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Ob Stephen King, Günter Grass oder Agatha Christie: Schriftsteller haben oft strenge Tagesabläufe mit festgelegten, um den Schreibprozess aufrecht zu erhalten.

King, Grass, Christie

„Daily Rituals“ – die skurrilen Routinen der Genies

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Arbeiten in der Dunkelheit, schreiben auf dem Waschtisch oder stundenlang frühstücken: Viele große Geister haben Rituale entwickelt, aus denen sie kreative Energie schöpfen. Schräge Tagesroutinen stellt das Buch „Daily Rituals“ vor.

Wie schreibt man einen Bestseller, malt ein Meisterwerk oder komponiert eine großartige Symphonie? Talent ist das eine – aber viele berühmte Künstler und große Denker hatten meist auch eine strenge tägliche Routine, die ihre Kreativität in Schwung brachte.

Die einen Genies arbeiten am besten im Bett, die anderen nur volltrunken oder nie mehr als 30 Minuten am Stück: In seinem Buch „Daily Rituals“ (Picador) hat Mason Currey über 100 Tagesabläufe von Philosophen, Schriftstellern, Malern, Komponisten und Naturwissenschaftlern gesammelt. Wir stellen acht daraus vor.

Agatha Christie

Das Geheimnis der „Miss Marple“-Erfinderin war offenbar, dass sie nie einen festen Arbeitsplatz hatte. Als Hausfrau nannte sie keinen Raum wirklich „ihr Eigen“, ein Arbeitszimmer gab es nicht: Zum Schreiben diente Christie mal der Waschtisch aus Marmor, mal der Abendbrottisch nach den Mahlzeiten – hauptsache, die Unterlage war stabil, und die Schreibmaschine passte darauf. Dennoch bekam es nie jemand mit, wenn sie ihre Krimis schrieb: „Viele Freunde haben zu mir gesagt: 'Ich weiß nie, wann du deine Bücher schreibst, weil ich dich nie schreiben sehe“, wird Christie in „Daily Rituals“ zitiert.

Günter Grass

Der kürzlich verstorbene Schriftsteller Günter Grass arbeitete nie in der Nacht – nachts komme es zu leicht aus ihm heraus, sagte er: „Wenn ich das Geschriebene dann am Morgen lese, ist es nicht gut. Ich brauche Tageslicht, um anfangen zu können.“ Mit einem langen Frühstück zwischen neun und zehn Uhr mit Musik und Zeitungslektüre startete er in den Arbeitstag. Die nächste Pause legte Grass erst nachmittags ein, zum Kaffee.

Stephen King

Arbeiten, arbeiten, arbeiten – das ist offenbar das Erfolgsrezept von Bestsellerautor Stephen King. Egal ob an Weihnachten oder an seinem Geburtstag, er nutzt jeden Tag zum Schreiben, und haut mindestens 2000 Wörter in die Tasten. King arbeitet morgens, sein Tag beginnt gegen acht oder halb neun. Nachmittags hat er Zeit für private Dinge.

In seinen Memoiren empfiehlt der Horrorautor, sich auch beim Schreiben eine eigene Routine zu schaffen – ähnlich wie wenn man sich aufs Zubettgehen vorbereitet: „Trainiere deinen Verstand, 'kreativ zu schlafen' und halte deine lebendigen Tagträume schriftlich fest.“

Margaret Mead

Die US-amerikanische Ethnologin war eine Ultra-Frühaufsteherin, die keine Minute des Tages verschwendet sehen wollte. Einmal wurde eine morgendliche Sitzung auf einem Symposium verschoben – und Mead rastete aus: „Wie wagen die es?“, rief sie demnach aus, „Wissen die nicht, was ich in dieser Zeit alles hätte machen können?“

Jeden Tag stand die Anthropologin um 5 Uhr auf, um noch vor dem Morgenkaffee tausend Wörter zu schreiben. Manchmal setzte sie auch Treffen mit jungen Kollegen so früh an, Frühstück inklusive.

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Pablo Picasso

Sein gesamtes Leben ging Picasso spät ins Bett und stand spät auf. Das riesige Atelier in Montparnasse durfte niemand ohne Erlaubnis betreten, er umgab sich mit seinen Pinseln, Farben und Leinwänden und häufte verschiedenartigen Müll auf, während um ihn herum ein Haustier-Zoo tobte, darunter drei Siam-Katzen und ein Affe namens Monina.

Beim Abendessen mit seiner langjährigen Freundin Fernande war der Maler meistens schweigsam und wirkte gelangweilt, oft war er wohl noch in Gedanken bei der Arbeit. Seine chronisch schlechte Laune schrieb Fernande der selbst verordneten Diät des Hypochonders zu, der sich nur noch von Milch, Mineralwasser, Gemüse, Reis, Fisch, Pudding und Weintrauben ernährte.

Igor Stravinsky

Mehr als drei Stunden am Tag konnte Stravinsky nicht komponieren, den Rest der Arbeitszeit übte er Klavier, schrieb Briefe oder kopierte Notenblätter. Für seine kreative Arbeit brauchte er absolute Ruhe und Einsamkeit, wenn ihn jemand beim Komponieren hören konnte, fühlte er sich blockiert. In solchen Momenten half Stravinsky ein kurzer Kopfstand: „das ruht den Kopf aus und klärt den Verstand.“

Nikola Tesla

Der geniale Erfinder, Physiker und Elektroingenieur Nikola Tesla war ein Arbeitstier, als Lehrling von Thomas Edison in New York schuftete er freiwillig von 10:30 Uhr bis 5 Uhr am Morgen des folgenden Tages – und das regelmäßig. Als er seine eigene Firma gegründet hatte, zog er es vor, im Dunkeln zu arbeiten – so kamen ihm die besten Ideen. Wenn Tesla mittags ins Büro kam, dunkelte seine Sekretärin schnell alle Fenster ab. Zum Abendessen fuhr er immer um 20 Uhr ins Waldorf Astoria, sein Wunsch-Menü bestellte er zuvor telefonisch.

An seinem Stammplatz warteten schon 18 saubere Leinenservietten auf den Erfinder, mit denen er vor dem Essen das Silberbesteck und die Gläser polieren konnte. Wenn das Menü kam, berechnete er im Kopf das Volumen der Speisen, eine Neurose, die er schon als Kind hatte. Ohne zu rechnen hätte Tesla sein Essen nicht genießen können.

Andy Warhol

An jedem Wochentag – von 1967 bis zu seinem Tod 1987 – telefonierte der Pop-Art-Künstler und Filmemacher Warhol morgens mit seinem langjährigen Freund und Mitarbeiter Pat Hackett. Sie sprachen über die vergangenen 24 Stunden des Künstlers, die Menschen, die er getroffen hatte, Dinge, für die er Geld ausgegeben hatte und Klatsch, der ihm auf diversen Partys zu Ohren gekommen war. Das Ritual war Warhol so wichtig, dass er nur sehr selten davon abwich.

Pat Hackett notierte die Ereignisse des Tages und machte daraus ein Tagebuch – zum einen als Ausgaben-Nachweis für das Finanzamt, zum anderen schuf er damit ein intimes Portrait Warhols („The Andy Warhol Diaries“, veröffentlicht 1989).

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