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Nicht nur ein Szenario aus einem Gruselfilm: Manche Menschen sind überzeugt, zum Tier zu werden.

Medizin

Wenn dir im Spiegel ein Wolf entgegenstarrt

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Funktionsstörungen des Gehirns können sich mannigfaltig äußern. Ihre Ursachen sind oft unbekannt, wirksame Therapien fehlen.

Unter all unseren Organen ist es die Königin, ein kompliziertes Wesen, kapriziös, sensibel, faszinierend, facettenreich. Nicht gerade objektiv, aber in der Regel doch sehr zuverlässig. Unabhängig von religiösen Überzeugungen und philosophischen Diskursen dürfte es als Konsens gelten, dass es das Gehirn ist, das uns größtenteils zu dem macht, was wir sind. Nüchtern betrachtet zeichnet dafür ein gigantisches Netzwerk von Nervenzellen unter der Schädeldecke verantwortlich. Nach aktuellem Stand der Forschung enthält unser Gehirn rund 86 Millionen Neuronen, von denen jedes einzelne mit mehr als tausend anderen in Verbindung steht; eine Dimension, die unser Gehirn selbst kaum zu begreifen vermag. In der Welt, die wir kennen, wissen wir von nichts Komplexerem. Trotz aller gewaltigen Fortschritte bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz lässt sich ein menschliches Gehirn nicht nachbauen. Und eine Transplantation dürfte auch in denkbar fernster Zukunft noch undenkbar sein.

Umso folgenreicher ist es, wenn in dieser ungefähr 1,3 Kilogramm schweren Masse etwas nicht richtig funktioniert. Je nach Lokalisation und Ausmaß kann sich das auf andere Organe, Motorik, auf Denkvermögen, Urteilsfähigkeit und Wahrnehmung auswirken, ja, es kann unser gesamtes Wesen einschneidend verändern. In früheren Jahrhunderten galten Menschen mit entsprechenden Krankheitsbildern oft als Hexen, Besessene, Monster, ihr unerklärliches Verhalten machte Angst. Doch auch in unserer aufgeklärten Gesellschaft werden Menschen, die aufgrund einer Funktionsstörung des Gehirns von dem abweichen, was gemeinhin als Norm gilt, oft stigmatisiert. 

Die Biologin Monika Niehaus hat 36 solcher psychischen Syndrome in ihrem Buch „Die Frau, die ihren Mann für einen Doppelgänger hielt“ zusammengetragen. Jedem ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in dem die Autorin die Symptome, mögliche Ursachen, Fallbeispiele und die Historie kompakt und leicht verständlich schildert. Das hätte leicht zur unangenehmen Freakshow geraten können. Doch der Autorin gelingt die Gratwanderung, gut lesbar zu schreiben, auch bei Laien Interesse für das Sujet zu wecken – und dabei eben keinen Voyeurismus zu bedienen.

Für viele dieser Erkrankungen gibt es bislang keine Therapie

Die beschriebenen Störungen können genetisch bedingt sein, durch hormonelle Einflüsse oder traumatische Erlebnisse forciert oder durch schwere Verletzungen und Ereignisse wie einen Schlaganfall hervorgerufen werden. Auch wenn durch moderne bildgebende Verfahren heute ein besserer Blick ins Innere des Kopfes möglich ist als noch vor Jahrzehnten, so sind die Ursachen doch nach wie vor häufig unbekannt. Und leider gibt es für viele dieser Erkrankungen bislang auch keine oder allenfalls nur eine unzureichende Therapie.

Von den meisten Störungen dürften Nicht-Mediziner (und vermutlich auch etliche Ärzte) noch nie etwas gehört haben, denn sie kommen nur sehr selten vor. So tritt etwa das Capras-Syndrom, auf das sich der Buchtitel bezieht, geschätzt bei weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung auf. Die Mehrheit von ihnen sind Frauen, sie halten ihnen nahestehende Bezugspersonen klassischerweise für Doppelgänger. Anders als bei Menschen mit Gesichtsblindheit (hinter der ebenfalls eine Funktionsstörung des Gehirns steckt) arbeitet beim Capras-Syndrom das Areal, das für die Erkennung von Gesichtern zuständig ist, normal, ebenso ist das Sehvermögen intakt. Als Ursache vermuten Wissenschaftler gestörte Verbindungen zwischen der Region im Schläfenlappen, die für das bewusste Erkennen von Gesichtern ist, und den emotionalen Zentren im limbischen System.

Geläufiger und weitaus verbreiteter ist dagegen der hypochondrische Wahn, der einem - sonst - gesunden Menschen, die selbst durch gegenteilige Beweise nicht zu erschütternde Überzeugung beschert, krank zu sein. Oder der Othello-Wahn, die krankhafte Eifersucht. Auch das Tourette-Syndrom, das mit dem unbeherrschbarem Drang zum Zucken, Grimassenschneiden oder Aussprechen von Obszönitäten verbunden ist, hat in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit gefunden.

