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Wer ins Krankenhaus geht, hofft, dass er bald wieder gesund ist. Diese Hoffnung geht nicht immer in Erfüllung.

Krankenhaus-Report

Unnötige Todesfälle in deutschen Kliniken

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Tausende Menschen kommen jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern zu Schaden, viele von ihnen sterben. Schuld sind schlechte Diagnosen, Behandlungsfehler und mangelnde Hygiene.

Der Patient hatte kein Chance. Bei der Chemotherapie gegen seine Krebserkrankung wurden versehentlich zwei Infusionsschläuche vertauscht. Statt in die Vene floss ein Medikament in den Rückenmarkkanal des 60-Jährigen. Es gelangten nur zwei Milligramm in den Körper, weil der Fehler schnell bemerkt wurde. Dennoch war es zu spät: Die Organe versagten, der Patient konnte nicht mehr gerettet werden. Tragische Fälle wie diese sind keine Ausnahme.

Laut neuen Schätzungen sterben pro Jahr rund 19 000 Menschen an Behandlungsfehlern in Kliniken – fünfmal mehr als im Straßenverkehr. Das ergibt sich aus dem Krankenhausreport 2014 der Allgemeinen Ortskrankenkassen, der am Dienstag in Berlin vorgestellt worden ist. Auf 1000 Patienten kommt demnach ein Todesfall. „Eine Krankenhausbehandlung kann nicht nur Gutes bewirken, sondern auch ein Risiko für die Patienten bedeuten“, sagte Mitautor Max Geraedts, Leiter des Instituts für Gesundheitssystemforschung der Universität Witten/Herdecke.

Vermeidbare Zwischenfälle

Von „unerwünschten, vermeidbaren Zwischenfällen“ sprechen die Experten, wenn bei einer medizinischen Behandlung ein Fehler passiert. Zwischen 360 000 und 720 000 Mal geschieht das den Schätzungen zufolge pro Jahr in deutschen Kliniken. Die genaue Zahl kennt allerdings niemand, denn es wird keine Statistik geführt.

Für die Schätzung von Fehlern und Todesfällen greift der Report auf eine rund acht Jahre alte Erhebung des Aktionsbündnisses Patientensicherheit zurück. Diese basierte damals auf mehr als 180 großteils internationalen Studien. Der Report bezieht die damals ermittelte Fehlerquote auf die aktuelle Zahl der Behandlungen. Geraedts wies Kritik daran zurück: Die Zahlen seien weiter gültig, denn es habe keine durchgreifenden Verbesserungen zur Vermeidung von Fehlern gegeben. Tatsächlich sei die Rate wohl sogar noch höher als angegeben.

Die meisten Fehler passieren bei Operationen: Ärzte verletzen Nachbarorgane, es kommt zu Blutungen, die OP-Wunde infiziert sich, Operationsbesteck wird im Körper vergessen. Probleme gibt es häufig auch bei Medikamenten. Es werden Präparate verwechselt, falsche Dosierungen verabreicht und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nicht beachtet. Ein typischer Fehler ist auch ungenügende Hygiene: Ärzte und Schwestern waschen sich zu wenig die Hände.

Als Kernproblem nennt die AOK, dass viele Kliniken auch komplizierte Behandlungen anbieten, obwohl ihnen die Erfahrung dafür fehlt. So gebe es deutliche Qualitätsunterschiede zum Beispiel beim Einsatz künstlicher Hüftgelenke bei Arthrose: Laut Report ist die Rate der binnen eines Jahres nötigen Wiederholungsoperationen in Kliniken mit wenigen Eingriffen (drei bis 44 Fälle pro Jahr) um 37 Prozent höher als in Häusern mit mehr als 200 Operationen jährlich. „Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Operationen und der Qualität“, sagte AOK-Vorstand Uwe Deh.

Kliniken sehen Panikmache

Die AOK führte ein weiteres Beispiel auf: An Kliniken, in denen weniger als 15 kleine Frühchen pro Jahr behandelt werden, liegt die Sterblichkeit um 87 Prozent höher als in Krankenhäusern, die mehr als 45 Fälle dieser Art betreuen. Als Konsequenz forderte die AOK eine stärkere Spezialisierung der Häuser. Die Krankenkassen müssten zudem stärker in die Lage versetzt werden, ihre Patienten in die besten Kliniken zu lotsen, sagte Deh.

Ärzte und Kliniken warfen der AOK Panikmache vor. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft betonte, die Sicherheitsstandards seien so hoch wie nie. Sie könnten sich international sehen lassen. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery warnte davor, Behandlungsfehler per se mit Pfusch gleichzusetzen. „Fehler passieren, auch in der Medizin“, so Montgomery.

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