+
Vielen Menschen ist offenbar nicht bewusst, wie viel Zucker sie zu sich nehmen.

Zucker

Süße Sucht

  • schließen

Gesundheit in Gefahr: Ärzte fordern die Bundesregierung auf, gegen den hohen Zuckerkonsum vorzugehen. Doch die lehnt eine Steuer ab.

Es klingt wie eine Revolution, was da in Elsdorf bei Köln entwickelt worden ist: Das Start-up Savanna Ingredients stellt einen Zucker her, der komplett kalorienfrei ist. Allulose nennt sich dieser Stoff. In der Natur kommt er bereits in kleinen Mengen vor. Mit dem von Savanna Ingredients entwickelten Verfahren lässt sich Allulose auch aus Fruchtzucker herstellen.

„Ob ein Zucker Kalorien hat oder nicht, hängt davon ab, ob wir ihn biologisch verwerten, also im Energiestoffwechsel umsetzen können“, sagt Geschäftsführer Timo Koch. Sein Unternehmen gehört ausgerechnet zu Pfeifer & Langen, einem der großen deutschen Zuckerhersteller. Allulose erkenne der Körper beim Stoffwechsel nicht als Energielieferant, so Koch. Für den Menschen sei sie daher praktisch kalorienfrei. 

In zwei bis drei Jahren soll der Zucker ohne Kalorien auf den Markt kommen. Wie verträglich er ist, weiß man derzeit noch nicht. Er könnte aber durchaus ein gutes Geschäft werden, denn Zucker hat kein gutes Image. Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden: Die Liste der Krankheiten, für die Zucker verantwortlich gemacht wird, ist lang.

Trotzdem ist der Zuckerkonsum der Deutschen in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. Waren es nach Angaben des Bundesernährungsministeriums Anfang der 50er Jahre noch durchschnittlich 28,1 Kilogramm Weißzucker pro Kopf und Jahr, nahm jeder Deutsche zehn Jahre später schon 30,3 Kilogramm zu sich. 2015/16 waren es im Schnitt 34 Kilogramm. 

Das ist weit mehr als von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen: Sie rät, weniger als zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr mit freien Zuckern zu decken. Idealerweise sollten es sogar weniger als fünf Prozent sein – das wären 25 Gramm oder sechs Teelöffel pro Tag.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Adipositas-Patienten. Fast jeder vierte Erwachsene ist nach Angaben der Deutschen Adipositas-Gesellschaft mittlerweile stark übergewichtig, Tendenz steigend. Adipositas erhöht das Risiko für Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden oder Typ-2-Diabetes. Auch hier gibt es immer mehr Fälle. Pro Jahr erhalten nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft mehr als 500.000 Menschen die Diagnose Typ-2-Diabetes. Derzeit gibt es in Deutschland mehr als sechs Millionen Patienten, hinzu kommt eine Dunkelziffer von rund zwei Millionen Kranken. 

Den Zucker an sich für Volkskrankheiten wie Adipositas und Diabetes verantwortlich zu machen, ist nach wissenschaftlicher Einschätzung allerdings falsch. „Die entscheidende Frage ist: Nimmt jemand mehr Kalorien zu sich als er verbraucht?“, sagt Stefan Kabisch. Er ist Studienarzt am Deutschen Institut für Ernährungsforschung und untersucht die Entstehung von Zivilisationskrankheiten durch nahrungsabhängige Komponenten.

Konsumiere jemand mehr Kalorien als nötig, nehme er auch an Körpergewicht zu. Ob es sich dabei mehrheitlich um Zucker oder andere Nährstoffe handele, sei dann fast unerheblich, sagt Kabisch, macht aber auch deutlich: „In der Regel ist aber zu hohe Energiezufuhr nun mal durch zu hohe Zuckerzufuhr bedingt.“

Genau hier könnte das eigentliche Problem liegen. Denn vielen Menschen ist offenbar nicht bewusst, wie viel Zucker sie zu sich nehmen. So glauben zwar 60 Prozent der Deutschen, dass Zucker, genauso wie Nikotin und Alkohol, süchtig machen kann. Das geht aus einer repräsentativen Befragung im Auftrag des AOK-Bundesverbands von 2015 hervor. Allerdings wissen 64 Prozent nicht, wie viel Gramm Zucker sie durchschnittlich pro Tag zu sich nehmen.

