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Umarmt Euch! Solange es die Corona-Regeln erlauben

Gastbeitrag

Ein Plädoyer für mehr Umarmungen in der Corona-Krise

Körperlicher Kontakt darf auch in Zeiten der Corona-Pandemie nicht zu kurz kommen, rät der Frankfurter Professor für Sozialpsychologie Rolf van Dick.  

  • In der Corona-Krise* funktionieren Arbeit und Kommunikation größtenteils über das Internet
  • Bei Homeoffice und Videochat fehlt die emotionale und körperliche Komponente
  • Ein Plädoyer für mehr Umarmungen - solange es dieCorona-Beschränkungen* erlauben

Frankfurt - Die Corona-Krise hat unseren Alltag nachhaltig verändert, im Privat- wie im Berufsleben. Mit Homeoffice und Homeschooling erfährt die Digitalisierung einen Schub, der in der Geschwindigkeit nicht zu erwarten war – trotz der Ankündigungen der Politik, auch im letzten hessischen Koalitionsvertrag, massiv in die Digitalisierung zu investieren. Das spüren wir auch an der Goethe-Universität: Die Lehre findet fast ausschließlich virtuell statt.

Die Lehrenden kommunizieren mit ihren Studierenden über Plattformen wie Zoom oder Moodle – für viele noch vor wenigen Wochen undenkbar. Auch die Arbeit in der Verwaltung findet seit Ende März überwiegend virtuell statt. Büros sind physisch nur in den absoluten Kernzeiten besetzt, Sitzungen finden per Videokonferenz statt. Auch bei uns arbeiten die Mitarbeitenden vor allem von zu Hause aus. Und im Großen und Ganzen funktioniert das alles. Die Universität steht nicht still, sondern funktioniert – nicht „ganz normal“, aber sie funktioniert.

In der Corona-Krise kein Kontakt im Homeoffice: Trotzdem Umarmen!

Aber die neue digitale Welt unserer Arbeit hat auch Grenzen. Wer mehrere Stunden am Stück in Videokonferenzen verbracht hat, weiß, wie anstrengend dieses Format ist – Neurowissenschaftler und Psychologen haben dies untersucht und können es erklären, zum Beispiel mit dem gänzlichen Fehlen oder nur sehr schwach erkennbaren Vorhandensein von Emotionen. Die kleinen Gesichter am Bildschirm übertragen eben nicht so gut wie persönliche Begegnungen auch Gefühle. So wird ein kritisches Statement nicht durch ein für alle erkennbares Lächeln abgeschwächt.

Auch das Homeoffice, teilweise die einzige Möglichkeit, überhaupt zu arbeiten, hat nicht nur Vorteile. Homeoffice trifft aufgrund geschlossener Schulen und Kitas wieder einmal vor allem die Frauen besonders hart. Sie kümmern sich um den Nachwuchs und bewältigen zugleich ihre beruflichen Verpflichtungen. Erste Ergebnisse einer Studie zur Telearbeit, die meine Kollegin Antonia Kaluza und ich aktuell durchführten, zeigen: Erzwungene Heimarbeit wie jetzt durch die Corona-Krise lässt die Nachteile dieser Arbeitsform viel stärker hervortreten. Während die von uns Befragten vor der Krise nur etwa 25–30 Prozent der gesamten Arbeitszeit im Homeoffice arbeiteten, sind es in der Krise 70 Prozent und mehr. Und das hat seinen Preis: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an unserer Studie klagen vor allem über soziale Isolation. Es fehlt ihnen der persönliche Kontakt. Das ist nicht überraschend: Wir Menschen haben in über drei Millionen Jahren unserer Evolution ein starkes soziales Bewusstsein ausgebildet. Früher war die Gruppe Garant für das Überleben – gegenüber echten Gefahren in der Natur. Das steckt immer noch tief in unseren Genen, und wir haben alle ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Auch wenn das heutzutage unterschiedlich stark ausgeprägt ist, bevorzugt niemand die Isolation und das Alleinsein über längere Zeit.

Gegen Isolation in der Corona-Krise: Wir sollten uns umarmen

Was also tun: Solange soziale Kontakte eingeschränkt sind, sollten wir uns nicht nur digital mit unseren Lieben zusammentun, sondern auch physisch. Wir sollten uns umarmen – Partner einander, Kinder ihre Eltern und umgekehrt. Der physische Kontakt ist ganz wichtig und zu Menschen im selben Haushalt ja auch ohne Einschränkung erlaubt. Er tut gut und hilft – gerade jetzt. Und es kommt noch besser: Mit meinem Doktoranden Aljoscha Dreisörner und anderen Kolleginnen und Kollegen haben wir gerade eine Studie zu Berührung abgeschlossen. Dabei haben wir Probanden im Labor durch Aufgaben wie dem Halten eines Bewerbungsvortrags unter Stress gesetzt und mehrfach während der Aufgaben ihre körperliche Stressreaktion anhand von Speichelproben gemessen. Ein Drittel der Probanden (die Kontrollgruppe) bearbeitete nur die Aufgaben, ein Drittel wurde zwischendurch für 20 Sekunden von einer fremden Person umarmt und das letzte Drittel wurde angeleitet, sich selbst für 20 Sekunden zu umarmen. Das Ergebnis: Im Vergleich zur Kontrollgruppe lösten die Aufgaben in den beiden Gruppen mit Umarmung weniger Stressreaktionen aus – und dabei war die Selbstumarmung sogar noch etwas effektiver.

Also: Wer mit Partnern, Kindern oder anderen Menschen im selben Haushalt lebt: Nehmen Sie Ihre Lieben in den Arm! Wenn Sie allein leben: Nehmen Sie sich selbst in den Arm – oft und lange. Gerade Ihnen wird es guttun.

Prof. Rolf van Dick ist Sozialpsychologe und Vizepräsident der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main. 


*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen Digital Netzwerks.

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