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Röntgenaufnahme der Harnröhre eines Mannes.

Medizin

Wenn die Harnröhre nicht richtig sitzt

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Die „Hypospadie“ ist eine häufige Fehlbildung, aber dennoch wenig bekannt. Ein internationaler Kongress in Offenbach stellt diese nun in den Fokus.

Hypospadie ist die häufigste angeborene urogenitale Fehlbildung. Und doch dürften nur die wenigsten medizinischen Laien von dieser Krankheit gehört haben – wohl auch, weil sie ein Tabu berührt; wer redet schon gerne über gesundheitliche Probleme in diesem intimen Bereich ... Nach Angaben von Experten leidet etwa einer von 125 männlichen Säuglingen unter dieser Entwicklungsstörung, bei der die Harnröhre nicht an der Spitze der Eichel, sondern an der Unterseite des Penis austritt.

Obwohl die Hypospadie bereits in der Antike beschrieben wurde, fehlen bis heute verbindliche Standards für die korrigierende Operation, der einzigen Möglichkeit, um diese Fehlbildung zu beheben. Um die Therapie zu vereinheitlichen, sich besser zu vernetzen, Studien zu realisieren und mehr Aufmerksamkeit für diese wenig bekannte Volkskrankheit zu bekommen, haben sich spezialisierte Mediziner zur „Hypospadias International Society“ zusammengeschlossen.

Ahmed T. Hadidi, Chefarzt der Kinderchirurgie am Sana Klinikum Offenbach und Leiter der Abteilung Kinderchirurgie an der Emma Klinik in Seligenstadt, zählt zu den weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet. In Deutschland ist das Sana Klinikum Offenbach ein Zentrum für korrigierende Operationen bei dieser Fehlbildung mit mehr als 1000 Eingriffen jährlich, wie Hadidi sagt. Dort findet in diesen Tagen auch der „Hypospadias World Congress“ statt, wo sich mehr als 200 Kinderchirurgen aus 42 Ländern über die Krankheit und die Behandlungsmethoden informieren und austauschen.

Die Hypospadie hat kein einheitliches Erscheinungsbild, sondern zeigt sich individuell sehr unterschiedlich. „Die Variationsbreite ist sehr groß, jedes Kind ist ein besonderer Fall“, erklärt der Kinderurologe Luis Braga vom McMaster Children’s Hospital in Hamilton im kanadischen Ontario. Gleichwohl tue eine Professionalisierung und ein gemeinsamer Standard Not, sagt Mark Zaontz, Kinderurologe am Children’s Hospital in Philadelphia (USA). Experten schätzen, dass in der Vergangenheit mehrere hundert Operationstechniken mit unterschiedlich hohem Risiko für Komplikationen praktiziert wurden – und der Erfolg entsprechend stark von der Kunst des jeweiligen Kinderchirurgen oder Kinderurologen abhing.

Das will die „Hypospadias Internaitonal Society“ mit einer Standardisierung von Operationsmethoden ändern. Die Mediziner teilen die Hypospadie in vier Grade ein. Bei Grad eins, der schwächsten Ausprägung, endet die Harnröhre an der Eichel, allerdings nicht an der Spitze, sondern an der Seite. Beheben lässt sich diese Fehlbildung, indem die Eichel operativ geöffnet und die Harnröhre bis an die Spitze gezogen wird, erläutert Hadidi. Fünf Prozent der Patienten leiden unter dieser leichtesten Form der Hypospadie.

Die weitaus meisten, 80 Prozent, sind von Grad zwei betroffen. Dabei zwei endet die Harnröhre in der Nähe der Eichel; hier wird die Harnröhre mit Hilfe eines Lappens (der bevorzugt aus der Vorhaut gewonnen wird) operativ nach oben gezogen. Bei Grad drei – darunter leiden zehn Prozent der Patienten – endet die Harnröhre in der Nähe des Hodensacks, was einen größeren Schnitt und komplizierteren Eingriff erfordert. Bei Grad vier (fünf Prozent) tritt die Harnröhre am Hodensack oder in der Nähe des Anus aus. Dieses Erscheinungsbild, das oft auch mit Fehlbildungen des Hodens verbunden ist, sollte in zwei Schritten mit dreimonatiger Pause dazwischen operiert werden, erläutert Hadidi.

