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Ist die Nachricht von den immer dicker werdenden Kindern nur ein Mythos?

Ernährung

Iss, was Du willst!

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Nudeln sind böse und Zucker macht dick - alles Quatsch, sagt Ernährungswissenschaftler Uwe Knop. Dafür gebe es keine Beweise.

Herr Knop, Sie plädieren dafür, beim Essen auf den eigenen Bauch zu hören. Mein Bauch sagt aber gerne mal Nachos mit Salsa und danach Schokolade. Wenn ich jedes Mal auf ihn höre, kann das nicht gesund sein.
Die Frage ist: Wie oft „sagt“ Ihr Bauch das nacheinander? Sicher nicht oft. Ihr Körper wird sehr schnell nach anderen Lebensmitteln und Gerichten verlangen, denn unser Organismus braucht verschiedene Nährstoffe in unterschiedlichen Phasen. Und da wir in „Schlaraffia Germania“ leben, werden sie die Vielfalt der körperlichen Nahrungswünsche sicher ohne Probleme erfüllen können. Im Übrigen gibt es auch keinen einzigen Beweis, dass Nachos mit Salsa und Schokolade dick oder krank machen. Gerade bei Schokolade zeigen die Daten genau das Gegenteil: je mehr Schoki die Probanden konsumierten, desto niedriger waren sowohl zahlreiche Krankheitsrisiken als auch der BMI. Klingt komisch, ist aber so – es handelt sich hierbei nur um Korrelationen, also statistische Zusammenhänge, jedoch kann daraus keine Kausalität abgeleitet werden wie „Schokolade macht gesund und schlank“.

Hat der moderne Mensch nicht auch verlernt, auf seinen Bauch zu hören?
Die Aussage lässt sich im Allgemeinen so nicht treffen. Eine repräsentative GfK-Umfrage hat ergeben: 72 Prozent der Deutschen kennen ihren „echten Hunger“. Im Einzelfall kann es natürlich vorkommen, dass das Bauchgefühl gestört ist, beispielsweise bei und nach Diäten oder wenn man sich sklavisch an frei erfundene „Besser-Esser-Stile“ hält und die Signale seines Körpers bewusst missachtet. Jeder Mensch sollte beim Essen auf seine natürlichen Körpergefühle Hunger, Lust und Sättigung hören. Denn: Wer außer Ihrem Körper sollte wissen, was für Sie persönlich gute und gesunde Ernährung ist? Niemand.

Sie behaupten, viele der gängigen Ernährungsweisheiten seien frei erfunden. Wie, Gemüse ist gesund und Zucker macht dick. Das ist schon ziemlich kühn.
Nicht viele, gar alle. Seit mehr als zehn Jahren analysiere ich Ernährungsstudien, objektiv, kritisch und frei von Ideologien und Interessen Dritter. Nach mehr als 2000 Publikationen lautet das Ergebnis: Ernährungswissenschaft kann keine Beweise für gesunde Ernährung liefern. Die Studien, primär Beobachtungsstudien, lassen keine kausalen Schlussfolgerungen zu – ergo existieren weder echte Evidenzen noch harte Beweise. Stattdessen werden die Menschen mit einem sich dauernd wandelnden Wildwuchs an Hypothesen und Spekulationen verunsichert, die auf wachsweichen Zusammenhängen basieren; wie die bereits erwähnten Schokokorrelationen. Selbst die DGE, Deutsche Gesellschaft für Ernährung, macht klar: „Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel hat keinen Sinn.“ Moderne Ernährungsforschung gleicht dem Lesen einer Glaskugel, mehr nicht.

Wie kommt es dann zu entsprechenden Studien?
Das System muss laufen, das große Rad der Ernährungsforschung muss sich dauernd weiterdrehen, denn hier werden Hunderte von Millionen Euro verteilt. Wer nicht mehr forscht, ist draußen. Dabei wird die Kritik an diesem „sich selbst erhaltenden System“ immer lauter, denn: Auch eine Myriade weiterer Beobachtungsstudien macht uns keinen Deut schlauer. Diese permanente Dauerbeschallung mit neuen, sich immer wieder widersprechenden Korrelationen bringt nur mehr Verunsicherung, einen echten Nutzen für die Menschen liefert die Forschung leider nicht.

