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Vor der Zeit

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Seit Jahren steigt weltweit die Zahl der Frühgeburten. In Deutschland wird inzwischen etwa jedes zehnte Kind  vor dem errechneten Geburtstermin geboren.
Seit Jahren steigt weltweit die Zahl der Frühgeburten. In Deutschland wird inzwischen etwa jedes zehnte Kind vor dem errechneten Geburtstermin geboren. © dpa

Fünfzehn Wochen früher als geplant kam Severin in einem Kölner Krankenhaus auf die Welt. Da wog er gerade mal 710 Gramm. Und sein Kampf um das Überleben begann.

Von Petra Pluwatsch

780 Gramm wiegt Severin an diesem Morgen, und das ist eine verdammt gute Nachricht. „Er trinkt fünf Milliliter pro Mahlzeit und bekommt schon kleine Pausbäckchen. Die stehen ihm richtig gut“, sagt Alexandra Bussert, die Mutter.

Severin Luis Bussert ist eine Frühgeburt, ein Menschlein also, das lange vor der Zeit auf die Welt drängte. Am 15. November, rund 15 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin, wurde er geboren: 34 Zentimeter groß und 710 Gramm schwer. In den ersten Tagen nach der Geburt nahm er rund 70 Gramm ab, doch inzwischen geht es stetig aufwärts mit ihm. Einen Kämpfer nennt ihn sein Vater, der ihm, umgeben von piependen Apparaten und blinkenden Leuchtanzeigen, kölsche Fußballlieder ins winzige Ohr summt: „Denn mir sinn Kölsche Junge. Han Spitzebötzche an“ – denn wir sind Kölner Jungs und tragen Spitzenhöschen.

„Wenn es so weitergeht, können wir bald das 1000-Gramm-Fest feiern“, sagt Alexandra. „Am liebsten würde ich ihn mir jetzt schon krallen und mit ihm nach Hause gehen. Aber ich weiß ja, dass das noch lange nicht geht.“ Ein wenig blass lehnt die 33-Jährige in den Kissen. Ihr Zimmer in der Frauenklinik des Städtischen Krankenhauses Köln-Holweide sieht aus wie ein Blumenladen. Freunde, Verwandte und die Kollegen von der Sparkasse KölnBonn, wo das Ehepaar aus Odenthal im Bergischen Land arbeitet, haben Glückwünsche und Mutmach-Karten geschickt. Andere haben Fotos von brennenden Kerzen geschickt, die sie für Severin angezündet haben. „Lieber Severin, du bist zwar ein wenig zu früh auf die Welt gekommen, aber wir alle freuen uns, dass du da bist“, hat eine Freundin geschrieben.

Severin liegt ein paar Türen weiter in einem abgedunkelten Raum des Perinatalzentrums, zusammen mit acht weiteren zu früh geborenen Säuglingen. Er ist der Kleinste und Jüngste auf der Station für Früh- und Risikoneugeborene. Ein Bündelchen Mensch mit winzigen Händen, Füßen, Fingern und Zehen und einem Mund, der kaum größer als ein Knopfloch ist. Die dünne, runzelige Haut schimmert bläulich unter der Wärmelampe, das Köpfchen mit der weißen Strickmütze ist noch ohne Haar.

Um Severins schmächtigen Körper schlingt sich eine Papierwindel, die ihm bis zu den Knien reicht. Im rechten Handrücken steckt eine Kanüle, ein feiner Schlauch führt in die Nase. Apparaturen neben dem 37 Grad Celsius warmen Inkubator, in dem der Säugling liegt, zeichnen die Herz- und die Atemsequenz sowie die Sauerstoffsättigung seines Blutes auf. Nach jetzigem Stand wird Severin bis zum errechneten Geburtstermin, dem 28. Februar 2012, auf der Station bleiben.

Beschützende Enge

Gelegentlich reckt und streckt sich das Kind. Dann stoßen die winzigen Füße gegen die zusammengerollte Windel am unteren Ende des Brutkastens. Sie soll ein wenig von dem simulieren, was Severin frühzeitig verlassen musste: die beschützende Enge des Mutterleibes.

Eigentlich sei es eine Bilderbuchschwangerschaft gewesen, erinnert sich Alexandra. „Keine Übelkeit, keine Schmerzen.“ Sie ist bereits in der zehnten Woche, als der Frauenarzt ihren vagen Verdacht bestätigt: Sie ist schwanger. Severin ist das erste Kind.

