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Babys, die zu früh geboren wurden und sehr wenig wiegen, sind besonders anfällig für die schweren Darminfektionen.

Darmentzündung bei Babys

Kollaps im kleinen Darm

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Die Nekrotisierende Endokolitis ist eine gefährliche Erkrankung bei Frühgeborenen. Traditionelle japanische Medizin mildert den Verlauf der Krankheit ab.

Man kennt nicht ihre genauen Ursachen, weiß nicht sicher, auf welchem Weg sie übertragen wird und wie sie sich verhindern ließe: Es steht indes fest, das die Nekrotisierende Endokolitis eine der gefährlichsten, nicht selten tödlich verlaufenden Erkrankungen bei Frühgeborenen ist und trotz medizinischer Fortschritte in den vergangenen zehn Jahren weder die Häufigkeit noch die Sterblichkeitsrate dieser schweren Darmentzündung gesenkt werden konnte.

Nach wie vor sterben, je nach Geburtsgewicht, 15 bis mehr als 40 Prozent der kleinen Patienten. An der Klinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie des Universitätsklinikums Frankfurt stellt die Nekrotisierende Enderokolitis einen der Forschungsschwerpunkte dar. Klinikdirektor Udo Rolle, der einen der wenigen Lehrstühle für Kinderchirurgie inne hat, gilt in Deutschland als einer der führenden Spezialisten für diese Erkrankung und sagt: „Wir wissen noch zu wenig, es muss unbedingt intensiv auf diesem Gebiet geforscht werden.“

Die Nekrotisierende Enderokolitis ist eine stark entzündliche Darmerkrankung, die dazu führt, dass in den befallenen Abschnitten Gewebe abstirbt, die Darmwand kann sogar durchbrechen. Zu den Symptomen gehören ein geblähtes, mitunter auch verfärbtes Bäuchlein, galliges Erbrechen oder schleimig-blutiger Stuhl und Temperaturschwankungen. Meist verweigern die Kinder die Nahrung, häufig sind sie zudem besonders schläfrig.

„Es handelt sich um eine typische Erkrankung frühgeborener Kinder“, erklärt Udo Rolle, „bei besonders kleinen Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm ist die Nekrotisierende Enderokolitis die häufigste akute Erkrankung des Magen-Darm-Traktes.“ Bei Kindern, die zwischen der 30. und 36. Woche zur Welt kommen, liege die Häufigkeit zwischen fünf und zehn Prozent, bei zwischen der 26. und 30. Woche Geborenen noch höher.

Der Grund dafür liege vor allem in der noch „unreifen Abwehr“ des Immunsystems im Darm, erläutert der Kinderchirurg. Erschwerend kommt hinzu, dass Frühgeborene häufig unter mehreren gravierenden Problemen leiden „und der Körper sich dann erst einmal auf die Versorgung der überlebenswichtigen Organe, insbesondere des Gehirns, konzentriert“, wie der Mediziner erklärt. „Der Darm wird deshalb weniger durchblutet und ist schlechter in der Lage, Infekte abzuwehren.“

Das kann verhängnisvolle Folgen haben, wenn die Kleinen mit Erregern wie Klebsiellen – häufigen Keimen aus der Familie der Enterobakterien – oder Streptokokken in Berührung kommen. Beides sind Bakterien, die unter anderem im Magen-Darm-Trakt zu finden sind, aber auch Krankheiten auslösen können. Denn vermutlich stellt der letzte, gleichwohl nie einzige Auslöser der Nekrotisierenden Enterokolotis eine Infektion „von außen“ dar, sagt Udo Rolle. Und trotz peinlicher Hygiene, Einzelpflege und Isolation der Frühgeborenen sei der Kontakt mit solchen Keimen „häufig einfach nicht zu vermeiden“: „Letztlich wissen wir jedoch bis heute nicht genau, wie man sich infiziert.“

