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Operationen, die mehr Geld bringen, werden statistisch betrachtet immer häufiger duchgeführt.
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Operationen, die mehr Geld bringen, werden statistisch betrachtet immer häufiger duchgeführt.

Krankenhäuser

Saure Kirschen

  • Bernd Hontschik
    VonBernd Hontschik
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Seit der Umstellung der Krankenhausfinanzierung von einem zeitorientierten zu einem Fallpauschalen-System häufen sich die Operationen mit hoher Vergütung. Krankenhäuser sind längst Wirtschaftsunternehmen geworden.

Es ist schon einige Jahre her, als ein alter Bekannter in meine Praxis kam. Er war sehr blass, so blass wie man halt blass ist nach einer großen Operation. Was war geschehen?

Wie jedes Jahr hatte er im Garten seiner Mutter Kirschen gepflückt, er verlor sein Gleichgewicht und stürzte ab. In der nahegelegenen Universitätsklinik stellte man fest, dass drei Wirbel geborsten waren, am Übergang von der Brust- zur Lendenwirbelsäule. Mit einer inneren Fixation, einer Art doppelter Haltestange mit Schrauben auf jeder Seite, wurden die Frakturen stabilisiert. Dennoch trug er zusätzlich noch ein starres Mieder. 

„Warum das?“, fragte ich ihn. Die Operation sei noch nicht abgeschlossen, in 10 Tagen werde er noch einmal aufgenommen, um die Fixation von vorne, vom Bauchraum her, abzuschließen. Als ich das einem befreundeten Neurochirurgen erzählte, der auf Wirbelsäulenoperationen spezialisiert war, fing dieser an zu grinsen. Als er dann auch noch „Pecunia“ murmelte, wusste ich: Mit Medizin hat das nichts zu tun.

Seit die Krankenhausfinanzierung vor über zehn Jahren von einem zeitorientierten System (sog. Tagessatz) auf ein Fallpauschalen-System (sog. DRG) umgestellt worden ist, häufen sich solche Fälle. Krankenhäuser sind zu Wirtschaftsunternehmen geworden, die schwarze Zahlen schreiben müssen. Betriebsleiter terrorisieren Klinikdirektoren mit dem Case Mix Index, dem Fallpauschalendurchschnitt. Ärzte sind nicht mehr zuerst für ihre Patienten verantwortlich, sondern für die Bilanz ihrer Klinik. Indem man also aus einer Operation zwei macht, kann man die hohe Fallpauschale auch zweimal abrechnen: Mit Medizin hat das nichts zu tun.

Überhaupt nahmen plötzlich Eingriffszahlen bei Diagnosen mit gut bezahlter Fallpauschale zu. So wurden 2006 etwa 38 000 Wirbelsäulenversteifungsoperationen durchgeführt, 2014 waren es schon 68 000. Und es gibt noch viel mehr Tricks. Etwa ein knappes Drittel aller Kinder kommt bei uns derzeit durch einen Kaiserschnitt auf die Welt. Bis 2008 hatten sich dabei die geplanten und die ungeplanten Eingriffe etwa die Waage gehalten. Seit ein geplanter Kaiserschnitt aber nur noch mit etwa 2700 Euro vergütet wird, ein ungeplanter Notfalleingriff hingegen mit über 3400 Euro, hat sich das Verhältnis auf 40 zu 60 verschoben: Mit Medizin hat das nichts zu tun.

Die Kurzzeit-Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Oktober 1998 – Januar 2001), gefragt nach ihrer jetzigen Sicht auf ihre damaligen Entscheidungen, antwortete vor kurzem: „Worauf ich aber noch heute stolz bin, ist die Einführung des DRG-Systems – damit konnten wir endlich zeitangemessene adäquate Vergütungsformen in den Krankenhäusern etablieren, die sich vielfach in höherer Qualität für die Patienten ausgezahlt haben.“

Wie gesagt: Mit Medizin hat das nichts zu tun.

Fallpauschale: Tränen der Wut

Nach 40 Jahren als Chirurg ist Bernd Hontschik nicht so leicht zu erschüttern. Doch bei einer Fernsehsendung schießen ihm die Tränen in die Augen. Grund ist die Deformation der Medizin.

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