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Stress am Arbeitsplatz gefährdet die Gesundheit der Mitarbeiter – auch weil sie mit sich selbst nicht pfleglich umgehen. Ausbrechen aus dem Teufelskreis können Arbeitgeber und Arbeitnehmer nur gemeinsam.

Krank durch Stress

Bonus-Zahlungen setzen Mitarbeiter unter Druck

Höher, schneller, weiter – das gilt für viele Unternehmensziele. Mehr und mehr Arbeitgeber beteiligen Angestellte am Gewinn und zahlen Boni aus, wenn die Leistung stimmt. Doch genau das erhöht den Druck und macht Arbeitnehmer krank, zeigt eine Studie.

Enger Terminplan, viel Stress: Mitarbeiter in privaten Unternehmen sind aus verschiedenen Gründen besonders anfällig für Depressionen und andere Erkrankungen – mehr als etwa Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst. Besonders überraschend ist aber, dass eine leistungsabhängige Bezahlung – etwa in Form von Gehaltsboni – das Krankheitsrisiko ebenfalls verstärken kann. Das zeigt eine Studie, die vom indischen Industrieverband Assocham in Auftrag gegeben wurde.

„Fast 42,5 Prozent der Angestellten im privaten Sektor leiden unter Depressionen oder allgemein unter Ängsten. Die Zahl von Mitarbeitern mit psychischen Problemen wie Angststörungen oder Depressionen ist in den vergangenen acht Jahren um 45 bis 50 Prozent gestiegen“, heißt es im Fazit der Untersuchung. Befragt wurden für die Studie 1250 Firmenangestellte von 150 Unternehmen aus verschiedenen Branchen, darunter Medien, Telekommunikation und Finanz- und IT-Dienstleister.

„Angestellte müssen sich im globalen Konkurrenzkampf durchsetzen, um ihre Jobs zu behalten – dabei gehen sie an ihre gesundheitlichen Grenzen“, warnt Assocham-Generalsekretär D. S. Rawat. Aber es ist nicht nur die Leistung, die zählt: Schon jetzt gibt es in deutschen Betrieben Modelle, wonach gesünderen Arbeitnehmern mehr Gehalt ausbezahlt wird. So hat etwa der Daimler-Konzern Mitarbeiter in einem Pilotprojekt mit 300 Euro belohnt, wenn diese ein Jahr lang nicht krankheitsbedingt fehlen. Ein Anreiz, sich auch krank zur Arbeit zu schleppen – und gesundheitliche Probleme zu ignorieren, kritisieren Gewerkschafter und Mediziner.

Neben finanziellen und beruflichen Sorgen spielen auch anderen Faktoren bei Depressionen eine große Rolle – dazu zählen schlechte Schlafgewohnheiten, hoher Kaffeekonsum, Schichtarbeit und Schlafstörungen wie das „Unruhige-Beine-Syndrom“ (RLS). All das hat laut Studie einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit.

Schwer erreichbare Ziele am Arbeitsplatz

Schlafstörungen resultieren oft selbst aus besonders stressigen Arbeitsbedingungen: Fast 38,5 Prozent der befragten Mitarbeiter schlafen weniger als sechs Stunden täglich. Die Studie schreibt dies auch den schwer erreichbaren Zielen zu, die Arbeitgeber ihren Mitarbeitern vorgeben – ein Trend in vielen Unternehmen.

„Der Chef weist nicht mehr an, was zu tun ist, sondern es werden Ziele ausgegeben. Wie diese erreicht werden, liegt in der Verantwortung der Beschäftigten“, sagt Andreas Krause, Professor an der Hochschule für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordschweiz im Interview mit Zeit-Online. Oft würden Standorte, Abteilungen, Teams und sogar einzelne Mitarbeiter miteinander in Konkurrenz über Kennzahlen gesetzt. Etwa wenn es darum gehe zu ermitteln, wer besonders kostendeckend arbeite und den meisten Umsatz mache.

Berufstätige mit Depressionen sind tagsüber oft müde und körperlich angeschlagen, sie stehen psychisch unter Stress und ihre berufliche Leistung verschlechtert sich. Das alles führt auch vermehrt zu Arbeitsausfällen – ein wahrer Teufelskreis, wie auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt. Demnach legt ein Viertel der repräsentativ befragten Vollzeit-Beschäftigen ein zu hohes Arbeitstempo vor. Damit wachse bei vielen die Gefahr, die eigene Gesundheit zu gefährden, so das Ergebnis der Studie.

Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Leistung muss stimmen

42 Prozent beklagen, dass das Arbeitsumfeld durch die Erwartung an steigende Leistungsziele geprägt werde. Jeder Dritte weiß nicht mehr, wie er den Ansprüchen gerecht werden soll. Werden zu hohe Ziele dennoch erreicht, gelten diese sofort als neuer Maßstab. „Die Studie belegt einen gefährlichen Trend, der durch die Digitalisierung der Arbeitswelt beschleunigt wird. Das Versprechen neuer Freiheiten verkehrt sich ins Gegenteil, wenn nur noch Ergebnisse zählen und unerreichbare Zieldiktate vorgegeben werden“, sagt Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied.

Arbeitsverdichtung, Arbeitshetze und Entgrenzung dürften aber nicht unter dem Deckmantel einer Pseudo-Freiheit zum Markenzeichen moderner Arbeit werden. „Wichtig ist, dass das Verhältnis von Arbeitszeit und Arbeitsleistung wieder ins Lot kommt, damit Arbeitszeit nicht entwertet wird“, so Buntenbach. Dafür sei mehr Mitsprache und Mitbestimmung der Beschäftigten notwendig.

„Druck und Konkurrenz auf der Arbeit können heutzutage tödlich sein. Ein Mangel an Selbstvertrauen, unrealistische Erwartungen und eine falsche Ernährung tragen ihr übriges dazu bei und verschlimmern die Probleme noch“, sagt Dr. B. K. Rao, Vorsitzender des Assocham Gesundheitskomitees. Auch Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes bedrohten die Gesundheit vieler Beschäftigter – dies sollte ein Anreiz für Unternehmen sein, mehr in Gesundheitsprogramme für ihre Mitarbeiter zu investieren und einen Ausgleich zum stressigen Joballtag zu schaffen.

Ein Gefühl für die eigenen Grenzen entwickeln

Um das selbstgefährdende Verhalten der Beschäftigten zu reduzieren, schlagen Experten regelmäßig verbindliche und realistische Zielvereinbarungsgespräche mit dem Arbeitgeber vor. Die vereinbarten Ziele müssten innerhalb der vertraglichen Arbeitszeit erreichbar sein, so Anja Chevalier von der Sporthochschule Köln. Besonders wichtig sei, dass Arbeitnehmer ein Gefühl für die eigenen Grenzen entwickeln, damit sie ihr Leistungspotenzial auch langfristig optimal ausschöpfen könnten, sagt Gert Kaluza vom GMK-Institut für Gesundheitspsychologie in Marburg. (gs/dpa)

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