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Körperliche Schwäche macht Krebspatienten am meisten zu schaffen.

Lebensqualität bei Krebs

Sorgen von Krebskranken wenig beachtet

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Eine Studie Frankfurter Wissenschaftler befasst sich mit dem Thema Lebensqualität bei Krebs. Nicht Schmerzen oder Übelkeit, sondern Schwäche macht Patienten am meisten zu schaffen. Doch viele Ärzte schenken diesem Phänomen nur wenig Beachtung.

An Krebs zu erkranken – das bedeutet einen Einschnitt, der tiefer reicht als bei den meisten anderen (selbst schweren) Leiden. Die Diagnose löst starke Ängste aus, vor Siechtum, langwierigen, qualvollen Behandlungen, vor Stigmatisierung und oft auch vor dem Tod. Durch moderne Therapien können heute viele Patienten geheilt oder in fortgeschrittenem Stadium Schmerzen zumindest ausgeschaltet werden.

Doch trotz dieser Erfolge lässt sich nicht verschweigen, dass die Lebensqualität oft erheblich beeinträchtigt ist: durch die Krankheit selbst, ihre körperlichen und nicht zu unterschätzenden seelischen Folgen – aber auch durch die Behandlung mit Chemotherapie oder Bestrahlung, die massive Nebenwirkungen haben können.

Allerdings wird dieser Aspekt in der Praxis oft vernachlässigt. Viele Ärzte richten ihre Aufmerksamkeit allein darauf, den Krebs zu bekämpfen, sind ganz auf Diagnostik und Therapie fixiert. Das Befinden ihrer Patienten, vor allem deren Ängste und Sorgen vernachlässigen sie dabei. Eine Forschergruppe um Privatdozent Salah-Eddin Al-Batran und Felix Tauchert vom Institut für Klinisch-Onkologische Forschung am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt hat dieser Thematik eine Studie gewidmet und dafür mehr als 2000 Patienten mit unterschiedlichen Krebsarten in 22 onkologischen Ambulanzen in Deutschland befragt. Die Probanden waren in Schnitt 63 Jahre alt, 56,5 Prozent von ihnen sind Frauen, die meisten erhielten eine Chemotherapie oder Bestrahlung, 901 Patienten hatten Metastasen.

Bei der Umfrage ging es zum einen darum, welche Symptome die Lebensqualität wie stark beeinflussen – und welcher Stellenwert dem Thema im Arzt-Patienten-Gespräch eingeräumt wird. Das Ergebnis war auch für die Autoren der Studie überraschend: Bislang war es in Medizinerkreisen verbreitete Ansicht, dass Krebspatienten vor allem unter Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen leiden.

Schwäche und Zukunftsängste

Doch als wirklich belastend empfinden diese Menschen Anderes: Am meisten macht ihnen Schwäche zu schaffen, in dichtem Abstand folgen die Frage „Wie geht es weiter?“, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche, Angst und Sorgen sowie Haarausfall. Letzteres beschäftigt insbesondere Frauen mit Brustkrebs, während Patienten mit Darmkarzinom stärker als andere von Durchfall gequält werden.

Die gemeinhin als am stärksten belastend eingeschätzten Schmerzen indes tauchen erst auf Platz neun auf, Übelkeit und Erbrechen auf Platz 15, nach Schlaflosigkeit, Polyneuropathie (Störungen im peripheren Nervensystem wie Missempfindungen oder Gangunsicherheit) und eingeschränktem Sexualleben.

Warum das so ist? Die Autoren sehen eine Erklärung darin, dass die „klassischen“ Beschwerden durch die Fortschritte in der Therapie der vergangenen 20 Jahre – etwa durch verträglichere Medikamente und bessere Behandlungsmöglichkeiten ihrer Nebenwirkungen – in den Hintergrund gerückt sind.

Genau diese Probleme wie Übelkeit und Erbrechen sind es aber nach wie vor, die Ärzte in der Sprechstunde besonders interessieren. Andere – für die Patienten wichtigere – Symptome fänden keine „angemessene Aufmerksamkeit“, monierte die Mehrheit der Befragten.

