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Innovationscheck Mittelstand.

Der deutsche Mittelstand im Innovationscheck

Die Bahn verfehlt ihre selbst gesetzten Pünktlichkeitsvorgaben. Der BER wird bis zu seiner Fertigstellung höchstwahrscheinlich weitere zusätzliche Milliarden und Jahre benötigen.

Mieten werden für immer mehr Menschen unbezahlbar. Und zu guter Letzt bleibt der Breitbandausbau weiter hinter seinen Möglichkeiten zurück. Beispiele für das Liegenlassen von Potenzialen gibt es hierzulande zu genüge. Schnell entsteht der Eindruck, das Land der Dichter und Denker habe den Anschluss an die internationale Konkurrenz verloren. Doch während Zweifler in Kommentarspalten das postinnovative Zeitalter ausrufen, tragen deutsche Unternehmen vielerorts dazu bei, die Weltwirtschaft für die Zukunft aufzustellen. Eine Bestandsaufnahme.

99,6 % aller deutschen Unternehmen sind Mittelständler

Ob Facebook, YouTube oder Wikipedia: Die bisher bedeutendsten Innovationen des 21. Jahrhunderts verbindet, ihre Geschäftsmodelle mit dem Sammeln und der Bereitstellung von Daten aufgebaut zu haben. Der Siegeszug dieser digitalen Dienste veranschaulicht auch, dass globalgesellschaftlich relevante Trends ihren Ursprung dieser Tage fast ausschließlich im Ausland haben. Schnell werden hierzulande Forderungen laut, die das Land der Dichter und Denker zum weltweiten Leader in Bereichen wie KI oder der Technologieherstellung avancieren sehen wollen. Im Gegensatz zu den USA sind es in Deutschland jedoch keine Tech-Giganten, die maßgeblich über die nationale Innovationskraft entscheiden. Stattdessen steht und fällt die Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik mit dem Mittelstand. Das bestätigte auch das Weltwirtschaftsforum, laut dem Deutschland im internationalen Innovationsvergleich einen Spitzenplatz belegt – nur knapp hinter den USA und Singapur. Ganze 99,6 Prozent der hiesigen Marktakteure werden dabei als sogenannte KMU, also kleine oder mittelständische Unternehmen bezeichnet. Als spezialisierte Hersteller und Dienstleister beschäftigen sie sich schon heute mit den Lösungen zu den großen Fragen unserer Zeit: Wie lässt sich weltweit Wohlstand erreichen, ohne unseren Planeten überzustrapazieren? Wie gehen wir mit unseren Ressourcen nachhaltig um und verbessern dabei die Lebensrealität von Milliarden von Menschen? Wie werden wir zukünftig arbeiten, essen und leben?

Wachstumsmarkt Zukunft: Die Wirtschaft zieht an der Politik vorbei

Auf politischer Ebene reagiert man auf diese großen Fragen derweil mit gewichtigen Statements und Fortschrittsbekundungen. Doch damit aus Zukunftskonzepten, Exzellenzinitiativen und einer digitalen Agenda mehr resultiert als Lippenbekenntnisse zur hippen Kultur der Moderne, müssen sich auch die Staatslenker auf die Innovationskraft hiesiger Unternehmen verlassen. Einige Antworten findet man beispielsweise im südhessischen Heppenheim. Vor fast 20 Jahren gründete Rolf Dietz hier sein Unternehmen Dietz Sensortechnik, das Sensoren zur Informationserfassung herstellt und vertreibt. Was als kleines Unternehmen startete, entwickelte sich dank deutscher Qualitätsarbeit schnell zum gefragten Anbieter in aller Welt. Heute verkauft Dietz seine Sensoren weltweit und liefert damit einen zentralen Baustein für die Automatisierung und Digitalisierung der Industrie von morgen. „Wir produzieren für die unterschiedlichsten Branchen – vom Automobilsektor über Energie- und Wasserversorgung bis hin zur Robotik“, bestätigt Dietz auf Nachfrage.

