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Ein Patient wird für die Behandlung vorbereitet.

Krebstherapie

Mit Protonen gegen Tumore

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Die Therapie kann eine schonende Alternative zur klassischen Bestrahlung sein, ist aber nicht für alle Krebsarten geeignet. Die Kosten für die Behandlung sind hoch.

Für Frank Mark stellte sich die Frage nicht, als er 2009 die Diagnose Prostatakrebs erhielt: Für eine Operation würde er sich auf keinen Fall entscheiden, das war dem Ingenieur klar. „Ich habe beruflich viel zu tun, bin sportlich aktiv. Das Risiko einer Inkontinenz als mögliche Folge eines normalen chirurgischen Eingriffs einzugehen, das wäre für mich völlig inakzeptabel gewesen.“ Sein Tumor war lokal begrenzt, das gewährte mehr Wahlmöglichkeiten als wenn der Krebs bereits ein fortgeschrittenes Stadium erreicht hätte. Frank Mark entschied sich damals für die „Hochfrequenz-induzierte-Thermo-Therapie“, bei der Tumore mit konzentrierter Hitze verdampft werden. Mit dem Ergebnis war er zufrieden, sieben Jahre lang ließ ihn die Krankheit in Ruhe. Doch dann kehrte der Krebs zurück. Also suchte der inzwischen 67-Jährige erneut nach einer schonenden Therapie, die ihm die eine „ vergleichbare Heilungschance wie eine konventionelle Operation bei „weniger Risiken“ bot.

Frank Mark stieß schließlich auf die Protonentherapie, eine Methode, bei der Tumore fokussierter als mit der klassischen Bestrahlung attackiert werden können – die in Deutschland bislang allerdings nur wenige Kliniken anbieten; sie befinden sich in Heidelberg, Essen, München, Dresden, Berlin und Marburg. Frank Mark wandte sich an das Westdeutsche Tumorzentrum am Uniklinikum Essen. Dort hatte man 2013 angefangen, das Westdeutsche Protonentherapiezentrum Essen (WPE) aufzubauen. Es ist mit vier Behandlungsräumen das größte an einem Universitätsklinikum in Deutschland, mehr als 600 Patienten wurden inzwischen dort behandelt. Einer von ihnen ist Frank Mark. Immer montags bis freitags begab er sich, umgeben von einer gewaltigen Apparatur, auf einen Tisch, den ein computergesteuerter Motor bewegt und in die richtige Position bringt. Insgesamt 37mal wurde sein Prostatakarzinom dort bestrahlt, jeweils aus mehreren Richtungen.

Beklemmungsgefühle angesichts der riesigen Maschine und der von ihr ausgehenden Strahlung habe er keine verspürt, sagt Frank Mark: „Ich habe mich mit einer positiven Einstellung auf diesen Tisch gelegt und mir beim Hochfahren des Gerätes gesagt, dieser Apparat ist mein Freund.“ Unangenehme Begleiterscheinungen habe es kaum gegeben, erzählt er, „ein bisschen Brennen beim Wasserlassen, sonst nichts.“ Von Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Magen-Darm-Beschwerden, die auch die Protonentherapie wie jede Bestrahlung mit sich bringen kann, blieb Frank Mark verschont. Anfang August hatte er seinen letzten Termin – wie der langfristige Erfolg der Protonentherapie sein wird, lässt sich erst später sagen; in einigen Monaten steht die nächste Nachuntersuchung auf dem Plan. Der 67-Jährige ist optimistisch: „Auf jeden Fall habe ich mir durch die Therapie Zeit gekauft. Und selbst wenn der Krebs nach einigen Jahren wiederkommt: Wer weiß, was es in fünf Jahren an neuen Entwicklungen gibt. Ich kann jedem, der eine Krebsdiagnose bekommt, nur raten, den Kopf nicht in den Sand zu stecken und sich selbst ganz genau über die Therapiemöglichkeiten zu informieren.“ Felicitas Guntrum, Oberärztin für Strahlentherapie im WPE, hat Frank Mark während der Behandlung betreut und bestätigt ihm nach den ersten Untersuchungen gute Laborwerte. Bei den gleichen Aussichten auf Heilung sei die Protontherapie für Patienten mit lokal begrenztem Prostatakrebs mit einer Chance auf weniger Nebenwirkungen verbunden.

Die Protonentherapie ist wie viele neue Ansätze im Kampf gegen Krebs ein Hoffnungsträger, jedoch kein Wunder- und auch kein Allheilmittel – und sie lässt sich auch nicht bei allen bösartigen Erkrankungen einsetzen. Sind jedoch bestimmte Voraussetzungen erfüllt, „dann lassen sich die Tumore damit sehr zielgerichteter und schonend angreifen“, sagt Beate Timmermann, Leiterin des Westdeutschen Protonentherapiezentrums und Direktorin der Klinik für Partikeltherapie in Essen. Prostatakrebs ist eine der Indikationen, weitere Krebsarten, die für die diese Behandlung zurzeit in Frage kommten, sind andere Tumore in der Beckenregion sowie bösartige Wucherungen am Auge, im Gehirn, im Bereich Hals-Nasen-Ohren, der Schädelbasis, der Wirbelsäule und des Beckens.