Kein „Schönheitsfehler“, sondern ein echter Mangel in der Therapie: Denn die körperliche Verfassung von Patienten mit reduzierter Lebensqualität ist oft schlechter, sagt Salah-Eddin Al-Batran: „Beschwerden wie Schwäche oder auch Depression sind dem Heilungsprozess nicht förderlich.

Zudem haben Patienten mit schlechter Lebensqualität oft keine Lust mehr auf die Therapie.“ „Sie brechen eher ab“, ergänzt Felix Tauchert. Das führt in der Summe dazu, dass bei diesen Patienten das Risiko, an ihrer Erkrankung zu sterben, höher ist als bei jenen, die sich gut fühlen.

Den Ärzten alleine die Schuld zuzuweisen und ihnen mangelndes Wissen oder Interesse vorzuwerfen, würde der Komplexität des Themas nicht gerecht. Die Frage nach der Lebensqualität ist für Schwarz-Weiß-Malerei nicht geeignet. Das fängt schon mit dem Problem der Messbarkeit an.

Lebensqualität ist ein subjektives Gefühl, das von jedem anders empfunden werden kann – und hat auch viel mit der jeweiligen Ausgangssituation zu tun, wie Onkologe Al-Batran erläutert: „Wenn ein Patient mit Magenkrebs vorher unter starken Schluckbeschwerden gelitten hat und ihm diese Beschwerden durch die Therapie genommen wurden, kann er sich subjektiv besser fühlen als jemand mit weniger schwerem Krankheitsbild.“

Zudem sind Symptome wie Schwäche, Zukunftsängste und andere psychische Probleme schwieriger zu greifen als konkrete körperliche Leiden. Und hier kommen dann doch wieder die behandelnden Mediziner ins Spiel: „Schmerzen sind leichter abzufragen“, sagt Salah-Eddin Al-Batran – und verweist in diesem Zusammenhang auch auf die geringe Zeit, die sich Ärzte in der Regel für einen Patienten nehmen; sei es in der Sprechstunde oder bei einer Visite im Krankenhaus.

Zudem seien die Patienten meist nicht „trainiert“ das Thema von sich aus einzubringen. Fatal: „Der Arzt spricht in der Regel das an, wogegen er etwas hat“, sagt Salah-Eddin Al-Batran, „Übelkeit und Schmerzen stehen für ihn als erstes auf der Agenda, solche handfesten Symptome sind für ihn auch leichter zu behandeln.“

Schwäche schwer zu bekämpfen

Ausgerechnet das Gefühl der Schwäche, dem die Studienteilnehmer eine besonders starke negative Wirkung auf die Lebensqualität zuschreiben, ist medizinisch schwer in den Griff zu kriegen; insbesondere, wenn es sich um ein richtiges Fatigue-Syndrom, einen anhaltenden schweren Erschöpfungszustand handelt, der alle Kräfte aus einem Menschen auszusaugen scheint.

Die Ursachen für diese häufige Begleiterscheinung einer Krebserkrankung sind noch nicht genau bekannt, sagt Felix Tauchert. Die Chemotherapie kann eine davon sein, gilt jedoch nicht als alleiniger Grund für ein Fatigue-Syndrom. Einer liegt indes bereits im Tumor selbst, erklärt Salah-Eddin Al-Batran: „Er produziert viele Transmitter im Körper, die zur Erschöpfung führen.“

Der Onkologe setzt für die Zukunft darauf, dass noch gezielter wirksame Medikamente bösartige Tumore mit weniger Nebenwirkungen bekämpfen – und so das Befinden der Betroffenen verbessert wird. Daneben müsse sich aber auch grundsätzlich etwas am Gesprächsverhalten zwischen Arzt und Patient ändern und das Thema Lebensqualität dort stärker berücksichtigt werden. Das, so heißt es in der Studie, sei „dringend erforderlich“.

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