Eine aktuelle Studie von kanadischen Wissenschaftlern des „Hospitals for Sick children“ in Toronto konnte die Vermutung bestätigen, dass künstliche Ersatznahrung für Frühgeborene negativen Einfluss aus die Nekrotisierende Enterokolitis nehmen kann, weil es nach der Mahlzeit zu einer verminderten Versorgung des Darmgewebes mit Sauerstoff kommt. Das wiederum stelle einen auslösender Faktor für die Erkrankung dar, sagt Udo Rolle. Das Füttern mit Muttermilch hingegen könne vorbeugend wirken, weil sie Probiotika enthalte und das Kind mit wichtigen Bakterien versorge: „Wir vermuten, dass die Nekrotisierende Enterokolitis auch viel mit der Darmflora zu tun hat.“

In einer experimentellen und ebenfalls neuen Studie haben Forscher des St. Luke’s International Hospital in Tokio zudem festgestellt, dass die traditionelle japanische Medizin des Dai-kenchu-to die Häufigkeit von Neuerkrankungen und auch den Schweregrad einer bestehenden Nekrotisierenden Enterokolitis senken kann. Bei Dai-kenchu-to handelt es sich um eine auf Kräutern basierende Arznei aus japanischem Pfeffer (Szechuan-Pfeffer), getrocknetem Ingwer und Ginseng sowie Malzzucker.

Bereits vor einigen Jahren wiesen Wissenschaftler nach, dass sie die Beweglichkeit und die Durchblutung des Darmtraktes verbessert sowie entzündlichen Reaktionen, chronischer Verstopfung und einem postoperativen Darmverschluss vorbeugt. Bei der Nekrotisierenden Enterkolitis soll diese traditionelle japanische Kräutermedizin die Sterblichkeit um ganze 30 bis 40 Prozent senken können. „Ein ungewöhnlicher Ansatz“, sagt Udo Rolle, „aber bei der Erforschung dieser Krankheit ist auch Phantasie gefragt“. Die beiden Studien aus Kanada und Japan wurden kürzlich bei einem internationalen kinderchirurgischen Symposium am Universitätsklinikum Frankfurt vorstellt.

Es geht ums Überleben

Bislang gibt es zur Behandlung der Nekrotisierenden Enterokolitis zwei Optionen: eine konservative Therapie, die auf die Gabe einer festgelegten Kombination verschiedener Antibiotika setzt, und die Operation. Für welche man sich entscheidet, hänge in erster Linie davon ab, wie fortgeschritten der durch die Entzündung hervorgerufene Schaden sei, sagt Udo Rolle: „Wenn der Darm durchgebrochen ist, muss zwingend operiert werden.“ Dabei entfernt der Kinderchirurg Darmabschnitte, die nicht mehr zu retten sind, je nach Größe des befallenen Areals wird ein künstlicher Darmausgang gelegt, der nach zehn bis zwölf Wochen wieder zurückverlegt werden kann.

Die winzigen Patienten werden dabei von einem Kinderchirurgen mit besonders kleinen Instrumenten operiert und von speziell ausgebildeten Anästhesisten betreut. Freilich: Es bleibt eine Vollnarkose, die man den Kleinen zumuten muss. Bei einem Vergleich mit Frühgeborenen ohne Nekrotisierende Enterokolitis und mit zwar erkrankten, aber nicht operierten Gleichaltrigen zeigte sich bei jenen Kindern, die sich dem Eingriff unterziehen mussten, „gewisse neurologische Beeinträchtigungen“, sagt Udo Rolle. Diese äußerten sich unter anderem in Verzögerungen beim Sprechen. Ein „kausaler Zusammenhang“ mit der Narkose habe sich bei Studien aber nicht herstellen lassen.

Außerdem: Eine echte Wahl gebe es ab einem gewissen Stadium ohnehin nicht. „Nach unserer Erfahrungen lässt sich bei schweren Fällen durch eine Operation die Sterblichkeit, die ohne Eingriff bei 30 bis 40 Prozent liegen würde, auf etwa 15 Prozent senken“, erklärt der Frankfurter Kinderchirurg: „Da geht es ums pure Überleben.“

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