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Nies, trief, schnäuz - Pollen sind schon wieder unterwegs.

Pollen

Hoffnung für Allergiker

Die Pollensaison ist wieder in Gang. Durch den Klimawandel hat sich vielerorts das Pollenproblem verschärft. Aber es gibt Hoffnung: Forscher arbeiten an besseren Warnsystemen und an einer Impfung.

Von Anne Brüning

Juckende Bindehaut, verstopfte Nase, Niesattacken – so unfreundlich grüßt der Frühling Menschen mit Heuschnupfen. Lange war die Luft rein. Nun holt die Natur auf: Haselsträucher und Erlen versetzen die Luft mit ihrem Pollenstaub. Bald dürften auch die von vielen Allergikern gefürchteten Birken blühen.

Dieses Jahr geht es relativ spät los mit der Plage. Das ist ungewöhnlich. Durch den Klimawandel verschärft sich nämlich vielerorts das Pollenproblem. Meteorologen der Freien Universität Berlin etwa haben beobachtet, dass die Birkenpollen in der Hauptstadt zehn Tage früher als vor 25 Jahren fliegen, aber nur zwei Tage früher aufhören.

Schlechte Zeiten also für Allergiker. Heuschnupfen ist die häufigste allergische Erkrankung. Etwa 18 Prozent der Erwachsenen sind betroffen. Dennoch wird Heuschnupfen oft stiefmütterlich behandelt. Er kann im Alltag aber eine große Last sein. Bei jedem dritten Betroffenen wechselt die Krankheit die Etage, wandert also in die Bronchien und wird zu Asthma. Eine Therapie wie die Hyposensibilisierung, die das Immunsystem bändigt, ist deshalb in vielen Fällen dringend geboten.

Drei Hauptverursacher

Zum Glück tut sich nun jedoch einiges. Wissenschaftler arbeiten an besserer Früherkennung und an einer Art Impfschutz, der das Leiden gar nicht erst entstehen lässt.

Neuen molekularen Untersuchungsmethoden ist es zu verdanken, dass Forscher den Feind überhaupt erst genauer identifizieren können. Im Grunde sind es nämlich gar nicht die Pollenkörner, die eine allergische Reaktion auslösen, sondern kleine Eiweiße aus ihrem Innern, Allergene.

Jede Pflanze hat ihre eigene Mischung davon. „Die Allergene befinden sich im Innern des Pollenkorns und werden, wenn es reif ist, durch kleine Poren freigesetzt“, erläutert Jeroen Buters vom Zentrum Allergie und Umwelt der Technischen Universität München und des Helmholtz-Zentrums München.

Der Professor für molekulare Allergologie hat festgestellt, dass die Pollen derselben Pflanzenart unterschiedlich aggressiv sein können. In einer europaweiten Studie namens Hialine haben Buters und sein Team die drei Hauptverursacher von Heuschnupfen in Europa untersucht: die Pollen von Birken, Gräsern und Oliven.

„Das allergische Potenzial variierte sehr: An den ,starken’ Tagen wurde bis zu zehnmal mehr Allergen freigesetzt als an anderen“, berichtet Buters. Offenbar spielt das Wetter dabei eine entscheidende Rolle. „Wenn es lange warm und trocken ist, blühen die Pflanzen schnell auf und produzieren viel Pollen, er enthält aber eher wenig Allergene“, sagt Buters. Tückischer hingegen sind nasskalte Perioden während der Blütenbildung. „Sie führen offenbar dazu, dass in den Pollenkörnern deutlich mehr Allergene gebildet werden“, berichtet er. Buters zufolge hilft die seit 1985 in Deutschland etablierte Pollenflugvorhersage Allergikern vermutlich nur bedingt. „Es kann sein, dass geringe Pollenbelastung prognostiziert wird, sie aber mit hoher Allergenbelastung einhergeht“, sagt der Forscher.

Heuschnupfen nimmt zu

Für die Zukunft möchte er prüfen, ob es besser wäre, gleich nur die Allergene in der Luft zu erfassen. Denn dann könnte man sich an den wenigen Tagen im Jahr, an denen es in der Luft nur so von den gemeinen Winzlingen wimmelt, gezielt drinnen aufhalten. Eine Allergenvorhersage wäre seiner Ansicht nach zwar technisch aufwendiger, aber durchaus realisierbar. Denn auch wenn jede Samenpflanze eine Vielzahl von Allergenen bildet, reicht es vermutlich, sich auf ein paar Schurken zu konzentrieren: bei Birken das Eiweiß „Bet v 1“, bei Gräsern „Phl p 5“.

