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Wie „der Krankenflüsterer“ hilft und heilt

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Nennt sich „der Krankenflüsterer“: Walter Möbius.
Nennt sich „der Krankenflüsterer“: Walter Möbius. © Michael Lübke

Menschlichkeit steht für den Arzt Walter Möbius im Vordergrund: Ob beim Contergan-Skandal, bei der Behandlung von Terroristen oder im Klinik-Alltag. In seinem neuen Buch „Der Krankenflüsterer“ erzählt er von seinen Fällen - und einem Stück deutscher(Leidens-)Geschichte.

Von Rebecca Erken

Wie heilt ein junger Arzt einen Vergifteten – und gleichzeitig diejenige, die ihm das Arsen verabreichte, seine Ehefrau? Walter Möbius gelingt beides. Die Anekdote ist der Beginn des kürzlich erschienenen Buches „Der Krankenflüsterer“ - und obwohl der Untertitel „Ein Diagnostiker erzählt von seinen interessantesten Fällen“ lautet, stehen in den Erinnerungen des Facharztes für Innere Medizin und Psychiatrie doch viel mehr die Menschen hinter den Krankheiten im Vordergrund.

So zeichnet Professor Walter Möbius von sich das Bild eines Arztes, der sich für die Geschichte hinter der Vergiftung interessiert: Für die Frau, die ihren Ehemann, einen Gastwirt, töten will, weil er sie und ihre Kinder jahrelang tyrannisierte und misshandelte - ihn dann im letzten Moment voller Reue ins Krankenhaus bringt.

Hilfe für den Vergifteten und die Täterin - seine Ehefrau

Möbius hilft der Familie, in der die Rollen von Täter und Opfer nicht mehr klar sind: Er fordert den Mann auf, nicht mehr zu trinken und gibt sein Wissen nicht an die Staatsanwaltschaft weiter, weil er der von Hämatomen gezeichneten Frau glaubt, dass sich ihre Tat nicht wiederholen wird. „Wenn der Gastwirt erneut Vergiftungserscheinungen aufweisen würde, wäre ich mitschuldig“, reflektiert der junge Arzt über sein Dilemma. Fortan fährt er jährlich zur „Visite“ in das Gasthaus im Bonner Umland.

Plädoyer für mehr Menschlichkeit in der Medizin

Immer scheint in den Geschichten das vermeintlich so selbstverständliche Credo des 77-jährigen durch: Mehr Menschlichkeit in der Medizin. Sein Plädoyer wirkt angesichts des heutigen Klinikalltags anachronistisch und ambitioniert: Übernächtigte Ärzte, die wie Maschinen am Laufband operieren müssen, überlastete Schwestern und Pfleger, überfordertes externes Hilfspersonal - wer soll sich da Zeit nehmen für ein Gespräch? Für den Menschen hinter der Krankheit? „Durch den Management-Gedanken“ verschwinde „das nicht direkt Messbare der Menschlichkeit“, kontert Möbius - und er warnt: „Der Mensch braucht im Arzt vor allem den Menschen, der ihm zuhört.“ Denn: „Eine korrekt aber lieblos angewandte Behandlungsmethode kann mehr schaden als nutzen.“

Ob man den Begriff „Krankenflüsterer" nun mag oder nicht, die Geschichten von Möbius wirken wahrhaftig – auch weil er seine eigenen Schwächen thematisiert: Wie er als junger Hospitant in einer Klinik einen Schwächeanfall erleidet, als er einen Kaiserschnitt beobachtet. Wie verstört er als Neunzehnjähriger war, als er die Operation eines Vergewaltigungsopfers erlebt.

Ein Stück deutsche (Leidens-)Geschichte

Gleichzeitig spiegeln die Erinnerungen von Möbius, der lange Chefarzt am Bonner Johanniter-Krankenhaus war und viele Politiker und Prominente behandelte, auch ein Stück deutsche (Leidens-)Geschichte wider. Dabei lässt er immer wieder seine eigenen Zweifel durchblicken, etwa als er die Terroristen der selbst ernannten „Roten Armee Fraktion“ in den siebziger Jahren im Gefängnis behandelt: „In Stammheim war ich als Arzt, der jedem Menschen zur Gesundung verhelfen möchte, mit seinem Patienten kommunizieren will, an die Grenzen meiner Möglichkeiten und meiner Belastbarkeit gestoßen. Es dauerte lange, bis ich dieses Trauma überwinden konnte.“

Der Arzt behandelt RAF-Terroristen in Stammheim

Während der Zwangsernährung der Terroristin Gudrun Ensslin versucht Möbius mit der RAF-Aktivistin ins Gespräch zu kommen. Er fragt nach den Hintergründen ihres Hungerstreiks: „Warum wollen sie ihr Leben wegwerfen?“ Ensslin ist irritiert, beschimpft den Arzt, der sie gegen ihren Willen am Leben erhält, als „Schwein“.

Der Contergan-Skandal im brasilianischen Urwald

Auch den deutschen Contergan-Skandal der sechziger Jahre - als Schwangere durch ein Medikament gegen morgendliche Übelkeit schließlich missgebildete Kinder zur Welt brachten - erzählt Möbius weiter: Im Südamerika der Gegenwart. Dorthin wurde laut Möbius nämlich die Lizenz für den Contergan-Wirkstoff Thalidomid weiterverkauft, nachdem er aus Deutschland verbannt worden war. Im brasilianischen Urwald von Manaus trifft er „vor wenigen Jahren“ auf einen Mann mit verstümmelten Armen. Dessen Mutter - eine Analphabetin - hatte Thalidomid für eine Anti-Baby-Pille gehalten, weil eine Schwangere mit durchgestrichenem Bauch auf der Verpackung gezeigt wurde.

Sie ist nur eine von vielen Analphabeten in Lateinamerika, die das Symbol falsch gedeutet hatten, was Hunderte neuer Contergan-Fälle nach sich zog, wie Möbius berichtet. „Sie kann nicht lesen und nicht schreiben“, sagt der Mann mit den verstümmelten Armen schließlich zu Möbius. „Aber sie ist eine großartige Mutter - und eine großartige Köchin. Wenn Sie Zeit haben, würden wir Sie gerne zum Essen einladen.“ So lässt das Buch einen mit dem Eindruck zurück, dass das Verhältnis zwischen Arzt und Patient im besten Fall eines von Mensch zu Mensch ist.

Walter Möbius: Der Krankenflüsterer. Ein Diagnostiker erzählt von seinen interessantesten Fällen. DuMont, 19,99 Euro.

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