Der Kinderchirurg empfiehlt, die betroffenen Jungs ab einem Alter von sechs Monaten und dann so früh wie möglich operieren zu lassen. „Viele Eltern warten bis zum Schulalter. Aber das ist nicht richtig.“ Manche gingen auch aus Unkenntnis nicht zum Arzt, weil sie die Fehlbildung unterschätzen, aus Angst und falschen Horrorvorstellungen über das Ausmaß der Operation – oder auch aus Scham, moralischen oder religiösen Gründen. Zu lange zu warten oder vielleicht gar nichts zu unternehmen, könne jedoch erhebliche gesundheitliche und seelische Probleme mit sich bringen, warnt Hadidi, der neben seiner klinischen Tätigkeit auch Professor an der Universität Kairo ist.

Eine Hypospadie Grad eins mag harmlos anmuten und stellt tatsächlich in erster Linie ein kosmetisches Problem dar, weil das Urinieren funktioniert. Allerdings, so Hadidi, sei die psychische Belastung meist enorm, weil es eben „da unten“ nicht so aussieht wie bei allen anderen. Das fange meist schon in der Schule an, wenn es zum Beispiel darum gehe, nach dem Sport zu duschen, und mache die Betroffenen spätestens in der Pubertät unglücklich. Bei Grad zwei ist das Urinieren ausschließlich im Sitzen möglich, auch sinke bei dieser Ausprägung die Chance, Kinder zu zeugen zu können, erklärt der Arzt. Patienten mit einer Hypospadie Grad drei können ohne Operation keine Kinder zeugen, Jugendliche und Männer mit einer unbehandelten Hypospadie Grad vier können zudem auch keinen Geschlechtsverkehr haben.

Mit den modernen Operationsmethoden sei in 95 Prozent aller Fälle „ein gutes Ergebnis“ zu erzielen, sagt Hadidi, und auch in bei den restlichen fünf Prozent ließen sich die entstandenen Komplikationen meist korrigieren. Mögliche Probleme, die nach einer Hypospadie-Korrektur auftreten können, sind eine Fistel an der Harnröhre oder eine Harnröhrenverengung, die durch die Narbenbildung entstehen kann.

Wichtig sei auch, dass Ärzte keine Beschneidung vornehmen, wenn sie sehen, dass ein Junge unter dieser Entwicklungsstörung leidet, erklärt Hadidi. Die Vorhaut spielt bei der korrigierenden Operation eine wichtige Rolle, denn sie wird genutzt, um die fehlenden Teile der Harnröhre zu bauen; alternativ verwenden Mediziner Mundschleimhaut. In den USA und Schweden versuchen Operateure zum Teil auch, mit Zellkulturen zu arbeiten.

Die Ursachen der Hypospadie sind noch nicht vollständig geklärt. Die Fehlbildung entwickle sich während der Schwangerschaft, erläutert Ahmed T. Hadidi, „zwischen dem zweiten und vierten Monat“. Die Wissenschaft geht davon aus, dass eine erbliche Disposition eine Rolle spielt, denn familiäre Häufungen sind zu beobachten. Grundsätzlich seien Jungs mit weißer Hautfarbe sind häufiger betroffen als ihre Geschlechtsgenossen mit dunkler Hautfarbe, sagt Hadidi.

Daneben begünstigen vermutlich auch Umweltfaktoren das Entstehen der Erkrankung. Als äußere Einflüsse, die in Verdacht stehen, das Risiko für eine Hypospadie zu erhöhen, nennt der Arzt Pestizide, wie sie in der Landwirtschaft verwendet werden, Hormonbehandlungen, die die Chance auf eine Schwangerschaft erhöhen sollen oder auch den häufige Kontakt mit Haarspray, etwa bei Frauen, die im Friseurhandwerk arbeiten. Erwiesen sei das allerdings nicht. Feststeht indes: Die Zahlen der Betroffenen steigt seit den 1970, 1980er Jahren, und diese Tendenz setzt sich weiter fort.

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