Sie sagen, es gibt keinen Zusammenhang zwischen Ernährung und Fettleibigkeit bei Kindern. Da können doch nicht nur die Gene schuld sein.
Ich sage das, weil zahlreiche der erwähnten Beobachtungsstudien – und mehr Evidenz gibt es nicht –, die ich für mein neues Buch „Kind, iss was … Dir schmeckt!“ ausgewertet habe, diese Korrelationen ergaben. Und es kommt noch besser: Kinder und Jugendliche, die mehr Schokolade und Süßigkeiten essen, haben den niedrigsten BMI. Bei Fast Food sieht diese inverse Korrelation genauso aus: je mehr Burger & Co., desto dünner der Teenie. Warum das so ist, weiß keiner. Bei den wenigen fettleibigen Kids, hierzulande etwa vier bis acht Prozent je nach Altersklasse, zeigt sich klar der Genbezug: Je dicker die Mutter, desto dicker das Kind. Ansonsten gibt es keinerlei belastbare konsistente Korrelationen. Aber sehr viele Hypothesen, denn Übergewicht bei Kindern steht in Zusammenhang mit Antibiotika, Kaiserschnitten, Schlafmangel, Mandelentfernung, Essstörungen/Emotional Eating, also Essen aus Frust, Kummer, Stress, aber ohne Hunger. Auch Flaschenfütterung, Einzelkinder und Einschulung in die Grundschule stehen unter Dickmacherverdacht – natürlich nur rein statistisch betrachtet.

Sie beklagen den desolaten Zustand ökotrophologischer Forschung. Was genau ist das Problem?
Lassen wir zwei Experten zu Wort kommen: „Ernährungswissenschaften sind in einem bemitleidenswerten Zustand“ (Prof. Gerd Antes, Cochrane), denn: „Wir können nicht genügend wissenschaftliche Evidenz liefern“ (Prof. Peter Stehle, DGE). Kurzum lautet das Dilemma: Es gibt keinen einzigen Beweis für gesunde Ernährung – und es wird auch nie einen geben, denn die dazu erforderlichen Studien sind aufgrund massiver Systemlimitierungen nicht durchführbar. Stattdessen bleibt es beim ökotrophologischen Universalcredo: Nichts Genaues weiß man nicht.

Die einen verzichten auf Kohlehydrate, die anderen auf Gluten. Es gibt kaum noch jemanden, der alles isst. Essen ist zu einer Ideologie geworden. Woher kommt dieser Wahn?
Im Bereich Ernährung kann sich jeder selbst ernannte Experte durch manipulative Selektion entsprechender Studien seine Besser-Esser-Philosophie zusammen basteln. Daraus wird dann die neue kulinarische Diaspora für all diejenigen, denen diese frei erfundene Ernährungsform ins Lebenskonzept passt. Man kann sich über Ernährung gut profilieren und definieren. Indem man irgendetwas Böses von seinem Speisezettel streicht, generiert man ganz leicht Gruppenzugehörigkeit. Hinzu kommt: Ernährungstrends versprechen Schönheit, Gesundheit oder Schlankheit. Das ist sehr verlockend. Viele Ernährungsformen wirken glaubwürdig und deshalb fallen viele Leute leider auf Scharlatane herein. Wie das funktioniert, erkläre ich in meinem neuen Buch „Gute Carbs“, in dem der Low-Carb-Hype entzaubert wird.

Wenn Diäten und Ernährungsvorschläge nichts bringen, wie kann man dann abnehmen, wenn man sich unwohl fühlt?
Die Gretchenfrage lautet: Warum ist jemand so dick, dass er sich unwohl fühlt? Hier kann nur eine ausführliche individuelle Lebensstilanalyse Antworten liefern, denn es gibt zahlreiche Dickmacherfaktoren – und die entsprechenden Entfettungsmaßnahmen gelten dann nur für diesen einen Fall und sind wie immer ohne Gewähr, denn ein Scheitern ist wahrscheinlicher als ein Halten des künstlichen Reduktionsgewichts. Grundsätzlich gilt: Wer auf seinen Körper vertraut und intuitiv isst, der wird sein natürliches Individual-Schlankgewicht erreichen, man kann es auch das biologische Wohlfühlgewicht oder Setpoint nennen. Aber niemand kennt allgemeingültige Konzepte, die langfristige Gewichtsabnahmen und vor allem das Halten des reduzierten Gewichts ermöglichen. Daher scheitern auch 80 bis 90 Prozent aller Diäten, bei Kindern sind es gar mehr als 90 Prozent, sowohl im klinischen als auch stationären Bereich.

Interview: Jennifer Hein

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