Appetit aufs eigene Haar

Doch wem wäre schon einmal jemand untergekommen, der sein Haar verspeist? Mit weniger als 100 bekannten Fällen ist diese Trichophagie genannte Erkrankung extrem selten. Appetit aufs eigene Haar – das klingt skurril. Doch Störungen im Gehirn können zu noch weitaus dramatischeren Begehrlichkeiten führen. So verspüren „Amputee wannabes“ – zu 80 Prozent sind es Männer – das drängende Verlangen, sich Gliedmaßen amputieren zu lassen. Xenomelie ist der Fachbegriff für diese 1785 erstmals beschriebene Krankheit, bei der eine Anomalie im rechten Scheitellappen des Gehirns vorliegt. Eine Therapie existiert bislang nicht, einzig die ersehnte Entfernung von Arm oder Bein kann Abhilfe schaffen. Was wiederum Ärzte in ein schweres ethisches Dilemma bringt: Amputieren sie ein gesundes Körperteil und schädigen damit den Patienten schwer (was gegen den hippokratischen Eid verstößt) oder versagen sie die Operation und nehmen damit großes psychisches Leid und schlimmstenfalls sogar einen Suizid in Kauf?

Andere Syndrome klingen dagegen amüsant, auch wenn sie für die Betroffenen gleichwohl mit Leidensdruck einhergehen können. Das Gourmand-Syndrom gehört dazu. Wen es befällt, der mag seinen Hunger nicht länger mit einem Käsebrot stillen. Dessen Gedanken kreisen stattdessen permanent um feines Essen, wie es die Sterneküche kredenzt. Der im Buch als Beispiel aufgeführte Politikredakteur einer Schweizer Zeitung durchlebte nach einem Schlaganfall eine derartige Wandlung. Das schlechte Krankenhausessen soll ihm daraufhin mehr zu schaffen gemacht haben als seine Lähmungen durch den Schlaganfall. Für den Journalisten allerdings gab es eine so einfache wie zufriedenstellende „Behandlung“: Von den anderen Folgen des Hirninfarkts genesen, wechselte er vom Politikressort in das Fach eines Gastrokritikers.

Andere Störungen indes führen zu Verhaltensweisen, die auf Mitmenschen gruselig und angsteinflößend wirken und mitunter sogar tatsächlich gefährlich sein können. Kein Wunder, dass solche Syndrome in der Vergangenheit Schriftsteller und Filmemacher inspiriert haben. Besonders markante Beispiele hierfür ist die Lykanthropie, die Wahnvorstellung, zum Tier zu werden – und dabei auffällig häufig zum Wolf. Bereits der antike Dichter Homer hat die Verwandlung von Menschen in Tiere beschrieben, und bis heute ist der Werwolf ein beliebter Protagonist des Schauergenres. Natürlich durchleben diese Patienten nicht wirklich eine Transformation – ihr Gehirn gaukelt ihnen vor, dass ihnen beim Blick in den Spiegel das Antlitz eines Wolfes entgegenstarrt.

Auch der Mythos vom geborenen Verbrecher hat Künstler fasziniert. Ein äußerst streitbarer Begriff. Mit dem Brunner-Syndrom existiert eine erbliche Stoffwechselstörung, die ausschließlich Männer betrifft und zu starker Impulsivität, überhöhtem sexuellen Verlangen, extremen Stimmungsschwankungen und dem Hang zur Gewalttätigkeit führt, bei gleichzeitig oft geminderter Intelligenz. Ende des 20. Jahrhunderts hat der niederländische Molekulargenetiker Han Brunner dieses Syndrom erstmals dokumentiert – anhand einer großen Familie, bei der alle männlichen Mitglieder seit fünf Generationen verhaltensauffällig waren.

Während sich das Brunner-Syndrom nachweisen lässt, sind bei anderen Störungen die Grenzen zwischen Marotte und Krankheit fließend. So zum Beispiel bei der Orthorexie, von der man spricht, wenn sich jemand zwanghaft gesund ernährt, worunter dann nicht selten die Gesundheit leidet. Oder beim Querulantenwahn, der sich darin äußert, dass jemand stets unbedingt Recht haben muss und dabei auch den Bezug zur Realität verliert; fast immer handelt es sich dabei um Männer. Je nachdem, wie eng man hier die Grenze zieht, könnten eine Menge Menschen davon betroffen sein…

Was es nicht alles gibt, mag man sich sagen. Und staunen, was sich in unserem Gehirn so alles abspielt, sich wundern, dass es uns nicht häufiger Probleme bereitet. Vor allem aber vermittelt die Lektüre eine Ahnung, dass wir dieses Wunderwerk der Natur noch längst nicht umfassend verstanden haben.

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