Der Wandel zur Industrie 4.0 ist ein Milliardengeschäft

Die Heppenheimer sind Teil eines milliardenschweren Wachstumsmarkts, der sich mit der Automatisierung von Industrie und Wirtschaft befasst. Neben strengeren Umwelt- und Produktionsstandards führt vor allem die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Vergleich dazu, dass sich mehr und mehr Unternehmen mit neuen Möglichkeiten der Effizienzsteigerung befassen. Denn ob etablierte Herstellungsverfahren auch im Zeitalter der Industrie 4.0 profitabel bleiben, hängt im Wesentlichen von der Zukunftsfähigkeit der betriebseigenen Infrastruktur ab. Müssen ganze Fertigungsstraßen modernisiert werden, sprengen die Kosten schnell den Rahmen des Wirtschaftlichen. Um das zu vermeiden, benötigen zahlreiche Unternehmen speziell auf sie zugeschnittene Technologielösungen. „Durch die Erfassung von Informationen machen wir Analoges digital begreiflich“, weiß Dietz. „Im Prinzip legen wir mit unseren Produkten so täglich neue Grundsteine für Automatisierungsvorhaben.“

Made in Germany: Mehr als ein Label?

Statt kostengünstiger Massenfertigung setzt Dietz auf die klassischen Vorteile von Made in Germany: „Ein Großteil unserer Aufträge umfasst individuell auf einzelne Kunden zugeschnittene Produkte. Deshalb haben wir mittlerweile reichlich Erfahrung darin, auch anspruchsvolle Aufträge von Großunternehmen zufriedenstellend zu bedienen.“ Um den immer umfangreicheren Anforderungslisten an das eigene Sortiment gerecht zu werden, findet die Forschungs- und Entwicklungsarbeit der Heppenheimer vollständig in Deutschland statt. Dadurch verkürzt sich die Zeitspanne von der Entwicklung eines neuen Sensorprodukts bis zur Marktreife. Anlagen können so schneller in Betrieb genommen, Bauvorhaben beispielsweise im Maschinenbereich schneller umgesetzt werden. 

Die Liste der Branchen mit Digitalisierungs- und Automatisierungspotenzial ist lang – zu lang, als dass einzelne Marktteilnehmer sie vollumfänglich seriös bedienen könnten. Für die hiesigen Mittelständler dürfte es sich also auszahlen, weiterhin als Spezialist statt als Massenfertiger aufzutreten. Dass Deutschland über einen Standortvorteil im Bereich gut ausgebildeter Ingenieure verfügt, spielt den Unternehmen bei der Mitarbeitersuche in die Hände. Nichtsdestotrotz ist der Fachkräftemangel ein zentrales Thema der Innovationsbranchen, deren Wirtschaftsverbände sich mehr Unterstützung seitens der Politik wünschen.

Mittelständische Unternehmen auch künftig in der Vorreiterrolle 

Unzählige Umfragen aus der Marktforschung haben bereits gezeigt, dass die Bevölkerung durchaus interessiert auf digitale Assistenten reagiert und der Nutzung nicht abgeneigt ist. Die Frage ist also nicht ob, sondern wann die Automatisierung weitere Bereiche unserer Lebensrealität erfassen wird. Der allgemeine Entwicklungstrend für Sensoren lautete in den letzten Jahren wie in fast allen Wirtschaftsbereichen: Mehr Leistung zu geringeren Kosten. Das Resultat: Selbst unwirtliche Einsatzbedingungen mit hohen Luftfeuchtigkeitswerten oder Temperaturen stellen für aktuelle Produktgenerationen keine Herausforderung mehr dar. Durch die immer kleiner werdenden Chips und gleichzeitig sinkende Preise eröffnen sich beinahe täglich neue Anwendungsszenarien für die intelligenten Helfer – vom vernetzten Haushaltsroboter bis zur Raumfahrt. Vor allem mit Blick auf die Gestaltung unseres zukünftigen Arbeitsmarkts werden Unternehmen wie Dietz deshalb eine zentrale Rolle spielen. Denn ob mittelfristig wie prognostiziert tatsächlich rund 50 Prozent der heutigen Arbeitsplätze wegfallen, wird zum Wesentlichen davon abhängen, wie sich die Preise der digitalen Helfer im Vergleich zur Ressource Mensch entwickeln werden.

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