Ein wenig unwohl habe sie sich an jenem Freitag vor knapp zwei Wochen gefühlt, sagt sie. Nichts Ernstes, kaum mehr als ein diffuses Bauchgefühl, das sie den Abend zu Hause auf dem Sofa verbringen lässt. Gerade liegen zwei Wochen Urlaub mit einem Wellnessprogramm speziell für Schwangere hinter den werdenden Eltern: ausruhen, spazieren gehen, Yoga. „Wir haben uns ganz auf uns und das Kind konzentriert.“ In den Tagen danach wollen sie nach einem Kinderwagen Ausschau halten. Auch das Kinderzimmer ist noch nicht eingerichtet. „Wir dachten doch, wir haben noch so viel Zeit.“

Eine aufsteigende Entzündung werden die Ärzte später als Auslöser für die drohende Frühgeburt diagnostizieren, nicht selten in dieser Phase der Schwangerschaft. In der Nacht verliert Alexandra ein wenig Blut, auch das noch kein Grund zur Panik. Am nächsten Morgen informiert sie die Hebamme. Die beruhigt sie, rät dem Ehepaar jedoch, die Unregelmäßigkeiten zur Sicherheit im nächsten Krankenhaus abklären zu lassen. Vielleicht, mutmaßt sie, müsse Alexandra zwei, drei Tage zur Beobachtung dortbleiben. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellt. Der Muttermund ist bereits geöffnet, die Fruchtblase hat sich ein wenig herausgeschoben. „Ich sehe schon das Köpfchen des Kindes“, sagt die Ärztin im Krankenhaus in Bergisch-Gladbach, als sie die Schwangere untersucht.

Mit dem Krankenwagen wird Alexandra so schnell wie möglich ins Städtische Krankenhaus Köln-Holweide transportiert. Hier befindet sich eines von zwei Perinatalzentren der Stadt. Ihr wird strenge Bettruhe verordnet. Vorsorglich wird ihr ein Mittel gespritzt, das die Lungenreifung des ungeborenen Kindes beschleunigen soll. Vielleicht, so hoffen die Ärzte, lässt sich die drohende Frühgeburt wenigstens bis zur 28. Woche hinauszögern. Mit jedem gewonnenen Tag wachsen die Überlebenschancen des Babys. Helge Bussert, der Vater, ein stämmiger Mann von 38 Jahren, weicht nicht von der Seite seiner Frau. Für ihn steht außer Frage, „dass wir das zusammen durchstehen“. Er übernachtet in einem zweiten Bett in ihrem Krankenzimmer und hält ihre Hand, wenn die Verzweiflung sie zu übermannen droht.

„Wir hatten nur noch Angst“, sagt Helge Bussert. Tränen steigen ihm in die Augen, die er eilig wegblinzelt. „War es das jetzt mit dem Traum vom Kind? Hatten wir etwas falsch gemacht? Man sucht die Schuld ja zunächst bei sich selber. Bei mir kam noch die Angst um meine Frau dazu.“ Eine Krankenhausseelsorgerin steht dem Ehepaar bei und spricht auch die schlimmste aller Möglichkeiten an: dass Severin Luis Bussert zu früh geboren wird, um leben zu können.

Er atmet von Anfang an alleine

Ein Abwägen sei das, sagt Marc Hoppenz, Leiter des Zentrums in Köln-Holweide. Wo ist das Kind sicherer? Im Mutterleib oder im Brutkasten? Severin, das steht bald fest, hat außerhalb des Mutterleibes größere Überlebenschancen. Die Fruchtblase lässt sich nicht wieder zurückschieben in die Gebärmutter, der geöffnete Muttermund nicht mehr operativ verschließen. Auch die Entzündungswerte in Alexandras Körper sind inzwischen bedrohlich angestiegen. Am Dienstag, 15. November um 18.15 Uhr, wird Severin per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Er lebt. Und er atmet von Anfang an aus eigener Kraft.

Seit Jahren steigt weltweit die Zahl der Frühgeburten. In Deutschland wird inzwischen etwa jedes zehnte Kind vor dem errechneten Geburtstermin geboren. Einer der Gründe ist die steigende Zahl von künstlichen Befruchtungen. Hinzu kommt, dass die werdenden Mütter immer älter werden. Oft jedoch lässt sich der Grund für eine Frühgeburt nicht feststellen.

