Im Dunkeln werden Defizite sichtbar

Managementtraining im lichtlosen Raum stärkt die Teamfähigkeit

Von SABINE DEMM

Frankfurt a. M. - "Es ist nicht ein Dunkel, es ist wirklich ein Nichts. Das war anfangs ein doch recht befremdliches Gefühl", beschreibt eine Teilnehmerin den ersten Eindruck im lichtlosen Raum. "Man musste sich immer an der Stimme orientieren." Die Sprache ist das wichtigste Mittel der Verständigung, wenn man nichts sieht. Genau diese Tatsache nutzen Ursula Hollerbach und Anne Schwindling für ihr Training.

Die beiden waren Anfang der 1990er Jahre als Projektleiterinnen für die Frankfurter Stiftung Blindenanstalt tätig und organisierten die Ausstellung "Dialog im Dunkeln" in Hamburg mit, die jetzt im Frankfurter Dialogmuseum gastiert. Dabei werden Besucher von blinden Begleitern durch verschiedene lichtlose Räume geführt. Der Besuch eines Klangraumes oder einer Bar mit Essen und Trinken gehört dazu. Durch diese Arbeit kamen die Projektleiterinnen auf ihre Trainings-Idee, die sie nun seit neun Jahren praktizieren. Ihr Paket beinhaltet verschiedene Übungen, mit denen etwa an Teambildung, Kommunikation, Handeln in Veränderungssituationen oder Prozesssteuerung gearbeitet werden kann.

Ein Beispiel: Ein Teilnehmer erhält eine Kiste mit Haushaltsutensilien, darin sind etwa verschiedene Schwämme, ein gefaltetes und ein nicht gefaltetes Papier oder eine Holz- und eine Plastikklammer. Der Rest der Gruppe bekommt ein Blatt, auf dem die gleichen Gegenstände aufgeklebt sind. Nun muss der Teilnehmer mit der Kiste erklären, was er in Händen hält und die anderen müssen das Äquivalent auf dem Blatt finden. Die Schwierigkeit dabei ist, dass sich die Gegenstände stark ähneln. "Die schlichte Aussage ,ich habe eine Klammer' reicht dann nicht, sondern es müssen komplexere Beschreibungen wie ,die Klammer ist aus Holz und hat an den Enden eine Einkerbung' gemacht werden," sagt Anne Schwindling.

Verklausulieren ist unmöglich

Bei dieser Übung kommen viele alltägliche oder auch individuelle Kommunikations-Probleme ans Licht. Die Aufgabe deckt spielerisch Defizite auf, etwa, wenn sich Menschen ihrem Gegenüber nicht verständlich ausdrücken können. "Bei der Übung hatten wir eine Menge Spaß und sind oft in schallendes Gelächter ausgebrochen, weil so ein Quatsch in der Kiste war", schildert eine Teilnehmerin. Für Anne Schwindling und Ursula Hollerbach ist das die beste Möglichkeit, die Gruppe locker an das Training heranzuführen und zugleich die Charaktere der Teilnehmer kennen zu lernen.

Die Stärken und Schwächen der Klienten auf spielerische Art aufzudecken, darin sehen die Trainerinnen ihre Aufgabe. Deshalb beobachten Hollerbach und Schwindling ihre Teilnehmer sehr genau. Nach jeder Übung in der lichtlosen Umgebung folgt ein Reflektionsgespräch im hellen Raum. Alle Mitglieder der Gruppe berichten von ihren Erfahrungen und Gefühlen. "Die Lichtlosigkeit macht die Kommunikation, ihr Fehlen und ihre Schwächen im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar", beschreibt Schwindling. "Außerdem nimmt Alltägliches und Gewohntes eine ganz neue Perspektive ein und setzt Veränderungsprozesse bei den Teilnehmern in Gang." Beispielsweise erkennen sie, wie präzise sie Stimme, Tonlage und Wortwahl einsetzen müssen, um sich Anderen verständlich machen zu können und Aufgaben gemeinsam zu bewältigen. "Man muss auch viel direkter sein als sonst. Im Alltag verklausuliert man vieles lieber," weiß Hollerbach. Diese Erkenntnisse nehmen die Teilnehmer mit zurück in ihre Firmen und können sie direkt umsetzen.

Auch wenn einige Firmen dem Konzept noch skeptisch gegenüberstehen, konnten die Trainerinnen auch einige große Unternehmen, davon überzeugen. So erkundeten schon Mitarbeiter der Axel Springer AG, der Deutschen Bank, vom Otto Versand und der Universität Witten/Herdecke den lichtlosen Raum.

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