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Herpesviren. Einige Erreger aus dieser Virenfamilie können Krebs auslösen. getty

Medizin

Krebsviren auf der Spur

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Yuan Chang und Patrick S. Moore erhalten in Frankfurt den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis.

Die US-amerikanische Virologin Yuan Chang und ihr Ehemann Patrick S. Moore sind gestern für die Entdeckung von zwei krebsauslösenden Viren mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2017 ausgezeichnet worden. Der mit 120 000 Euro dotierte Preis wird jedes Jahr am 14. März, dem Geburtstag von Paul Ehrlich, in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Die gebürtige Taiwanesin Yuan Chang (57) arbeitet als Pathologin am University of Pittsburgh Cancer Institute, dessen Direktor Patrick Moore (60) ist. Der mit 60 000 Euro dotierte Nachwuchspreis ging an den Biotechnologen, Neurowissenschaftler und Stammzellforscher Volker Busskamp, Leiter des DFG-Forschungszentrums für regenerative Therapien an der Technischen Universität Dresden. Er hat unter anderem die Grundlagen für eine mögliche Gentherapie bei pigmentosa, einer erblichen Form der Blindheit, geschaffen und verknüpft im Labor Nervenzellen zu künstlichen Schaltkreisen.

Der Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen auf dem Gebiet der Medizin und wird an Wissenschaftler vergeben, denen herausragende Erkenntnisse auf dem Gebiet der Immunologie, Krebsforschung, Hämatologie, Mikrobiologie oder Chemotherapie gelungen sind. Die Frage, welche Rolle Viren bei der Entstehung bösartiger Tumore spielen, beschäftigt Forscher weltweit. Experten gehen davon aus, dass 16 bis 17 Prozent aller Krebserkrankungen auf eine virale Infektion zurückgehen, sagt Harald zur Hausen, Vorsitzender des Stiftungsrats des Paul-Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preises. Yuan Chang und Patrick Moore sei mit ihrer Forschung auf diesem Feld ein „enormer Fortschritt“ gelungen. Auch hätten sie Wege aufgezeigt, wie noch weitere Tumorviren zu finden sein könnten. Das Forscherehepaar schafft es, zwei dieser Krebs auslösenden Erreger zu identifizieren: das Humane Herpesvirus 8 (HHV-8) und das Merkelzell-Polyomavirus (MCV). HHV 8 verursacht das Kaposi-Sarkom, einen Tumor der Blutgefäßzellen, sowie die beiden seltenen Tumorerkrankungen primäres Effusions-lymphom und Morbus Castleman.

Das Kaposi-Sarkom, das sich in auffälligen roten oder purpurfarbenen Flecken auf der Haut äußert, tritt vor allem bei Patienten mit Aids auf und gehört in Afrika zu den häufigsten Krebserkrankungen. Bei ihrer Suche nach dem Auslöser gingen Chang und Moore in den 1990er Jahren einen neuen Weg: Wer Tumorviren finden wolle, sollte nicht nach den Viren selbst suchen, sondern eher nach deren Genen, sagt Patrick S. Moore. Deshalb subtrahierten er und seine Partnerin das gesamte menschliche Erbgut vom Genom der Tumorzellen. Ihre Idee war es, dass danach nur jene DNA-Sequenzen übrigbleiben, die nicht zum menschlichen Genom gehören, sondern zu dem des Tumorvirus. Tatsächlich fand das Ehepaar 1994 auf diese Weise zwei DNA-Schnipsel, die sie einem bis dahin unbekannten Herpesvirus zuordnen konnten. Es gehört in die gleiche Familie wie die Erreger der Pfeiffer’schen Drüsenfiebers, der Lippenbläschen und der Gürtelrose.

Das zweite von Chang und Moore entdeckte Virus ist für das Merkelzell-Karzinom, einen seltenen, sehr bösartigen Tumor der Haut, verantwortlich. Für die Suche nach diesem Erreger verfeinerten die Forscher ihre Strategie. 14 Jahre nach der Entdeckung von HHV-8 subtrahierten sie nicht mehr das gesamte menschliche Erbgut von der Tumor-DNA, sondern nur noch die Boten-Ribonukleinsäuren, die für die Übertragung genetischer Informationen zuständig sind.

Chang und Moore gelang es nicht nur, die neuen Viren zu entdecken: Sie wiesen auch nach, dass sie tatsächlich die Verursacher der beiden Krebserkrankungen sind. So enthalten sämtliche Kaposi-Sarkome weltweit HHV-8. Dieser speziellen Tumorerkrankung geht also immer eine Infektion mit dem Virus voraus.

Beim Merkelzell-Karzinom war der Nachweis von MCV als eindeutigem Übeltäter schwieriger, weil das Virus auch Teil der normalen Hautflora ist. Die Forscher fanden aber heraus, dass das Virus bei allen Zellen eines Merkelzell-Karzinoms an derselben Stelle im Genom sitzt – dass dieser Ort aber bei jedem Patienten ein anderer ist. Die Wissenschaftler folgern daraus, dass der Tumor aus einer einzigen Zelle mit integriertem Merkelzell-Polyomavirus hervorgegangen sein muss. Auch stellt sich die Frage, warum nicht jeder Mensch krank wird, wenn doch einige potenziell Krebs auslösende Viren in der Bevölkerung allgegenwärtig sind. Die Erreger müssten erst die „Kontrollinstanzen der Zellen“ überwinden, erklären Chang und Moore. Auch müsse das Immunsystem geschwächt sein.

Wenn Kaposi- und Merkelzell-Karzinom durch Viren ausgelöst werden, ist für beide dann bald eine Impfung oder Therapie in Sicht? Auch gegen Gebärmutterhalskrebs konnte eine Impfung entwickelt werden, nachdem feststand, dass diese Tumore zu 99 Prozent durch Humane Papillomaviren hervorgerufen werden; für diese Entdeckung erhielt Harald zur Hausen 2008 den Nobelpreis für Medizin.

Solche Erwartungen dämpft Yuan Chang allerdings: „Die Situation beim Kaposi-Sarkom ist für uns eine Enttäuschung. Obwohl Forscher weltweit Kandidaten für einen Impfstoff und Zielmoleküle für die Therapie gefunden haben, gibt es wenig kommerzielles Interesse, einen Impfstoff oder eine spezifische Therapie zu entwickeln.“ Ihr Ehemann führt diese Haltung auch darauf zurück, dass unter einem Kaposi-Sarkom vor allem die arme Bevölkerung Afrikas leidet.

Etwas anders sieht es beim Merkelzell-Karzinom aus. Hier ist das Forscherehepaar optimistischer: Viele Patienten sprächen auf eine Checkpoint-Hemmung an, einige sogar mit einer „kompletten Remission“, also Rückbildung des Tumors. Checkpoint-Hemmer sind neue zielgerichtete Medikamente aus dem Bereich der Immuntherapie, die bereits bei bestimmten Krebsarten eingesetzt werden.

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