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Szene aus der Kanalisation: Dolly, Frank, Jessica, Edona und Prinz Marcus.

Dschungelcamp & Co.

Phänomen Trash-TV – warum guckt das immer noch jemand?

Niemand gibt es zu, aber alle schalten ein: Populäre Unterhaltungsshows wie „Promi Big Brother“, „Dschungelcamp“ oder „Germany's next Topmodel“ räumen regelmäßig die großen Quoten ab. Was reizt uns noch daran?

Von Sarah Peters

Eine Horde mehr oder weniger bekannter Selbstdarsteller, die pöbeln, intrigieren, jammern, blankziehen – das in etwa bietet uns RTL alljährlich mit dem Dschungelcamp „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“. Über so viel Belanglosigkeiten kann man den Kopf schütteln. Oder eben amüsiert zuschauen. Wie es Millionen Deutsche tun. Doch was genau reizt uns an diesen TV-Formaten?

Experte: „Promi Big Brother“ spricht uralte soziale Natur des Menschen an

Zum Phänomen Trash-TV und speziell „Promi Big Brother“ sagt der Psychologe Peter Walschburger: „Die Sendung spricht in gewisser Weise unsere uralte soziale Natur an.“ Walschburger ist Professor für Psychologie an der FU Berlin. „Der Mensch hat Millionen von Jahren in kleinen Sozialverbänden gelebt, in denen es wichtig war, wie man sich positioniert. Deshalb ist es durchaus spannend zu sehen, wie sich die Bewohner des „Big Brother“-Hauses darstellen, welche Strategien sie entwickeln, um sich bei den anderen beliebt zu machen, wie solidarisch sie untereinander sind oder eben nicht. “ Außerdem fragt man sich als Zuschauer, wie man sich selbst verhalten würde, wäre man in dieser oder jener Situation, müsste man in der Kanalisation hausen oder dürfte im Luxus und Überfluss residieren.

Der Medienwissenschaftler Prof. Bernd Gäbler („Bohlst du noch oder klumst du schon? Der Siegeszug des Banalen und wie man ihn durchschauen kann“, Gütersloher Verlagshaus) zur Faszination Trash-TV: „Das Fernsehen lenkt die Aufmerksamkeit. Es schafft Themen, über die gesprochen wird.“

Macho-Gehabe, Zicken-Zoff und heiße Dusch-Szenen

Warum schalten wir also immer wieder ein? Klar, wir lachen über das Macho-Gehabe in die Jahre gekommener Fußball-Profis, wir fiebern mit beim Zickenzoff zweier geltungsbedürftiger Z-Promis und stehen auf Duschszenen, in denen mal hier, mal dort, fast wie zufällig ein Nippel aufblitzt. Diese voyeuristischen Tendenzen bedienen die Promi-Luder und Porno-Sternchen im Dschungelcamp und im Big Brother-Container ja nur allzu gern.
Kandidaten sind Beurteilung ausgeliefert

Ähnlich funktionieren auch TV-Castingshows à la „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany's next Topmodel“: Die einen wissen, was Erfolg ist und weisen den Weg dorthin – nämlich die prominenten Juroren wie Dieter Bohlen und Heidi Klum. Die jungen Zuschauer hingegen fühlen mit den Kandidaten im TV: „Sie werden permanent beurteilt, hin- und hergeschoben und willkürlichen Regeln unterworfen“, stellt Gäbler fest. Doch Zuschauer und Kandidaten eint der Traum von einem besseren Leben, wenn sie ihre vielleicht einmalige Chance packen. Ob dies gelingt, bleibt über den Verlauf der Staffel offen. Doch allein die Tatsache mit den Übenden risikolos mitzufiebern und sie im nächsten Moment hämisch zu verlachen, macht dem Zuschauer Spaß und bindet ihn an die Protagonisten und die Sendung.

Phänomene, die nur Trash-TV hervorbringen kann, wie „Die Geissens“ und Daniela Katzenberger, führen uns zudem vor Augen, dass „einem die Welt auch zu Füßen liegen kann, wenn man nichts kann“, so Gäbler. Carmen und Robert Geiss zeigten uns, dass Reichtum und Manieren einander nicht bedingen. Beide gehörten zwar zu den Reichen, aber nicht den Vornehmen. „Wegen dieser völligen Entkopplung von Stil, Bildung und gutem Benehmen wirkt er [Anmerkung der Redaktion: Robert Geiss] obszön, was den Schauwert der Sendung ausmacht“, stellt Gäbler fest.

Daniela Katzenberger existiert durch die Medien für die Medien

Bei Promis à la Katzenberger spielen andere Faktoren eine Rolle: Sie existiere mit Hilfe der Medien für die Medien, meint der Medienwissenschaftler. So gesehen ist Daniela Katzenberger das gelungen, was Lieschen Müller vor dem Fernseher (bisher) nicht geschafft hat: ein Stück vom schnellen Ruhm einheimsen ohne etwas Spezielles zu können.
Daniela Katzenberger symbolisiere „die vollständige Emanzipation der Prominenz von jedweder Leistung.“ Auch deshalb bleibe die Katze immer ein wenig Karikatur, stellt Gäbler fest.

Das Voting: Die Macht des kleinen Mannes

Doch der Zuschauer sitzt längst nicht mehr nur passiv an den Bildschirmen um beobachtet die Promis im australischen Dschungel oder dem „Big Brother“-Container: „Dass der Zuschauer über die Nominierung eines Kandidaten in das Geschehen eingreifen kann, gibt ihm nicht nur Macht, er kann das Verhalten anderer quasi direkt bestrafen.“
Mal ganz abgesehen davon, dass es einfach großen Spaß bringt, ungestraft mal so richtig schadenfroh und gemein sein zu können.

Die Sache mit der Moral

Oder müssten wir ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir über die gequälten „Big Brother“-Insassen lästern und spotten? „Ich würde da nicht allzu moralisch rangehen“, sagt Professor Walschburger. „Es ist ein Spiel, und die Prominenten spielen es freiwillig mit. Sie befriedigen damit auch ihr Geltungsbedürfnis. Man kann wohl davon ausgehen, dass sie pragmatisch denken: Wer häufig in den Medien erscheint, der ist prominent, da ist es sekundär, in welchem Rahmen er erscheint.“
Mitleid, so sagte einmal Dirk Bach (? 51), der auf fröhlich-fiese Weise das andere Trash-Format „Dschungelcamp“ moderierte, sei völlig fehl am Platz. „Wir haben hier nicht zehn wehrlose Hartz-IV-Empfänger eingeschlossen, sondern zehn Prominente, deren Beruf es ist, in diesem Medium zu leben.“ (mit dpa)

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