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Der Leidensdruck vieler Migränepatienten ist groß. Eine Attacke kann Betroffene für mehrere Tage regelrecht schachmatt setzen.

Migräne

Weniger Gewitter im Kopf

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Migräne kann die Lebensqualität schwer beeinträchtigen. Neue Medikamente und Verhaltenstherapien sollen die Zahl der Attacken verringern helfen.

Man könnte sagen, die Migräne hat ihr Leben im Griff. Seit dem jungen Erwachsenenalter leidet Christina S. an wiederkehrenden Kopfschmerzattacken, die oft so heftig, so vernichtend sind, als würde ein Gewitter in ihrem Schädelinneren toben. Heute ist Christina S. Ende fünfzig, ihre Migräne hat inzwischen eine chronische Form angenommen, was bedeutet, an mehr als 15 Tagen im Monat von Kopfschmerzen heimgesucht zu werden. Mit Medikamenten kann Christina S. zwar die akuten Schmerzen bekämpfen, doch bislang ist es ihr mit keiner Therapie gelungen, den Anfällen vorzubeugen und deren Zahl zu reduzieren. Christina S. musste deshalb vorzeitig in Rente gehen, viele soziale Kontakte blieben auf der Strecke. Die Migräne beherrscht ihren gesamten Alltag, penibel unterlässt Christina S. alles, was eine Attacke begünstigen könnte: Sie isst die früher so geliebte Schokolade nicht mehr, trinkt keinen Tropfen Alkohol, verzichtet auf intensiv riechende Parfüms, vermeidet jeden Ort, wo es laut sein könnte, fährt nicht mehr zu weit entfernten Urlaubszielen, weil auch Wetterwechsel vielen Migränikern zu schaffen machen.

Doch dieses „Vermeidungsverhalten“ könnte möglicherweise wenig hilfreich sein oder wegen zunehmender Übersensibilität und der starken Fixierung auf die Krankheit sogar eher kontraproduktiv wirken. Bisher hatten Ärzte meist geraten, auf potenzielle Auslöser von Attacken zu verzichten. Doch inzwischen gibt es unter Experten auch die Überlegung, ob nicht ein „flexibler“ Umgang mit Migräne-Triggern sinnvoller sein könnte, wie Timo Klan, Leiter des Behandlungsschwerpunkts „Chronische Schmerzen“ am Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sagt. Dort läuft derzeit eine Therapiestudie zur Migräne, die von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft gefördert wird. Aktuell nehmen 70 Patienten daran teil, weitere Probanden werden noch gesucht. Ziel ist es, die Verhaltenstherapie bei Migräne zu verbessern. 

Hoffnung auf ein Leben mit weniger Schmerzen machen auch neue Medikamente, von denen die ersten gerade zugelassen wurden. Sie basieren auf monoklonalen Antikörpern – Substanzen aus der Gruppe der Biologika, die sich an Wirkweisen des Immunsystems orientieren und bereits zur Behandlung von verschiedenen Krebsarten und Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden.

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft leiden etwa jede fünfte Frau und acht Prozent der Männer unter Migräne, die damit die häufigste neurologische Erkrankung ist. Und die Patientenzahlen steigen sogar noch, sagt Timo Klan. Der Leidensdruck der Betroffenen sei groß. Im vor zwei Jahren erhobenen weltweiten Ranking der „krankheitsbedingten Ursachen für Beeinträchtigung“ belege die Migräne Platz zwei. 

Welche Vorgänge sich bei dieser Erkrankung im Kopf abspielen, ist mittlerweile gut erforscht. Die Migräne, erläutert Timo Klan, ist eine neurologische Funktionsstörung. Grundlage ist eine erhöhte Reizempfindlichkeit des Gehirns. Das erklärt, warum viele Migräniker so sensibel auf laute Geräusche, auf grelles Licht, bestimmte Gerüche sowie auf Hektik und Stress reagieren. „Die Migräneattacke ist eine Art Notabschaltung des Gehirns als Folge einer energetischen Überlastung“, veranschaulicht der Psychotherapeut die Vorgänge. 

Ein solcher Anfall äußert sich durch pulsierende, meist einseitige Kopfschmerzen von mittlerer bis starker Intensität, oft verbunden mit Übelkeit bis hin zum Erbrechen sowie einer extremen Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Die Migräne tritt in Form wiederkehrender Attacken auf, die jeweils wenige Stunden bis zu drei Tage dauern können. Bei manchen Menschen kommt es vorher zu einer sogenannten Aura mit neurologisch verursachten Lichtblitzen, Flimmern vor den Augen oder Gesichtsfeldausfällen. Nach einer Attacke fühlen sich die Betroffenen häufig erschöpft.

Die meisten Patienten leiden an einer sogenannten episodischen Migräne mit ein bis zwei Attacken im Monat. Treten die Symptome an mindestens 15 Tagen im Monat auf, so spricht man von chronischer Migräne. 

Bei Christina S. liegt die Migräne in der Familie, auch ihre Mutter litt darunter, allerdings nur bis zu den Wechseljahren. Die Erkrankung kann sich mit zunehmendem Alter bessern, zwingend ist das jedoch nicht. Neurologe Charly Gaul, Leiter der Migräne- und Kopfschmerzklinik in Königstein und Sprecher der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, bestätigt, dass eine erbliche Disposition eine wichtige Rolle spielt. Zur Veranlagung müssten sich bei den meisten Patienten jedoch noch weitere Faktoren gesellen. So können ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, wiederkehrender Stress oder auch die Erholungsphase nach Stress Migräne begünstigen.