Die Winzlinge, die sich beharrlich ihren Weg ins Leben erkämpfen, werden immer jünger. Amillia Taylor aus Florida beispielsweise wog bei ihrer Geburt ganze 284 Gramm. Sie kam 2006 nach 21 Wochen und sechs Tagen zur Welt. Im vergangenen Jahr lief ihr die kleine Frieda aus Fulda den Rang ab als jüngstes lebend geborenes Baby der Welt. Frieda wurde nach 21 Wochen und fünf Tagen geboren.

Für die Ärzte ist es oft schwierig zu entscheiden, ob ein extrem früh geborenes Kind überlebensfähig ist oder nicht. Einheitliche Regelungen fehlen bislang in Deutschland. Insbesondere bei Kindern, die zwischen der 22. bis 24. Schwangerschaftswoche geboren werden, müssen die Ärzte im Einzelfall entscheiden.

Im Juni 2007 hatten sich die Ärzte in Köln-Holweide gegen die Behandlung eines extrem Frühgeborenen entschieden und ein Mädchen, das in der 22. Schwangerschaftswoche zur Welt kam, nicht ärztlich versorgt. Charlotte, 460 Gramm schwer, starb eine knappe Stunde nach der Geburt. In der vergangenen Woche standen einer der behandelnden Ärzte und eine Hebamme in Köln vor Gericht. Die Mutter des Kindes hatte ihnen unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen und sie auf 12?000 Euro Schadenersatz verklagt. Das Urteil steht noch aus. „Hätte man das Denkbare machen müssen?“, fragte der Richter und empfahl allen Beteiligten, sich bis zum 18. Januar 2012 außergerichtlich zu einigen.

Bei Severin stellten sich Fragen wie diese nicht. Dennoch war für Alexandra und Helge der Anblick ihres Erstgeborenen erst einmal ein Schock. Alexandra brauchte drei Tage, ehe sie ihn anschauen kann, ohne sofort in Tränen auszubrechen. „Er war so furchtbar klein.“ Einen Tag nach der Geburt berührt sie Severin zum ersten Mal. Greift mit der Hand in den Inkubator. Streichelt einen daumennagelgroßen Fuß. Sie spürt, wie sich der kleine Körper dagegen stemmt.

Angst vor möglichen Schädigungen

„Ich hatte überhaupt keine Zeit, mich auf ihn vorzubereiten“, sagt sie. „Plötzlich hatte ich nichts mehr im Bauch. Ich habe so vieles nicht erleben dürfen. Die Tritte gegen die Bauchdecke. Die Bewegungen des Kindes.“

Heute darf sie Severin zum zweiten Mal seit der Geburt auf ihrem Körper spüren. „Känguruhing“ nennt man im Perinatalzentrum dieses Verfahren, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind festigen soll. Vorsichtig hebt eine Kinderkrankenschwester Severin aus dem Brutkasten und legt ihn zwischen die nackten Brüste der Mutter. Behutsam legt Alexandra beide Arme um den Körper ihres Sohnes und streichelt seinen Kopf. Helge beugt sich über die beiden. „So sehen Sieger aus“, summt er.

„Seitdem Severin auf der Welt ist, haben wir den Begriff Hoffnung völlig neu definiert“, sagt Helge. „Wir denken nicht mehr in Tagen oder Wochen. Wir denken in Stunden. Jede Stunde, die es Severin gut geht, ist eine gute Stunde.“ Sie fürchten sich vor möglichen Schädigungen. „Wir wissen nicht, ob noch was kommt“, sagt Alexandra.

Kurz vor Weihnachten feiert Severin sein 1000-Gramm-Fest. Er ist jetzt 35 Zentimeter groß, zieht sich gelegentlich die Magensonde aus der Nase und wendet den Kopf hin und her, wenn er bei seiner Mutter auf der Brust liegt. Alexandra ist bereits vor zwei Wochen aus der Klinik entlassen worden, sie und Helge besuchen Severin täglich. Einmal schon durfte sie ihn ohne Hilfe aus dem Brutkasten heben.

„Der macht das super“, sagt Helge. „Beide machen das super. Ich bin sehr, sehr stolz auf die beiden.“ Demnächst will er für Severin die Mitgliedschaft beim FC Köln beantragen. Und am Heiligen Abend wird „eine extra große Kerze für den Burschen unter dem Weihnachtsbaum stehen“.

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