+
Bis aus den Ergebnissen der Forschung im Labor ein zugelassenes Medikament wird, dauert es oft lange.

Forschung in Frankfurt

Auf der Suche nach neuer Arznei

  • schließen

Das Zentrum für Translationale Medizin und Pharmakologie in Frankfurt erhält 19,4 Millionen Euro aus dem LOEWE-Forschungsförderungsprogramm des Landes Hessen.

Tausende Frauen in Deutschland könnten ihre Überlebenschancen nach einer Brust- oder Eierstockkrebserkrankung verbessern, würden sie die Chemotherapie besser vertragen. Doch viele müssen die Behandlung mit dem Zytostatikum Paclitaxel – einer besonders effektiven Substanz gegen diese beiden Tumorarten – abbrechen, weil das aggressive Zellgift bei ihnen starke Nervenschmerzen verursacht. „Rund 80.000 Frauen erkranken jedes Jahr neu an Brust- oder Eierstockkrebs“, sagt der Frankfurter Mediziner Frank Behrens. Etwa die Hälfte der Patientinnen erhält eine Chemotherapie mit Paclitaxel – auf die wiederum mehr als 50 Prozent mit neuropathischen Schmerzen reagiert. „Jedes Jahr sind etwa 23.000 Frauen von dieser Nebenwirkung betroffen, ein Teil davon so stark, dass die Therapie abgebrochen werden muss und sich somit die Chance auf Heilung verringert“, erläutert Behrens. Hinzu kommt, dass die quälenden Schmerzen auch nach Absetzen der Behandlung anhalten können.

Wissenschaftler des „Zentrums Translationale Medizin und Pharmakologie“ (TMP) in Frankfurt haben einen Weg aus diesem Dilemma gesucht – und gefunden. Zusammen mit Forschern des „Screening Port“ am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie in Hamburg fahndeten sie nach einer Substanz, die gegensteuern und die unerwünschte Nebenwirkung verhindern kann. Diese kommt zustande, weil Paclitaxel die Aktivität eines Enzyms steigert, das die Nerven reizt und so zu neuropathischen Schmerzen führt. Dieses Enzym zu blockieren war der Ansatz der Forscher. „Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, doch wir haben sie gefunden“, sagt Frank Behrens vom TMP. In Versuchen mit Mäusen hat sich die Substanz bereits bewährt, nun soll sie im nächsten Schritt in einer klinischen Studie, an der auch das Deutsche Krebsforschungszentrum beteiligt ist, an 35 Patienten getestet werden.

Es ist ein positives Beispiel, wie eine Idee aus der Forschung konsequent weiterverfolgt und dann auch schnell in klinische Studien gebracht wird, um die Voraussetzungen für die Zulassung als Medikament zu schaffen – sollte sich der Wirkstoff bewähren und als sicher erweisen. Genau diesen zügigen Transfer von der Grundlagenforschung in die Praxis zu leisten ist das Ziel des „Zentrums Translationale Medizin und Pharmakologie“. Denn die Lücke, die zwischen der Arbeit an den Universitäten und der klinischen Anwendung klafft, stellt eines der ganz großen Probleme in der Medizin dar; einige Experten sprechen sogar von einem „Tal des Todes“: Viele hoffnungsvolle wissenschaftliche Erkenntnisse schaffen es nie bis zu einer zugelassenen Therapie – und wenn, dann dauert es im Schnitt 15 Jahre, nicht selten sogar noch weit länger. 

Die erfolgreiche Suche der Frankfurter Wissenschaftler nach einer Substanz zum Ausschalten der Nervenschmerzen bei einer Chemotherapie mit Paclitaxel ist nur eines von mehreren hoffnungsvollen Projekten des Zentrums für Translationale Medizin und Pharmakologie. Die Schwerpunkte der Forschung sind Schmerzen, Multiple Sklerose, Sepsis (Blutvergiftung) und rheumatologische/dermatologische Autoimmunerkrankungen.

Für alle diese Leiden wollen die Wissenschaftler neue Medikamente finden – und auch Modelle entwickeln, um möglichst früh Aussagen über die Wirksamkeit und Sicherheit der Wirkstoff-Kandidaten treffen zu können. Bislang ist das oft nur schwer möglich – ein Hauptgrund für die hohen Ausfallraten bei der Entwicklung von Arzneimitteln. Neben der Suche nach Substanzen stehen auch neue Technologien im Fokus, mit denen sie entwickelt werden können. Ein weiteres wichtiges Thema ist das „Drug Repurposing“, bei dem es darum geht, für bekannte, bereits zugelassene Arzneistoffe neue Indikationen zu finden; ein Gebiet, auf dem Pharmaunternehmen kaum forschen, weil es wenig Gewinn verspricht. Die Leitung des TMP hat Gerd Geisslinger, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Klinikum der Frankfurter Universität.

Weiterhin Geld vom Land

Unterstützt wird die Arbeit am TMP vom Forschungsförderungsprogramm LOEWE (Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz) des Landes Hessen; zunächst war es ein LOEWE-Schwerpunkt, seit 2015 ist es ein LOEWE-Zentrum. Auch in den nächsten Jahren gibt es für die Wissenschaftler weiterhin Geld vom Land. Der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) übergab am Dienstag im Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt einen Bescheid über 19,4 Millionen Euro für den Zeitraum von 2018 und 2020. Das TMP besitze in Deutschland ein „Alleinstellungsmerkmal“, sagte Rhein: „Dort wird exakt an den Lösungen geforscht, die den Menschen wirklich unter den Nägeln brennen.“

Doch die Pläne reichen noch weiter. Aus dem LOEWE-Zentrum TMP soll ein eigenständiges Fraunhofer-Forschungsinstitut erwachsen (es wäre das erste am Standort Frankfurt), das in einem Neubau auf dem Campus Niederrad des Universitätsklinikums sein Domizil bekommen soll. Gemeinsam mit der Fraunhofer-Gesellschaft unterstützt das Land Hessen die Realisierung dieses Vorhabens mit einer Summe von 22 Millionen Euro für die Jahre 2018 bis 2023.

Hervorgegangen ist das Zentrum Translationale Medizin und Pharmakologie aus dem 2002 gegründeten Zentrum für Arzneimittelforschung, -entwicklung und -sicherheit der Goethe-Universität, wo Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen damals schon über die Grenzen ihrer Institute  hinweg zusammenarbeiteten. Beim LOEWE-Zentrum kam dann noch die Kooperation mit außeruniversitären Partnern hinzu: Neben Fraunhofer ist das die Abteilung Pharmakologie am Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim. Dass hier Forschungseinrichtungen vernetzt miteinander arbeiteten „und nicht eifersüchtig aufeinander schauen“, so Boris Rhein, sei ein wichtiger Grund für den Erfolg. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion