Dr. Hontschiks Diagnose

Roboter im Operationssaal

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Keiner spricht mehr über die Opfer des Robodoc.

Als ich vor einigen Tagen in dieser Zeitung las, dass ein großes Frankfurter Krankenhaus in Zukunft Roboter bei Operationen einsetzen wird, bin ich zutiefst erschrocken. Die Erinnerung holte mich ein, die Erinnerung an den Robodoc. Technische Neuerungen haben in der Chirurgie schon immer unglaubliche Fortschritte möglich gemacht. So hat beispielsweise die Miniaturisierung in Verbindung mit hochauflösenden digitalen Videokameras und Bildschirmen zu den revolutionären Operationsmethoden der minimalinvasiven Eingriffe geführt. Mit dieser Methode konnten die Operationszeiten deutlich verkürzt, die postoperativen Schmerzen und Beschwerden erheblich verringert und die Zeit bis zur Gesundung zum Teil auf weniger als die Hälfte reduziert werden. 

Trotzdem aber erschrecke ich. Ich erinnere mich sofort daran, dass der Roboter schon einmal einen triumphalen Einzug in den Operationssaal gehalten hat: Vor 35 Jahren wurde der Robodoc, ein umgebauter Fließbandcomputer aus der amerikanischen Autoindustrie, bei der Implantation von künstlichen Hüftgelenken eingesetzt. In Frankfurt war die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik an der Spitze dieser revolutionären Neuerung. Niedergelassene und Krankenhauschirurg*innen wurden zu Fortbildungen mit opulenten Büfetts eingeladen, bei denen die Individualität und Passgenauigkeit der Hüftprothesen angepriesen wurde, die mit dem Robodoc gefräst und eingesetzt worden waren. Presse, Funk und Fernsehen trugen die große Begeisterung mit. Etwas neidisch und ungläubig beobachteten wir, wie die BG-Unfallklinik mit ihren drei Robodocs, von denen jeder mehr als eine halbe Million Euro gekostet hatte, eine geradezu magnetische Sogwirkung auf die Hüftgelenkskranken der Region und auch darüber hinaus ausübte. Den Patient*innen war der Rolls-Royce der Hüftgelenksprothesen versprochen worden. 

Aber die langfristigen Ergebnisse waren katastrophal. Die Robodoc-Patient*innen hatten häufig ausgedehnte Muskel- und Nervenschäden, wodurch sie unwiderruflich zu Invaliden wurden, mit Dauerschmerzen, bei jedem Schritt auf Krücken angewiesen, völlig arbeitsunfähig, bald frühberentet. Auch in meiner Praxis hatte ich solche Patient*innen in Behandlung. Wochen und Monate versuchten wir mit allen Mitteln der konservativen Chirurgie, der Nervenstimulation, des Muskelaufbaus und der Physiotherapie eine Besserung zu erreichen. Vergeblich. Die Nerven und Muskeln im Operationsfeld des Oberschenkels waren zerstört.

Erst Jahre später konnte die ganze Katastrophe bilanziert werden. Die über ganz Deutschland verteilten mehr als 60 Robodocs wurden stillgelegt. Einige der involvierten Chefärzte wurden entlassen, auch derjenige der BG-Unfallklinik in Frankfurt. Man munkelte auch von großzügigen Spenden und Schmiergeldzahlungen. Hunderte der schwer geschädigten Patient*innen verklagten die Krankenhäuser und die Herstellerfirma, die noch nicht einmal über eine korrekte Zulassung verfügt hatte. Die meisten aber verloren über die vielen Jahre der Berufungen und Revisionen den Mut oder es ging ihnen das Geld aus. Und mit der Zeit gerieten sie und ihre Schicksale langsam in Vergessenheit. 

Ich möchte diese Patient*innen hier und heute in Erinnerung rufen. Sie erinnern uns immer wieder daran, was für große Schäden die Chirurgie anrichten kann, besonders wenn Eitelkeit und Gewinnsucht den chirurgischen Verstand trüben. Fortschritt ist nichts Gutes an sich. Und deswegen erschrecke ich, wenn in der Zeitung vom erneuten Einzug von Robotern in den Operationssaal zu lesen ist. Und mein Erschrecken wird noch größer, wenn ich noch dazu an die jüngsten Enthüllungen denke, die unter dem Titel „The Implant Files“ Aufsehen erregten. Schlampig erstellte Zulassungspapiere, korrupte oder unfähige Zulassungsbehörden für unzulängliche Medizinprodukte, brüchige Gelenkprothesen, zerrissene Brustimplantate mit Industriesilikon, defekte Herzschrittmacher mit Kurzschlussrisiko: Statt blindem Vertrauen ist gesunde Skepsis angebracht.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. 

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