Verbraucherschützer sind überzeugt, das liegt auch daran, dass Kunden es schwer haben, im Supermarkt den Zuckergehalt einzelner Lebensmittel zu vergleichen. Aktuell bestehe ein „Kennzeichnungswirrwarr, bei dem kaum einer durchblickt“, sagt Sarah Häuser von der Verbraucherorganisation Foodwatch.

Zwar sind Lebensmittelhersteller dazu verpflichtet, die Nährwerte in Form einer Tabelle zu kennzeichnen. Die muss den Brennwert und mindestens die Menge der Hauptnährstoffe Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett pro 100 Gramm oder 100 Milliliter ausweisen. Allerdings können die Hersteller freiwillig auch die Nährwerte pro Portion angeben – und da liegt aus Sicht der Verbraucherzentralen das Problem. Denn die seien oft kleiner als die Mengen, die für die Verbraucher üblicherweise eine Portion seien. 

Die Verbraucherzentralen stützen sich dabei auf eine Befragung aus dem vergangenen Jahr. Knapp 1500 Verbraucherinnen und Verbraucher sollten die Portion Müsli und Chips abfüllen, die ihren üblichen Essgewohnheiten entspricht. Ergebnis: Diese Portionen waren mehr als doppelt so groß wie die Angaben der Hersteller.

Studienarzt Kabisch weist aber auch noch auf einen anderen Aspekt hin. „Zucker macht Lebensmittel attraktiv, selbst da wo wir es nicht erwarten, beispielsweise in Fertigprodukten“, so der Mediziner. Deswegen setzten die Lebensmittelproduzenten auch dort Zucker zu.

Besonders im Mittelpunkt stehen süße Getränke. Laut einer Foodwatch-Studie ist mehr als jedes zweite Erfrischungsgetränk überzuckert. Die Verbraucherorganisation hatte 600 Limonaden, Cola-Getränke, Energy Drinks, Saftschorlen, Brausen, Eistees und Fruchtsaftgetränke untersucht. Im Schnitt enthalten die Getränke laut Foodwatch sechs Stück Würfelzucker – allerdings nicht pro Flasche, sondern pro 250 Milliliter.

Der Konsum solch zuckerhaltiger Getränke erhöhe das Risiko für Adipositas und Typ-2-Diabetes, erklärt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). „Das liegt vermutlich daran, dass diesen Getränken sehr viel Zucker zugesetzt ist, sie sich aber trotzdem schnell und auch nebenher trinken lassen.“

Günter Tissen sieht das alles etwas anders. Er ist Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ), die die deutsche Zuckerindustrie vertritt und sagt: „Zucker ist in Lebensmitteln nicht versteckt, sondern klar und transparent ausgewiesen.“ Die Nährwerttabelle informiere eindeutig über den Gesamtzuckergehalt eines Lebensmittels. Zwar räumt er ein, dass bei Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen Übergewicht der entscheidende Risikofaktor sei. Woher die überschüssigen Kalorien kommen, spiele dabei aber keine Rolle. 

Unterdessen hat das Streitthema Zucker längst die Politik erreicht. Auch hier sind die Fronten verhärtet. Anfang Mai hatten sich der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Deutsche Diabetes Gesellschaft, Foodwatch und mehr als 2000 Ärztinnen und Ärzte mit einem offenen Brief an die Bundesregierung gewandt. „Bitte machen Sie ernst mit der Prävention von Adipositas, Typ-2-Diabetes und anderen chronischen Krankheiten“, hieß es darin. Die Bundesregierung solle unter anderem eine Nährwertampel und Sonderabgaben oder -steuern für gesüßte Getränke in Betracht ziehen.

Gebracht hat der Hilferuf nichts. Zwar wird das Problem auch im Koalitionsvertrag angesprochen, in Form einer „Nationalen Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten“. Das Konzept wolle die zuständige Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner (CDU), gemeinsam mit Wissenschaft und Industrie erarbeiten, so eine Sprecherin des Ministeriums. Der Plan soll noch in diesem Jahr stehen – allerdings nur auf freiwilliger Basis umgesetzt werden. Die Einführung einer Ampelkennzeichnung oder einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke lehnt Klöckner dagegen ab. Stattdessen will sie unter anderem das Nährwertkennzeichnungssystem für verarbeitete und verpackte Lebensmittel weiterentwickeln.

Experte Stefan Kabisch hat dagegen einen ganz praktischen Tipp. „Von jungen Jahren an sollten Kinder darin geschult werden, was eher gesund und was weniger gesund ist“, rät der Mediziner. „In den Kitas, in Schulen und in Betriebskantinen sollte entsprechend gesundes, vollwertiges Essen angeboten werden.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion