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Ambitioniert: Bis 2020 wünscht sich die IT-Branche einen Anstieg an weiblichen Beschäftigten auf 25 Prozent.

Informationstechnik

Eine Branche sucht Frauen

Lediglich 16 Prozent Frauen arbeiten in IT-Berufen. Woran liegt das?

Von Kirsten Niemann

Auf der Firmenfete eines großen IT-Unternehmens befanden sich unter den Hunderten Consultants nur ein paar Frauen. Dazwischen wuselten Hostessen mit winzigem Kokosnussschalen-BH und Bastrock-Minirock auf High Heels und verteilten bunte Cocktails. „Es war unerträglich“, sagt Anke Domscheit-Berg. „Mir war klar: Als Frauen gehörten wir hier nicht hin!“ Wie schade.


Die Karrieretrainerin, die Textilkunst und Wirtschaft studierte, bevor sie als Quereinsteigerin in der IT-Branche erfolgreich war, engagiert sich für das Thema Frauen in der IT. Sie leitete bei McKinsey die Studie „A Wake up Call for Female Leadership in Europe“ und war Co-Autorin der McKinsey-Studie „Woman Matter“. Vor einem Jahr gründete sie schließlich das Beratungsunternehmen Fempower. Me, mit dem sie Unternehmen dabei unterstützt, Barrieren für weibliche Fach-und Führungskräfte abzubauen.

Bislang sind lediglich 16 Prozent aller Arbeitnehmerinnen in der IT-Branche weiblich. „Eine männlich dominierte Firmenkultur schreckt Frauen ab“, sagt Anke Domscheit-Berg. Sie ist übrigens eine Verfechterin der gesetzlichen Frauenquote. Nicht dass Frauen die Quote fachlich nötig hätten: „Sie ist aber eine notwendige Krücke, um verbreitete, nicht fachliche Auswahlkriterien, die sie systematisch benachteiligen, zu überwinden.“

Frauen müssen immer erst beweisen, dass sie es können – das gilt gerade in der ITK-Branche. Dabei steht längst fest, dass Teams, in denen Männer und Frauen zusammenarbeiten, erfolgreicher sind als Monokulturen. „Viele IT-Freaks neigen dazu, die Dinge zu verkomplizieren. Frauen sind meist sehr gute Übersetzer zwischen Fach- und Technikseite“, sagt Domscheit-Berg.


Frauen schaffen Zufriedenheit

Die erste repräsentative Fachkräfteumfrage zur Personalplanung des Branchenverbands Bitkom (Herbst 2011) zeigt nicht nur, wie hoch der Frauenanteil in bestimmten Positionen aktuell ist, sondern auch, wie er sich in den kommenden acht Jahren entwickeln soll. Demnach wünschen sich 68 Prozent der 700 befragten Unternehmen in Deutschland mehr weibliche Bewerber in der ITK-Branche. Mit einer gendergerechten Personalpolitik verfolgen viele Unternehmen vor allem wirtschaftliche Ziele. Ein Viertel der Befragten verspricht sich von einem höheren Frauenanteil effizientere Teams und eine höhere Kundenzufriedenheit. „Die Zeiten, in denen ein höherer Frauenanteil aus Gründen der Political Correctness erwünscht ist, sind vorbei“, sagt Stephan Pfisterer, Bereichsleiter Personal und Arbeitsmarkt der Bitkom und Verantwortlicher der Studie. „Heute geht es den Unternehmen um Eigeninteressen.“


Bis zum Jahr 2020 strebt die Branche daher eine Versechsfachung des Frauenanteils in Top- Führungspositionen an – derzeit liegt die Quote von Frauen in der Teppichetage bei lediglich 2,8 Prozent. Im Mittelmanagement liegt sie aktuell bei 4,4 Prozent, anvisiert sind 15 Prozent, bei den Tüftlern sind immerhin 14,8 Prozent aller Stellen weiblich besetzt, in acht Jahren sollen es 25 Prozent sein. „Ein ambitioniertes Ziel“, sagt Pfisterer – und nicht einfach umzusetzen. Was aber kann die Branche tun, um mehr Frauen anzulocken? Flexible Arbeitszeiten, die Familienplanung und Karriere besser unter einen Hut bringen? Ist alles sicher sinnvoll, reicht aber noch lange nicht. Fast alle großen Unternehmen haben bereits Mentoring-Programme für Frauen aufgelegt. „Die sind oft zur Alibifunktion geworden“, sagt Pfisterer. Die Programme müssten zielgerichteter sein. Daher reicht es nicht aus, immer eine Frau im Auswahlverfahren auf eine Stelle zu haben. „Die Aufgabe ist erst dann erfüllt, wenn eine Frau in der Stelle angekommen ist.“


Neue Rollenmuster erforderlich

Doch wo sollen die Bewerberinnen herkommen, wenn sich schon in der Schule nur wenige Mädchen für Naturwissenschaften interessieren? „Solange es immer noch dem Rollenmuster für Mädchen entspricht, Mathe doof zu finden, wird sich nichts ändern“, sagt Uta Menges, die vor mehr als 20 Jahren als eine unter 17 Prozent Frauen an der TU Kaiserslautern Informatik studierte und heute beim IT-Konzern IBM für das Thema Diversity zuständig ist. „Wählt eine Frau diesen Weg, dann entscheidet sie sich auch sehr bewusst dafür.“ Bei IBM liegt die Frauenquote weltweit bei 29 Prozent, immerhin. In Deutschland liegt sie über dem Branchendurchschnitt. Das Unternehmen hat in Deutschland sogar die Geschäftsleitung weiblich besetzt. Denn eines ist tröstlich, wie Uta Menges bemerkt: „Wenn Frauen richtig gut sind, dann fällt das in dieser Branche auch richtig auf.“

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