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Der Arzt an seinem Frankfurter Lieblingsort: der Buchhandlung Land in Sicht.
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Der Arzt an seinem Frankfurter Lieblingsort: der Buchhandlung Land in Sicht.

Göpferts Runde

„Es kocht in der Ärzteschaft!“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Bernd Hontschik ist einer der profiliertesten Kritiker des Gesundheitssystems in Deutschland. Jetzt zieht sich der bekannte Frankfurter Chirurg nach fast 40 Jahren aus der praktischen Arbeit zurück. Mit Claus-Jürgen Göpfert spricht er über Irrwege der modernen Medizin und Erlebnisse, die ihn bis heute verfolgen.

Es schüttet wie aus Eimern. Eine dichte Regenwand verschleiert die Rotteckstraße. Im Buchladen „Land in Sicht“ aber ist es angenehm warm und trocken, es gibt für den nassen Gast sogar einen heißen Espresso und es lässt sich wunderbar in Neuerscheinungen blättern, die ganz verschieden duften. Bis draußen im Regen ein Motorroller vorfährt, ein Mann absteigt und sich schüttelt wie ein begossener Pudel. Bernd Hontschik wird von den Buchhändlerinnen auf das Freundlichste begrüßt – der kleine Laden im Nordend ist schließlich sein Lieblingsort in Frankfurt.

Ein Fluchtpunkt, ein Refugium aus stressigem Alltag. Bald ein Vierteljahrhundert hat der Chirurg jetzt die große Praxis an der Konstablerwache geführt, „über 20 Angestellte, mehr als 2500 Patienten im Quartal“, sagt er knapp. Der gebürtige Grazer wirkt aufgeräumt, freundlich, doch unter der Oberfläche schimmert auch Durchsetzungsfähigkeit durch. Und manchmal kann der 62-jährige, vielfacher Buchautor und einer der profiliertesten Kritiker des Gesundheitssystems in Deutschland, sich ganz schön in Rage reden.

Er schlürft genüsslich am heißen Kaffee. In seiner Praxis wirkt er wie der ruhende Pol im Getümmel der Patienten, Untersuchungen, Röntgenaufnahmen, kleinen Operationen. Ein ungestörtes Gespräch dort ist schwierig, immer mal wieder öffnet eine Helferin mit alarmierendem Befund die Tür: „Fremdkörper im Unterschenkel.“ Und schon ist der Arzt wieder gefordert.

Doch damit ist jetzt Schluss. Am 30. September scheidet der Mediziner aus der Gemeinschaftspraxis aus, beendet seine Arbeit als praktischer Chirurg nach fast vier Jahrzehnten. „Es ist ein großer Einschnitt“, brummt er. Er will sich „ein bisschen ausruhen“, endlich für die Familie da sein, für seine Ehefrau und die beiden erwachsenen Kinder, den 33-jährigen Sohn, die 28-jährige Tochter: „Ich fand mein Leben schon anstrengend“, sagt er, als fiele es ihm eben auf.

Das Leben eines Kämpfers, eines Widerständigen. Mit fünf Jahren nach Frankfurt gekommen, aufgewachsen in der Kuhwald-Siedlung, der Vater arbeitete in der Nähe am Battelle-Institut für Kernphysik als Diplom-Ingenieur, die Mutter war Chemikerin, gab ihren Beruf aber dann für die Familie auf. Das klassische konservative Modell der 50er Jahre.

„Das Jahrhundert der Chirurgen“ als Schlüsselerlebnis

Dass der Sohn einmal Chirurg werden sollte, darauf deutete zunächst nichts hin. Doch Hontschik erzählt von einem Schlüsselerlebnis. Wie er im Schaufenster eines Antiquariats im Alter von zwölf Jahren das Buch „Das Jahrhundert der Chirurgen“ von Jürgen Thorwald entdeckte, es mit nach Hause nahm und es verschlang von der ersten bis zur letzten Seite „wie einen Abenteuerroman“. Dann wusste der Junge: Er wollte Chirurg werden.

Das hört sich an wie ein Märchen. Aber tatsächlich begegnet der Mediziner seinem Beruf recht nüchtern. „Die Chirurgie ist ein Handwerk in drei Abschnitten“, sagt er. Indikation, Operation und „Rückweg in die Welt“, wenn denn der Eingriff erfolgreich war. Als der junge Mann in Frankfurt studierte, an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, wollten die Mediziner von dieser Sichtweise noch nichts wissen. Viele sahen sich als die berühmten „Halbgötter in Weiß“, die keinen Widerspruch duldeten, Gehorsam einforderten. Doch nicht nur an der Frankfurter Universität brach damals die Studentenrevolte los, die alles gehörig durcheinanderwirbelte. „Demos, Hausbesetzungen, Vollversammlungen“. Und Hontschik mittendrin. Er gehörte zu den angehenden Medizinern, die sich um Demonstranten kümmerten, die von Polizeiknüppeln blutig geschlagen worden waren. „Behandelt haben wir zum Beispiel in der Karl-Marx-Buchhandlung, ich hab’ viel gelernt, es war eine wunderbare Zeit.“

Sein Ideal war fortan ein „solidarisches Gesundheitswesen“ ohne Klassenschranken, ohne Patienten, die besser und schlechter gestellt waren, je nach Herkunft. Doch die Wirklichkeit, sie war nicht so. 14 Jahre arbeitete er am Städtischen Klinikum Höchst, eine aufreibende Zeit: „Ein Krankenhaus ist konsumierend.“

