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Den Hunger ausbremsen

Wenn eine Diät außer Kontrolle gerät

Ein paar Kilos weniger auf die Waage bringen — das haben sich die meisten Menschen schon mindestens einmal im Leben auf die Agenda geschrieben. Der heutige Lebenswandel spiegelt sich im Gewicht vieler Genießer wider.

Weltweit hat der Anteil an übergewichtigen Menschen in den letzten Jahren zugenommen. Unter den Deutschen galten 2017 mehr als 25 Prozent gar als fettleibig — Tendenz steigend.

Das Angebot an Diäten und Präparaten zur Gewichtsreduzierung ist dementsprechend groß. Im Dschungel von Trennkost, Low Carb und Weight Watchers werden viele Methoden propagiert, die angeblich beim Abnehmen helfen. Nicht alle sind geeignet, wie man hier in zahlreichen Testberichten nachlesen kann. Einige Menschen setzen jedoch ohne eine bestimmte Methode einfach auf reduzierte Nahrungsaufnahme — bis sie irgendwann gar nichts mehr essen. Nicht selten sind solche unüberlegten Diäten der Ausgangspunkt für eine gefährliche Krankheit: die Magersucht, auch bekannt als Anorexia nervosa. Schätzungen zufolge sind etwa 150.000 bis 200.000 Menschen in Deutschland an Magersucht erkrankt. Sie ist zwar nicht die häufigste, doch eine der hartnäckigsten Essstörungen. Wird Schlankheit zum Wahn, besteht große Gefahr für Leib und Leben.

Der Beginn eines Leidenswegs

Dass der Wunsch nach einem schlanken Körper außer Kontrolle gerät, erkennt das Umfeld in der Regel zuerst. Die Eigenwahrnehmung des Körpers unterscheidet sich bei Betroffenen extrem von der Wahrnehmung, die Familie, Freunde oder Kollegen haben. Magersüchtige selbst bemerken nicht, wie sehr sie sich körperlich verändern. Sie fühlen sich in jedem Stadium zu dick und die Ängste vor einer Gewichtszunahme bestimmen das gesamte Leben. Werden Betroffene darauf angesprochen, reagieren sie meist mit Unverständnis oder ziehen sich zurück. Bei Angehörigen und Freunden bleibt oft ein Gefühl der Hilflosigkeit, bei diesem schleichenden Prozess untätig zusehen zu müssen.

In der Regel beginnt die Krankheit im Alter zwischen 13 und 24 Jahren. Körperliche Veränderung während der Pubertät können bei Betroffenen den Beginn eines Leidenswegs markieren, aus dem es nur schwer einen Ausweg gibt. Viele Hilfsangebote und Präventionsmaßnahmen setzen deshalb bereits in Schulen an. Auf speziellen Websiten zum Thema Abnehmen, haben Experten Materialien und Hinweise zusammengestellt, um eine gezielte Aufklärungsarbeit zum Thema Essstörungen zu ermöglichen. Außerdem erhalten Betroffene und deren Angehörige hier neben wertvollen Informationen auch die Möglichkeit, sich in einer Selbsthilfegruppe auszutauschen.

Magersucht kennt kein Geschlecht

Die psychisch bedingte Essstörung kann Männer wie Frauen treffen. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt sich bei Frauen der Zwang, das eigene Körpergewicht kontrollieren zu müssen, jedoch zehnmal häufiger als bei Männern. Bei Letzteren wird das Problem oft erst spät erkannt: Sie wirken über lange Zeit einfach fit, treiben viel Sport und können die Veränderungen ihres Körpers besser verbergen. Obwohl jeder Magersüchtige eine individuelle Geschichte hat, gleichen sich die Zwänge in der Regel. Diese Menschen befassen sich gedanklich ausgiebig mit dem Thema Essen, doch es fehlt die Bereitschaft, Nahrung aufzunehmen. Betroffene erzählen, dass sich in ihrem Leben alles um die Kontrolle des Gewichts drehe. Sie zählen Kalorien, führen Tabellen und wirken zusätzlich mit sportlichen Aktivitäten auf die wenigen Kalorien ein, die sie täglich zu sich nehmen. Bei manchen sind es nicht mehr als 100 pro Tag.

