ihnen vorurteilsfrei zu. Wer anruft, sollte keine Beratung bekommen, sondern selbst im Gespräch Lösungen finden, berichtet Fischer. Sehr schwierige Fälle werden an eine professionelle Beratungsstelle verwiesen.

Die Zahl der nächtlichen Anrufer schwankt. "Es gibt Abende, an denen das Telefon um Punkt 21.00 Uhr klingelt, und andere, an denen sich bis 23.00 Uhr niemand meldet", so der Student. Je weiter das Semester voranschreitet, desto größer wird der Bedarf. "Nach den Semesterferien ist man vielleicht noch etwas entspannter."

Die Nightliner wollen Hilfe auf Augenhöhe geben. Tipps bekamen sie anfangs von Mitarbeitern der Ökumenischen Telefonseelsorge. "Ich finde es sinnvoll, dass Studenten anderen Studenten zuhören", sagt dessen Leiter Eckart König. Problematisch sei nur die Fluktuation. Schließlich sei jeder Nightliner einmal mit seinem Studium fertig. Die Studenten könnten in der kurzen Zeit auch nur bedingt geschult werden. Bei der Telefonseelsorge würden die Mitarbeiter erst ein Jahr ausgebildet und dann für drei Jahre verpflichtet.

Auch Fischers Informatikstudium endet bald. Momentan sitzt er nicht am Hörer, sondern kümmert sich um die Organisation. Wo das Nightline-Telefon steht, ist geheim. Für den Fall, dass sich jemand schlecht beraten fühlt und dem Zuhörer auflauert, oder seine Probleme bei einem Kaffee weiterbesprechen will, erklärt Fischer. Die Nightliner wollten zwar helfen, aber klare Grenzen müssten sein.

Nightline Dresden +49 351 4277345 - Zuhörzeiten: dienstags, donnerstags und sonntags 21.00 Uhr bis 1.00 Uhr - Gebührenfreie Nummern der Telefonseelsorge Dresden: 0800-1110111, 0800-1110222 (dpa/sn)

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