Zehn Sekunden fürs Zuhören

Es gelang ihm, nicht viel aus seinem Beruf in das Privatleben mit nach Hause zu nehmen. Und doch gibt es Erlebnisse, die ihn bis heute verfolgen. „Eine Schießerei vor 30 Jahren im Vordertaunus an einer Schule mit vielen Toten, ich war mit dem Notarztwagen der erste vor Ort.“ Hontschik stockt, schluckt. Oder das kleine Kind, umgebracht im Bett: „Es hieß wie mein Sohn!“ Das vergaß er nie. Er wollte heraus aus der Tretmühle, sich selbstständig machen, sein eigener Herr sein. Und übernahm am 1. Oktober 1991 die Praxis an der Konstabler.

Er versuchte, es anders zu machen als andere Ärzte. „Der praktizierende Arzt in der Bundesrepublik hört einem Patienten nur zehn Sekunden zu, bevor er ihn unterbricht, das haben Erhebungen ergeben.“ Hontschik versteht sich als ganzheitlicher Mediziner, der auf das soziale Umfeld seiner Patienten blickt. „Ich achte auf Paradoxien: „Wenn einer schwer verletzt ist und tut, als wäre nichts – oder wenn einer weint, obwohl er nur eine kleine Platzwunde hat.“

Aber, keine Illusionen: Diese ganzheitliche Sichtweise „hat sich nicht durchgesetzt“. In seinen Augen befindet sich die Medizin in Deutschland auf einem gefährlichen Irrweg, dem des kapitalistischen Wettbewerbes: „Krankenhäuser aber können und dürfen nicht im Wettkampf miteinander liegen – das ist entsetzlich, dagegen kämpfe und schreibe ich an!“

Doch die Politik in Deutschland versagt in seinen Augen im Kampf um das Gesundheitswesen, sie überlässt es dem Kapitalismus. Sein besonderes Feindbild war Andrea Fischer, von 1998 bis 2001 Bundesgesundheitsministerin. Die Grüne habe den Wettbewerb besonders angekurbelt.

Der Arzt verstand seine Arbeit anders. „Meine Hauptaufgabe besteht darin, Operationen zu verhindern,“ die vielen unnötigen nämlich. Schon seine Doktorarbeit schrieb er über „unnötige Blinddarm-Operationen bei Mädchen und jungen Frauen“.

Der Mediziner hält wieder inne, blickt hinaus in den rauschenden Regen, der über dem Nordend niedergeht. Jetzt klingt er plötzlich fast resigniert. „Die Umwandlung der Medizin zu einer profitorientierten Gesundheitswirtschaft ist in vollem Gange – das Schiff fährt weiter, in die Katastrophe.“ Immer mehr Operationen, immer kürzere Verweildauer im Krankenhaus. „Ich fühle mich da nur wie ein Sandkorn in der Maschinerie.“

Von der Medizin zur profitorientierten Gesundheitswirtschaft

Doch es gibt hoffnungsvolle Signale. Beim Deutschen Chirurgentag vor einigen Jahren in Nürnberg hielt Hontschik die Eröffnungsrede. „Ich hatte gedacht, die behandeln mich als Nestbeschmutzer, doch die sind aufgesprungen und waren begeistert.“ Insgesamt allerdings sei der Widerstand der Ärzte immer noch „hilflos und klein“. In sechs Büchern hat er mittlerweile gegen die Veränderungen des Gesundheitssystems angeschrieben, sie tragen optimistische Titel wie „Herzenssachen – so schön kann Medizin sein“, sind aber eine detailgenaue Abrechnung insbesondere mit der Politik.

Als Startschuss für den Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen sieht der Arzt auch die Agenda 2010 des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), seine Rede vor dem Deutschen Bundestag am 14. März 2003: „Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen.“ Für Hontschik die Bemäntelung eines „rapiden Sozialabbaus“. Kürzungen der Leistungskataloge der gesetzlichen Krankenversicherungen, Einführung eines Selbstkostenanteils für Kranke. Für gefährlich hält er die Erfindung der elektronischen Gesundheitskarte: Arzt und Patient sollten so „überwacht und gesteuert“ werden.

Der damalige Verlagsgeschäftsführer Rainer Weiss holte ihn zu Suhrkamp, damals noch in Frank-furt – seither ist Hontschik Herausgeber der Bibliothek „Medizin Human“ mit mittlerweile 15 Bänden, auf die er sehr stolz ist. Sieben Jahre lang schrieb er auch eine kritische Kolumne in der Frankfurter Rundschau, alle 14 Tage samstags. Wenn es nach ihm ginge, würde er die grassierende Privatisierung im Gesundheitswesen schlicht verbieten.

Bernd Hontschik hofft noch immer auf den großen Aufstand seiner Kollegen: „Es kocht in der Ärzteschaft!“ Aber erst einmal gilt es jetzt zu verhindern, dass er selbst nach dem Rückzug aus der praktischen Medizin in eine Lebenskrise gerät, wie er sagt. Er kennt ein probates Gegenmittel: schreiben und weiterkämpfen. Er plant ein Buch, in dem er besondere Fälle aus seiner langen Karriere schildern möchte.

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