Krankenversicherung

Solidarität statt Selbstvermessung

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Dr. Hontschiks Diagnose: Erkranken schadet Ihrer Versicherungsprämie.

Alles beginnt ganz harmlos. Ein Freund kommt in meine Praxis. Seine private Krankenversicherung verlangt eine ärztliche Bescheinigung von ihm, dass sich sein Body-Mass-Index zwischen 18 und 25 bewegt, dass er regelmäßig Sport treibt und dass er Nichtraucher ist. Für diesen Fall und falls er in den zurückliegenden zwölf Monaten nicht krank gewesen ist, könne er mit einer satten Beitragsrückerstattung rechnen.

Ich fülle die Bescheinigung aus und unterschreibe sie, ausnahmsweise, denn es handelt sich ja um einen Freund. Währenddessen erkläre ich ihm aber, dass ich solche Bonusprogramme eigentlich zum Kotzen finde, dass ich nicht verstehen kann, wie Junge und Gesunde in der privaten Krankenversicherung mit Vorteilen überhäuft werden, während sie sich aus der Solidarität der Versicherten verabschieden. 

Außerdem könne ich nicht verstehen, wie man seine Gesundheitsdaten so gedankenlos irgendeiner Krankenversicherung überlassen kann. Wie soll denn das weitergehen, wo wird das hinführen? Mein Freund meinte daraufhin, meine Schwarzmalerei über fehlenden Datenschutz, über Hacker und das Ende des Arztgeheimnisses, über sensible Patientendaten und die schrittweise Zerstörung der sozialen Solidarität komme ihm doch reichlich übertrieben vor.

Nicht sehr viel später las ich vom Vitality-Programm der Generali Versicherung. Mit der Teilnahme an diesem Programm können die Versicherten die Prämien ihrer Lebensversicherung um bis zu 16 Prozent senken. Body-Mass-Index, Blutzucker und Cholesterin regelmäßig mitteilen, Ernährungsaufzeichnungen führen, regelmäßig zum Check-up zum Arzt gehen und mit einem Fitness-Tracker am Handgelenk die Intensität der sportlichen Aktivitäten dokumentieren: das ist das neue Pflichtenheft des Versicherten. Zwar wird niemand zur Teilnahme am Vitality-Programm gezwungen, aber Kranke und Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen können daran gar nicht erst teilnehmen. 

Das entspricht auch anderen modernen Versicherungsstrategien, die sich bei der Generali außer in Vitality auch noch hinter den Programmen Mobility und Domocity verbergen. Mit Mobility werden von einer App während des Autofahrens Daten gesammelt, die Rückschlüsse auf die Sicherheit, Verträglichkeit und Gelassenheit der Fahrweise zulassen. Diese werden in einen Score umgerechnet, nach dem sich die Höhe der Versicherungsprämie berechnet. Bei Domocity wird in den eigenen vier Wänden mit Hilfe von Sensoren alles Mögliche gemessen und online weitergegeben. Diese Überwachung soll die persönliche Sicherheit und eine Schadensbegrenzung möglich machen, etwa bei einem Brandfall. Auch die Teilnahme an Domocity ist mit einem Prämiennachlass verbunden.

Nun aber der neueste Schritt: Bei dem US-amerikanischen Lebensversicherer John Hancock ist die Teilnahme an Vitality nicht mehr freiwillig! Versichert wird ab sofort nur noch, wer verbindlich an Vitality teilnimmt. Dafür erhält der Kunde großzügige Rabatte und Prämiennachlässe. Vitality-Teilnehmer gehen doppelt so viele Schritte am Tag wie Normalbürger, leben 15 bis 20 Jahre länger und verursachen 30 Prozent weniger Krankenhauskosten, sagt man jedenfalls bei John Hancock. Mir ist schleierhaft, wie man auf eine solch dreiste Volksverdummung hereinfallen kann. Natürlich sind Junge und Gesunde seltener oder gar nicht im Krankenhaus und natürlich leben sie länger als Alte, Kranke oder Verletzte. Mit Vitality werden junge und gesunde Menschen mit Rabatten und Boni aus der solidarischen Gesellschaft direkt in die Arme von Big Brother gelockt.

Eigentlich zahlen alle in eine Versicherung ein, um den Wenigen, die durch Krankheit oder Unfall nicht mehr mithalten können, jede mögliche Hilfe zukommen zu lassen. Das nennt man Solidarität. Damit verglichen sind Boni und Rabatte geradezu lächerlich. Leider sind solche Bonusprogramme inzwischen auch bei gesetzlichen Krankenversicherungen gang und gäbe, beispielsweise bei der Technikerkasse. Solche Programme gefährden den sozialen Zusammenhalt und den sozialen Frieden. Man muss sie anprangern, ächten und sich verweigern.

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