Zur Vorbeugung und Behandlung der Attacken gibt es bereits eine Vielzahl von Medikamenten. Jedes davon hat seine Stärken und Schwächen. Ist der Anfall bereits da, können Schmerzmittel helfen, Ärzte warnen jedoch vor einer Selbstmedikation mit frei verkäuflichen Präparaten bei zu häufiger Einnahme. Die derzeit bekanntesten Migränemittel sind die sogenannten Triptane, die auf das bei einer Attacke gestörte Gleichgewicht des Botenstoffs Serotonin im Gehirn zielen und die dadurch erweiterten Blutgefäße der Hirnhaut wieder verengen. 

Andere Medikamente sollen durch eine dauerhafte Einnahme den Migräne-Attacken vorbeugen und ihre Zahl zumindest deutlich verringern, erläutert Charly Gaul. Dazu zählen trizyklische Anti-Depressiva in geringer Dosierung, Topiramat – ein Inhaltsstoff aus der Epilespie-Therapie – sowie Beta Blocker, die originär zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt werden. „40 Prozent der Patienten können ihre Attacken damit halbieren“, sagt der Neurologe. Neu sind positive Befunde aus Studien zur Wirkung von Sartanen – einer weiteren Gruppe von Blutdrucksenkern – bei Migräne. 

Einen Haken hat die Prophylaxe mit all diesen Medikamenten jedoch, sagt Gaul: „15 bis 25 Prozent der Patienten brechen die Therapie wegen der Nebenwirkungen wieder ab.“ Unter anderem könnten das bei Anti-Depressiva Gewichtszunahme und Müdigkeit sein, bei Beta-Blockern ebenfalls Müdigkeit oder bei Topiramat Missempfindungen, Sprach- und Konzentrationsstörungen. Nur zur Behandlung der chronischen Migräne ist außerdem das Nervengift Botulinumtoxin zugelassen, das in bestimmte Kopf- und Halsmuskeln injiziert wird.
Hoffnungen setzen insbesondere Patienten, denen bisher nichts geholfen hat, in die Zulassung neuer vorbeugender Medikamente. Es handelt sich dabei um sogenannte CGRP-Antikörper.

CGRP steht für das Molekül „Calcitonin Gene Related Peptide“. Es hat eine wichtige Funktion bei der Schmerzverarbeitung im Hirnstamm und bei der Erweiterung arterieller Blutgefäße im Gehirn. Während einer akuten Migräneattacke wird es verstärkt ausgeschüttet. Um diesen Botenstoff auszuschalten, wurden synthetisch produzierte „Gegenspieler“ in Form monoklonaler Antikörper entwickelt, erläutert Charly Gaul. 

In Deutschland wurde gerade die erste Zulassung erteilt. In den Medien kursierten diese monoklonalen Antikörper bereits als „Migräneimpfung“ – ein Begriff, den Charly Gaul aber als unglücklich und nicht zutreffend ansieht: „Das entspricht nicht dem Wirkmechanismus und weckt Erwartungen, die diese Präparate nicht erfüllen werden“, sagt er.

Grundsätzlich raten Experten, bei der Therapie der Migräne nicht allein auf Medikamente zu setzen. Als sinnvolle unterstützende Prophylaxe gelten moderater Ausdauersport wie Laufen oder Fahrradfahren, Schwimmen, Entspannungsübungen wie die „Progressive Muskelentspannung“ nach Jacobson oder „Biofeedback“, eine Methode aus der Verhaltensmedizin, bei der die Patienten lernen sollen, unbewusst ablaufende Prozesse im Körper wahrzunehmen und sie zu beeinflussen. Die Häufigkeit der Attacken ließe sich damit im Schnitt um 35 bis 45 Prozent reduzieren, sagt Timo Klan. 

Eine besondere Rolle spielt bei Migräne die Lebensführung. Allgemein gelten Stress, ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus und Alkohol als ungünstig, auch Wetterwechsel befördern bei einigen Patienten das Aufkommen einer Migräneattacke. Experten raten dazu, ein Schmerztagebuch zu führen, um die eigenen Trigger kennenzulernen. 

Aber: Ob nun Entspannungsübungen, Sport oder Vermeidungsverhalten – nicht jede Empfehlung hilft jedem Patienten auf gleiche Weise. Und noch ist unklar, welches Verfahren für wen am besten geeignet ist und von was das wiederum abhängt. Genau das herauszufinden, ist eines der Hauptziele der aktuellen Verhaltensstudie an der Uni Mainz. 

Generelle Vorgaben scheinen indes nicht der richtige Weg zu sein. Auch könne ein stetiges Vermeiden von bestimmten Situationen und Lebensmitteln unter Umständen dazu führen, dass sich die Empfindlichkeit des Gehirns noch erhöht, weil es von allem „entwöhnt“ wird, sagt Timo Klan. Er rät deshalb eher dazu, flexibler mit Triggerfaktoren umzugehen: „Das sollte jeder auch ein bisschen selbst ausprobieren. Es kann durchaus mal sinnvoll sein, sich den Reizen zu stellen und Trigger nicht immer nur zu vermeiden.“ 

Neue Medikamente, maßgeschneiderte Verhaltenstherapien – gibt es für leidgeplagte Patienten die Aussicht auf ein Leben ganz ohne die quälenden Attacken? Die Migräne werde man wohl nie ganz besiegen, sagt Charly Gaul, „aber die Chancen, die Zahl der von ihr beherrschten Tage deutlich zu reduzieren, werden besser“.

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