Wie kommt es zu Magersucht?

Die genauen Ursachen für Anorexia nervosa sind bis heute unklar. Experten nehmen an, dass ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren verantwortlich ist — allen voran eine erbliche Vorbelastung. 2016 identifizierten Wissenschaftler bestimmte Gene im Erbgut, die die Erkrankung begünstigen könnten. Auch andere Einflüsse wirken sich aus: eine angespannte familiäre Situation etwa, der sich die Betroffenen nicht gewachsen fühlen. Dabei spielen nicht nur erlebte Traumata, sondern auch Überbehütung eine mögliche Rolle. Auch wie die Familie mit Essgewohnheiten umgeht, kann auf ein labiles Selbstwertgefühl falsch einwirken.

Nicht zuletzt werden Gesellschaftsfaktoren dafür verantwortlich gemacht, dass junge Menschen die Kontrolle über ihr Essverhalten verlieren. Das etablierte Schönheitsideal, öffentlich zur Schau gestellt durch Werbung und Medien, beeinflusst anfällige Charaktere in negativer Weise. Gertenschlanke Models strahlen von Plakaten und auf den Laufstegen dieser Welt und verstärken das unrealistische Bild. Doch es erfolgt ein Umdenken. Teile der Modebranche setzen auf Curvy Models mit deutlich runden Proportionen. Sogar per Gesetz werden manche Länder aktiv, um ihre Jugendlichen zu schützen. Seit 2013 kämpft beispielsweise Israel offensiv gegen den Magerwahn in seiner Modelwelt. Dort müssen alle Models durch einen medizinischen Bericht nachweisen, dass sie nicht unterernährt sind. Ein Body Mass Index (BMI) von mehr als 18,5 gilt hier als Indikator.

Körperliche Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten

Der BMI stützt auch die Diagnose „Magersucht“. Er beträgt dann nur noch 17,5 oder weniger. Diese extreme Divergenz von Körpergewicht und Körpergröße zieht neben der extrem schlanken Erscheinung weitere physische Folgen mit sich. Hormonelle Störungen, die bei Frauen zum Ausbleiben der Menstruation führen können, gehören dazu. Bei Männern treten Potenzstörungen auf. Die Mangelernährung führt zum Abbau von Muskelgewebe und kann die Blasenfunktion beeinträchtigen. Betroffene verspüren somit häufiger Harndrang. Insgesamt leiden Magersüchtige unter einem niedrigeren Blutdruck sowie einer verlangsamten Herzfrequenz.

Noch viel länger ist die Liste der körperlichen Folgen, die mit dieser psychischen Krankheit einhergehen und in schweren Fällen chronisch werden können. Umso wichtiger ist eine frühzeitige Behandlung. Da Magersucht eine langwierige und komplizierte Erkrankung ist, benötigt eine Therapie entsprechend viel Zeit. Spezialisierte Einrichtungen, setzen auf eine stationäre Therapie. In der mehrmonatigen Behandlung sollen Betroffene insbesondere lernen, ihren Körper selbst realistisch wahrzunehmen. Überdies erhalten sie Unterweisung zu gesundem Essverhalten. Die professionelle Hilfe hat meist eine bestimmte Gewichtszunahme zum Ziel. In Fällen akuter Lebensgefahr kann es notwendig sein, Patienten künstlich zu ernähren.

Therapien sind bei Magersucht nur erfolgreich, wenn die Betroffenen selbst einsehen, wie sehr sie Körper und Geist schädigen. Auch wenn sich das Gewicht nach abgeschlossener Behandlung wieder normalisiert, bleibt bei vielen die psychische Komponente problematisch. Sie bedürfen einer professionellen Nachbetreuung, um nicht wieder in die Abwärtsspirale zu geraten. Ein stabiles Umfeld mit engagierten Angehörigen und Freunden ist enorm wichtig in dieser Zeit. Informiert und aufmerksam können sie Betroffenen angemessene Unterstützung bieten und ihnen helfen, ihren Leidensweg zu überwinden.

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