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Schlechte hygienische Verhältnisse, viele Menschen auf engstem Raum, Mangelernährung, feuchte Hitze: In Städten wie Mumbai fühlen sich Krankheitserreger wohl.

Tropenkrankheiten

Die Leiden der Lobbylosen

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In einem neuen Forschungszentrum wollen sich Wissenschaftler aus Hessen vernachlässigten Tropenkrankheiten widmen und die Basis für neue Medikamente schaffen.

Bartonellose, Rückfallfieber, Bilharziose – in den Industrieländern dürften nur die wenigsten Nicht-Mediziner mit diesen Begriffen konkrete Krankheitsbilder verbinden; anders als etwa mit Herzinfarkt, Grippe oder Krebs. Und doch leiden Milliarden Menschen auf der Erde darunter. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt sie zu den „Neglected tropical diseases“ (NTDs), den vernachlässigten Tropenkrankheiten, die vor allem in Ländern vorkommen, wo viel Armut herrscht – was wiederum dazu führt, dass nur wenig Geld in die Forschung investiert wird. Vor Ort, in den betroffenen Regionen Afrikas, Südamerikas oder Südostasiens, mangelt es in der Regel an jeglichen Mitteln, internationalen Pharmafirmen erscheint der Markt wenig lukrativ, weil funktionierende Gesundheitssysteme fehlen und die Menschen keine Kaufkraft besitzen.

In Hessen wollen sich nun mehr als 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Universitäten Frankfurt, Gießen und Marburg sowie am Paul-Ehrlich-Institut Langen intensiv diesem Thema widmen. Eigens zur Erforschung der vernachlässigten Tropenerkrankungen ist ein neues Forschungszentrum gegründet worden – mit dem Namen „Druid“ (Novel Drug Targets against Poverty-related and Neglected Tropical Infectious Diseases: Neue therapeutische Ansätze bei Armuts-assoziierten und vernachlässigten tropischen Infektionskrankheiten). Es wird von der hessischen Landesregierung über das Landesprogramm „Loewe“ von 2018 bis 2021 mit rund 18,8 Millionen Euro gefördert.

In Deutschland beschäftigen sich – wie fast überall in den Industrienationen – nicht sehr viele Wissenschaftler mit den vernachlässigten Tropenkrankheiten, in Hessen jedoch gibt es gleich mehrere Gruppen mit diesem Schwerpunkt. „Ein glücklicher Zufall“, sagt Volkhard Kempf, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Frankfurt. Bislang forschten alle diese Wissenschaftler für sich alleine – im neuen Loewe-Zentrum soll ihre Arbeit und Expertise nun besser vernetzt und gebündelt werden. Vordringlich geht es darum, neue Zielmoleküle in den Erregern und Krankheitswirten zu finden, die dann genutzt werden können, um neue Medikamente zur Therapie, Vorbeugung, und Diagnostik sowie Impfstoffe zu entwickeln, sagt die Biochemikerin und Molekularbiologin Katja Becker von der Justus-Liebig-Universität Gießen, Initiatorin und wissenschaftliche Koordinatorin des Zentrums. Aber auch das ist ein wichtiges Ziel: mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, auch politische. Tropenkrankheiten, erklärt die Wissenschaftlerin, seien nicht nur ein Problem der Länder, in denen sie auftreten, sondern müssten „global gedacht“ werden – „aus humanitären und medizinischen Gründen, aber auch im Hinblick auf die Sicherheit der westlichen Welt“.

Vernachlässigte Tropenkrankheiten laufen weitgehend unter dem Radar der Weltöffentlichkeit. Meist werden sie erst „interessant“, wenn infizierte Patienten nach Europa oder Nordamerika kommen und die Menschen dort eine Ausbreitung fürchten (eine fast immer unbegründete Angst). „Dann kann es oft ganz schnell gehen mit der Entwicklung von Impfstoffen oder Medikamenten,“ sagt Volkhard Kempf. „Das hat man am Beispiel Ebola gesehen. Als importierte Fälle in westliche Länder kamen, gab es binnen drei Jahren eine Impfung und es gelang, die Krankheit einzudämmen.“

Immerhin: In ihrer Abschlusserklärung des G7-Gipfels auf Schloss Elmau im Jahr 2015 betonten die Staats- und Regierungschefs die Notwendigkeit von Strategien gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten samt der dafür notwendigen Budgets. Wohl nicht nur aus uneigennützigen Motiven: Migration, Reisen auch in die entlegensten Gebiete und der Klimawandel lassen die Erreger näher an gemäßigte Breiten heranrücken, außerdem könnte man zumindest eine der vielen Fluchtursachen entschärfen, gelänge es, diese Erkrankungen einzudämmen. Bis dahin dürfte es freilich noch ein weiter Weg sein, denn der Forschungsbedarf ist gewaltig.