Bei Protonen handelt es sich um die positiv geladenen Teilchen von Wasserstoff-Atomkernen. Wie die klassischen Röntgen- oder Gammastrahlen wirken auch sie, indem sie die Erbinformationen in den (oft strahlenempfindlicheren) Krebszellen zerstören, diese so an der Vermehrung hindern und zum Absterben bringen sollen. Das Besondere an Protonen ist allerdings, dass sie sich mit Hilfe von elektrischen Feldern stark beschleunigen und aufgrund ihrer Ladung auch lenken und stoppen lassen, sagt Beate Timmermann. Um diese Eigenschaften zu nutzen, benötigt die Medizin tonnenschwere Anlagen, die hunderte Meter lang und höher als ein Haus sind. Ein Teilchenbeschleuniger bringt die Protonen auf eine Geschwindigkeit von bis zu 180 000 Kilometern pro Sekunde und lässt sie direkt auf den Tumor zurasen, dessen Position vorher mittels Computertomographie berechnet wurde. Dabei ist der Strahl in einem begrenzten Kanal gebündelt, so dass er mit umliegenden Körperarealen wenig in Kontakt kommt. Beim Krebsherd angekommen, bremsen die Protonen ab und geben auch erst dort die meiste Dosis ab.

Und hier genau liegt der Vorteil gegenüber Röntgen- oder Gammastrahlen. Denn diese verlieren auf ihrem Weg Energie, benötigen daher eine höhere Ausgangsmenge an Strahlung und durchdringen außerdem ein viel größeres Gebiet, erklärt Beate Timmermann. Das bedeutet: „Sie durchstrahlen ungewollt auch Bereiche vor und hinter dem Krebsherd“, sagt Felicitas Guntrum. Deshalb besteht die Gefahr, dass nicht nur die entarteten, sondern auch normale Zellen geschädigt werden, was im schlimmsten Fall langfristig zur Entstehung eines neuen Tumors führen kann.

Weil das gesunde Gewebe weitgehend verschont bleibt, eignet sich die Protonentherapie vor allem für Tumore, die sich in besonders sensibler Umgebung befinden – oder auch für die Behandlung von Kindern, bei denen Mediziner auf weniger unerwünschte Langzeitfolgen hoffen. Ein weiterer Pluspunkt der Protonentherapie besteht darin, dass sie auch Tumore gut treffen kann, die tief im Gewebe oder an schwer erreichbaren Stellen liegen.

Nicht frei von Nebenwirkungen

Das Prinzip der Therapie ist nicht neu, die ersten Anlagen gab es bereits in den 1950er Jahren in den USA. Doch noch in den 1990er Jahren konnten die Strahlen nicht so weit in den Körper eindringen wie heute oder nicht bewegt werden. Deshalb wurden die älteren Anlagen auch meist nur dazu verwandt, um Tumore der Augen zu bestrahlen. Die Einsatzgebiete sind in den vergangenen zehn, 15 Jahren stetig gewachsen – und werden es weiterhin tun, ist Beate Timmermann überzeugt. Derzeit werde daran gearbeitet, die technischen Möglichkeiten der Protonentherapie so zu verbessern, dass als nächstes auch Krebs der Speiseröhre, der Bauchspeicheldrüse oder der Lunge damit behandelt werden können. Bislang ist es noch nicht möglich, bewegliche Tumore – also etwa der Lunge, die mit der Atmung ihre Lage jeweils leicht verändern – zu bestrahlen.

Frei von Nebenwirkungen ist freilich auch die Protonentherapie nicht. So kann es während oder kurz nach der Behandlung zu lokalen Reizungen kommen, die aber gut in den Griff zu kriegen seien und nach einigen Wochen meist wieder verschwänden, sagen die beiden Essener Ärztinnen. Die Gefahr, dass sich aufgrund der Strahlenbelastung in der behandelten Region ein Tumor entwickelt, schätzen Experten aufgrund der Zielgenauigkeit der Protonen indes geringer ein als bei der üblichen Bestrahlung.

Allerdings liegen bislang nur wenige große klinische Studien vor – das betrifft sowohl die Frage, in welchem Maß und bei welchen Krebsarten die Protonentherapie der klassischen Bestrahlung tatsächlich überlegen ist, als auch ihre möglichen langfristigen Risiken. Am WPE werden deswegen mit Einverständnis der Patienten Daten zur Behandlung und ihren Ergebnissen gesammelt.

Der größte Nachteil der Protonentherapie dürfte derzeit vor allem darin liegen, dass der Bau und die Ausstattung der Zentren sowie die Behandlung sehr teuer sind und Patienten dafür oft weite Wege in Kauf nehmen müssen. Vor einigen Jahren noch mussten die Ärzte für jeden Patienten einen individuellen Kostenvoranschlag erarbeiten und einen speziellen Antrag bei den Krankenversicherungen stellen. Inzwischen übernehmen eine Reihe gesetzlicher Krankenkassen (unter anderem die Techniker Krankenkasse, die DAK oder die Barmer-GEK) sowie einzelne private Krankenkassen die Kosten ohne separaten Antrag. Dabei halten sich die Kassen streng an eine Liste mit Indikationen, die auf den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie und des GBA basiert. Auch andere Krankenkassen übernehmen die Kosten, dort muss die Therapie jedoch vorher beantragt werden.

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