Besser als ihr Ruf

Azubis von heute sind teamfähiger als ihre Vorgänger - an den Umgangsformen hapert es aber

Von BERNHARD KUNTZ

Darmstadt - Jährlich bewerben sich mehr als 8000 Schulabgänger um eine Ausbildungsstelle bei Provadis. Rund 2500 Bewerber werden zu einem Test geladen. Von diesen werden etwa 1000 zum Vorstellungsgespräch gebeten. Etwa die Hälfte der jungen Männer und Frauen, die es bis dahin geschafft hat, bekommt einen Ausbildungsplatz angeboten - zumeist nicht bei Provadis, sondern bei einem der Unternehmen, für die der Bildungsdienstleister Azubis rekrutiert und ausbildet.

Leiter des Personalcenters bei Provadis ist Markus Vogel. Der Diplom-Psychologe ist für die Auswahl der künftigen Fachkräfte verantwortlich. Außerdem betreut seine Abteilung rund 1200 Azubis, die bei Industrieunternehmen wie Sanofi-Aventis, Sandoz und Clariant, aber auch Banken und kommunalen Verwaltungen arbeiten. Entsprechend groß ist das Datenmaterial und der Erfahrungsschatz von Provadis zur Qualifikation der Bewerber.

Wenn man die Ergebnisse der Tests von heute mit denen von vor zehn Jahren vergleicht, fällt laut Vogel unter anderem auf: Die Bewerber sind heute nicht dümmer. Verschlechtert haben sich aber ihre mathematischen Kenntnisse - "und ihre Fähigkeit, diese anzuwenden". Auch bei den Rechtschreibkenntnissen "liegt der Verdacht nahe, dass sich die Bewerber verschlechtert haben". Allerdings gibt Vogel zu: "Wegen der Rechtschreibreform sind heute auch viele Erwachsene unsicher, was die richtige Schreibweise angeht." Deshalb könne man die Testergebnisse von heute und vor zehn Jahren nur bedingt vergleichen.

Eindeutig verschlechtert hätten sich aber - nicht nur nach Einschätzung der Provadis-Ausbilder - die Umgangsformen vieler junger Männer und Frauen. "Grüßen sowie ,Bitte'- und ,Danke'-Sagen ist heute nicht mehr selbstverständlich", beklagt Vogel. Nicht bestätigen kann er aber die allgemein verbreitete Ansicht, heutige Schulabgänger seien weniger motiviert zu arbeiten. Zum einen hätten sich die Anforderungen der Betriebe erhöht. "Sie legen heute an das Arbeitsverhalten strengere Maßstäbe an als vor zehn Jahren." Zum anderen stelle er "bei den Azubis ein größeres Bewusstsein für die beruflichen Notwendigkeiten fest. Vermutlich, weil sie schon beim Bewerben oft die Erfahrung sammeln, wie schwer es ist, eine Stelle zu erlangen." Auch ansonsten ist das Urteil Vogels über die Azubis von heute eher positiv. Er konstatiert bei ihnen beispielsweise eine erhöhte Teamfähigkeit und die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen.

Kaum Ausbildungs-Abbrecher

Übrigens brechen nur etwa drei Prozent der von Provadis ausgewählten Azubis ihre Ausbildung ab. Damit liegt das Unternehmen ganz weit unter dem bundesweiten Schnitt von rund 25 Prozent. Weniger als ein Prozent der Provadis-Azubis besteht die Abschlussprüfung nicht.

Damit Betriebe gute und sehr Azubis bekommen, sind laut Vogel drei Faktoren wichtig. Erstens: ein valides Auswahlverfahren, "weil die Schulnoten meist wenig aussagekräftig sind". Zweitens: Der Betrieb muss auch im Ausbildungsbereich ein Personalmarketing betreiben, "denn wenn die Schulabgänger nicht wissen, dass ein Betrieb existiert und ausbildet, können sie sich bei ihm auch nicht bewerben." Und der dritte Faktor? Der Betrieb sollte früh mit der Suche nach Azubis beginnen. "Gerade die sehr guten Kandidaten bewerben sich früh - oft über ein Jahr vor Ausbildungsbeginn", weiß Markus Vogel.

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