Doch um welche Krankheiten geht es eigentlich genau? Als „Neglected tropical Diseases“ gelten mehr als 30 Erkrankungen, sagt Katja Becker. Bei allen handelt es sich um Infektionskrankheiten, sie können durch Bakterien, Viren oder auch Parasiten hervorgerufen werden.

Auch die Ansteckung verläuft unterschiedlich: Einige kann man sich über den Kontakt mit Nahrung oder kontaminiertem Wasser einfangen, andere werden von Mensch zu Mensch übertragen und viele über Vektoren. Darunter versteht man Organismen, die einen Krankheitserreger von einem Wirt zum nächsten transportieren. Meistens handelt es sich bei den ersten Wirten um Säugetiere und bei den Vektoren um blutsaugende Mücken, die den Erreger in ihren Speicheldrüsen mit sich führen.

Ein Beispiel für eine besonders vernachlässigte Tropenerkrankung ist eine Infektion mit Bartonella bacilliformis, die von Sandfliegen übertragen wird und oft tödlich endet. Weil diese Erkrankung nur in bestimmten Hochebenen von Peru und Ecuador auftritt, weiß man bislang nur wenig über sie, sagt Volkhard Kempf: „Wir wissen noch nicht einmal, welches Tier der Wirt ist.“

Eine andere kaum bekannte Erkrankung ist Borrelia recurrentis, das Rückfallfieber, das ebenfalls von einem Bakterium ausgelöst wird. Dieser Erreger wird über Kleiderläuse von Mensch zu Mensch weitergegeben. In vielen tropischen Ländern verbreitet ist die Bilharziose, die durch Saugwürmer hervorgerufen wird. Sie gelangen als Larven aus befallenem Süßwasser über die Haut in den Körper. Zika, das Dengue- und das West-Nil-Fieber zählen ebenfalls zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten – auch wenn sie in den vergangenen Jahren verstärkte Aufmerksamkeit bekamen. Alle drei werden von unterschiedlichen Tigermücken übertragen, von denen es einige Arten bereits nach Europa und zum Teil sogar bis nach Mittelhessen geschafft haben. Fälle von West-Nil-Fieber in Griechenland sorgten in diesem Jahr für Schlagzeilen.

Die „Big Four“ – Malaria, Tuberkulose, HIV und Hepatitis – fallen nicht unter die vernachlässigten Tropenkrankheiten. Diesen ist allesamt gemein, dass sie nur marginal erforscht sind, sagt Volkhard Kempf. Häufig fehle ganz grundlegendes Wissen, sagt Katja Becker, beispielsweise über die Pathogenität der Erreger und ihre Weitergabe, insbesondere, wenn Vektoren im Spiel sind. „Das sind dann oft sehr komplexe Vorgänge, die schwieriger zu verstehen sind als bakterielle Infektionen, die direkt weitergegeben werden.“ So können Erreger etwa auch von einer Generation auf die nächste „vererbt“ werden. Ungeklärt sei zudem, welche Rolle die unterschiedlichen Körpertemperaturen spielen, denen ein Parasit beim Wechsel von einem auf einen anderen Organismus ausgesetzt ist, ergänzt Kempf.

Ein weiteres großes Problem: Die Verbreitungsgebiete der Mücken und die Resistenzen der Erreger ändern sich ständig. Auch wenn es manchmal gelingt, die Vektoren in bestimmten Gebieten auszurotten, so erweitert sich ihr Radius durch den Klimawandel tendenziell doch eher, sagt Katja Becker: „Diese ganze Dynamik muss ständig beobachtet werden.“

Typisch für Erreger von Tropenkrankheiten ist ihre Vorliebe für heiße, feuchte Gegenden. „Klassische Brutstätten sind die Mega-Citys in Ländern des Südens, wo bei Temperaturen von mehr als 40 Grad im Schatten auf engstem Raum Millionen Menschen unter hygienisch absolut grenzwertigen Bedingungen leben und es kein richtiges Abwassersystem gibt“, sagt Katja Becker. In diesem Umfeld gedeihen nicht nur Krankheitserreger prächtig, sie sind auch die Quelle vieler Antibiotika-Resistenzen, die den Kampf gegen Infektionskrankheiten insgesamt in den letzten Jahren viel schwieriger gemacht haben.

n ländlichen Regionen der Tropen wiederum bieten das enge Zusammenleben zwischen Menschen, Tiere und Vektoren gute Voraussetzungen für die Weitergabe von Erregern, sagt die Molekularbiologin. Oft verhindere mangelnde Bildung und nicht selten auch Aberglaube, dass Menschen sich vor übertragbaren Erkrankungen ausreichend schützen.