Dass diese Hauptallergene auch eine führende Rolle bei der Allergieentstehung spielen, zeigt eine kürzlich im Fachmagazin Journal of Allergy and Clinical Immunology erschienene Studie von Charité-Forschern um Paolo Matricardi. Das Team hatte sich Blutproben von 177 Kindern mit Gräserpollenallergie vorgeknöpft. Die Proben waren im Rahmen einer Langzeitstudie in den 1990er- und 2000er-Jahren genommen worden. „Damals gab es noch keine Allergen-Chips, mit denen sich im Blut gezielt nach Antikörpern gegen bestimmte Polleneiweiße fahnden lässt“, sagt Matricardi. Die neue Methode enthüllte, dass lange bevor Kinder erste Heuschnupfen-Symptome entwickeln, bereits typische Allergie-Antikörper (Immunglobuline E) zu finden sind. Bei 75 bis 90 Prozent der Kinder waren Antikörper gegen „Phl p 5“ – ein Allergen des Lieschgrases – die Vorreiter.

Matricardi folgert daraus, dass sich Heuschnupfen bereits vor dem Ausbruch klar erkennen lässt. „Das ist wichtig. Denn nach den neuesten Erkenntnissen sollte man ihn so früh wie möglich bekämpfen, etwa mit einer Immuntherapie, um eine Ausweitung auf andere Allergene zu unterbinden“, sagt der Forscher.

Vielleicht lässt sich auf diese Weise die rasche Ausbreitung der Krankheit endlich etwas eindämmen. Experten haben in den vergangenen Jahrzehnten mit großer Sorge beobachtet, wie Heuschnupfen um sich griff: Wie der Bundesgesundheitssurvey zeigte, litten in Deutschland 1990 etwa 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung unter allergischer Rhinitis, knapp zehn Jahre später waren es bereits 18 Prozent.

Die 2007 veröffentliche Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (Kiggs) zeigte, dass Heuschnupfen bei etwa 10 Prozent der 7- bis 10-Jährigen vorkommt und bei gut 18 Prozent der 14- bis 17-Jährigen. Den seit Jahrzehnten währenden Anstieg führen Experten unter anderem auf veränderte Lebensumstände zurück.

Schutzfaktor Land

Was genau dazu geführt hat, dass das Immunsystem von immer mehr Menschen bei Kontakt mit eigentlich harmlosen kleinen Eiweißen außer Rand und Band gerät, ist noch nicht ganz erforscht. Erklärungsversuche gibt es einige: Nach der Hygiene-Hypothese ist das Immunsystem heutzutage unterfordert, weil es sich weniger mit Schmutz und Krankheitserregern plagen muss. Nach der Parasiten-Hypothese fehlen dem Immunsystem vor allem die erfolgreich zurückgedrängten Wurminfektionen, um sich abzuarbeiten. Nach der Mikroflora-Hypothese mangelt es heutzutage durch den Gebrauch von Antibiotika an Allergie-schützenden Darmkeimen. Und die unter anderem von Erika von Mutius von der Universität München vertretene Bauernhof-Hypothese vermutet im Leben auf dem Lande Schutzfaktoren. Vor allem scheint es gut zu sein, wenn Kinder im ersten Lebensjahr mit Stallkeimen in Berührung kommen.

Sollte sich die Bauernhof-Theorie als richtig erweisen, dann ist sogar schon Abhilfe in Sicht. Forscher arbeiten an einer Art Schutzimpfung, dank der Kinder ein für alle Mal vor triefenden Augen im Frühjahr gefeit sein sollen. „Wir entwickeln Nasentropfen, die die Entstehung von Allergien durch Pollen und andere luftgetragene Allergene verhindern sollen“, berichtet Marion Kauth, Geschäftsführerin des biopharmazeutischen Start-up-Unternehmens Protectimmun in Gelsenkirchen.

Die Tropfen enthalten das Bakterium Lactococcus lactis – ein Keim, der in mikrobiologischen Untersuchungen fast immer in Ställen auf Bauernhöfen zu finden ist. Kauth: „Wir gehen davon aus, dass er maßgeblich zu dem natürlichen Allergieschutz beiträgt, den Bauernhofkinder Studien zufolge haben, wenn sie sich im ersten Lebensjahr regelmäßig in einem Tierstall aufhalten.“ Marktreif könnten die Allergieschutztropfen frühestens 2018 sein.

Vielleicht klappt es ja mit dem Immuntraining. Dann würden Pollen- oder Allergenflugvorhersagen wohl bald Schnee, oder Blütenstaub, von gestern sein.

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