Hinzu kommt, dass die Krankheitsverläufe in armen Ländern oft schlimmer ausfallen. Schlechte Ernährung und mangelnde medizinische Versorgung mache die Menschen empfindlicher, erläutert Kempf. „Viele leiden auch unter mehreren Infektionen gleichzeitig, die sich dann gegenseitig verstärken können“, sagt Katja Becker. Ein Teufelskreis: Chronisches Kranksein ist die Folge, dadurch wird die Arbeitskraft der Betroffenen reduziert und die Armut noch größer. „Das kann auch Gewaltbereitschaft fördern und Migrationsprozesse begünstigen“, so die Wissenschaftlerin.

In den Herkunftsländern der Erreger ist die medizinische Versorgung oft schlecht. Doch auch in der westlichen Welt sind Ärzte häufig überfordert, wenn sie mit tropischen Krankheiten, zumal den vernachlässigten, konfrontiert werden, sagt Volkhard Kempf. Das kann der Fall sein, wenn Touristen nach einer Fernreise mit undefinierbaren Symptomen zurückkehren oder auch, wenn Flüchtlinge mit Beschwerden in die Sprechstunde kommen, die sie nicht einordnen können. So berichteten Mediziner beim Deutschen Internistenkongress im April 2016, durch Flüchtlinge aus Syrien oft zum ersten Mal mit Rückfallfieber konfrontiert gewesen zu sein. Es müsste deshalb mehr Fortbildungen für niedergelassene Ärzte auf diesem Gebiet geben, fordert Kempf, dem es aber wichtig ist zu betonen, dass Migranten keine gesundheitliche Gefahr für die Bevölkerung darstellen.

Vor allem Rucksacktouristen, die in fernen Ländern unterwegs sind, gehen zuweilen allzu sorglos mit den Risiken dort um und lassen sich selbst gegen Krankheiten, bei denen es einen wirksamen Schutz gibt, nicht impfen. Kempf geht davon aus, dass es grundsätzlich eine „Fehlwahrnehmung“ im Hinblick auf Infektionskrankheiten gibt. „Viele denken, sie wurden zurückgedrängt. Diese Annahme ist jedoch falsch.“ Weltweit seien Infektionskrankheiten „mit großem Abstand die Todesursache Nummer eins“.

Die falsche Einschätzung der Bedrohlichkeit von Infektionskrankheiten spiegele sich auch in der finanziellen Förderung, die in viel größerem Maße der Forschung zu Krebs (keine Krankheit fürchten die Deutschen mehr) und Herz-Kreislauf-Leiden zugutekommt. „Deshalb sind wir dem Land Hessen so dankbar für die Unterstützung“, sagt der Frankfurter Wissenschaftler. Sorge bereitet ihm auch, dass das Fach Parasitologie in der Humanmedizin „auszusterben“ drohe: „Es müssen mehr Doktorarbeiten zu diesem Thema vergeben werden.“

Was vermutlich den meisten Menschen nicht bewusst ist: „Auch in der westlichen Welt sterben am Ende viele an einer Infektion“, sagt Kempf, etwa an einer Lungenentzündung, wenn das Immunsystem durch eine andere Erkrankung oder das hohe Alter geschwächt ist.

Unterschätzt und noch nicht gründlich erforscht sei zudem die Wechselwirkung zwischen übertragbaren und nicht übertragbaren Erkrankungen, sagt Katja Becker. So sind etwa 15 Prozent aller Tuberkulosekranken mit einem Diabetes Typ 2 assoziiert. Auf eine Infektion gehen vermutlich auch mindestens 15 Prozent aller Krebserkrankungen zurück. So kann Gebärmutterhalskrebs durch humane Papillomviren entstehen oder Magenkrebs durch eine Infektion mit Helicobacter. Und auch Blasenkrebs kann durch Bilharziose verursacht werden – eine der vernachlässigten tropischen Erkrankungen.

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