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Unauffällige Sehhilfe: Die Brille mit der intelligenten Zusatztechnik.

Medizin

Hightech-Sehhilfe flüstert Infos ins Ohr

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Eine intelligente Software verschafft Blinden deutlich mehr Autonomie und Mobilität.

Als Matthias Frenser bei Internetrecherchen die Hightech-Sehhilfe entdeckte, dachte er gleich: „Das ist was für mich.“ Der 28-jährige Jurastudent aus Bielefeld ist seit Geburt an schwer sehbehindert. Auf einem Auge ist er nahezu blind, es kann nur zwischen hell und dunkel unterscheiden. Sein anderes Auge besitzt noch eine Sehkraft von gerade mal vier Prozent. Dazu ist er stark kurzsichtig. Das reicht nicht, um Zeitungen zu lesen, Straßenschilder zu entziffern oder im Supermarkt Produktangaben zu vergleichen. All das erledigt inzwischen eine intelligente Minikamera für ihn, die am Brillenbügel befestigt ist. Sein Ersatzauge, kurz MyEye genannt.

Ein dünnes Kabel verbindet die optischen Sensoren mit einem Computer, kaum größer als ein Taschenrechner. Sobald er die Taste drückt und mit dem Zeigefinger auf Geschriebenes deutet, bekommt er über einen kleinen Lautsprecher im Ohr zugeflüstert, was dort steht. Ob es sich nun um eine ganze Buchseite handelt oder die Gebrauchsanweisung eines Rezepts. „Für mich ist das ein klarer Gewinn an Lebensqualität“, berichtet Frenser am Telefon. Er gehört zu den ersten von 600 Nutzern in Deutschland, für die das in Jerusalem produzierte Hightech-Gerät unverzichtbar geworden ist. Seit vorigem August ist es auch auf dem deutschen Markt zu haben. „Ich war sofort mit dabei“, sagt er. Auch wenn es nicht sein einziges Hilfsmittel im beruflichen Alltag sei, „ohne mein MyEye gehe ich nicht aus dem Haus“.

Technik aus der Automobilbranche

Drei Prozent der Menschheit sind blind oder schwer sehbehindert, schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Einige tausend von ihnen meistern ihr Handicap inzwischen dank dieser Erfindung made in Israel, der jüngste ist laut Herstellerfirma OrCam sieben Jahre alt, der älteste über neunzig. Nicht nur in deutsch, auch in englisch, französisch, italienisch, spanisch und natürlich hebräisch kann man sich mit Hilfe des Geräts jeden Texte vorlesen lassen, für den das eigene Augenlicht nicht reicht.

Die Technologie stammt aus der Autobranche, ausgerechnet. Die israelische Firma Mobileye, die kürzlich für 15 Milliarden Dollar an den Computerchip-Konzern Intel ging, produziert schon seit Jahren Systeme, die Fahrzeuge intelligenter machen. Gemeint sind jene winzigen Kameras an Frontscheibe und Heck, die Warnsignale, beziehungsweise Bremsvorgänge auslösen, wenn eine Kollision mit anderen Verkehrsobjekten droht. Im Zeitalter selbstfahrender Autos müsse es doch eine ähnliche Technologie für Blinde geben, meinte die stark seheingeschränkte Tante von Mobileye-Mitgründer Amnon Shashua, Professor für Computerwissenschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Sie brachte ihn auf die Idee, „jetzt auch mal was für Leute wie mich zu  tun“.

Ein naheliegender Gedanke, fand Shashua, tüftelte weiter, veränderte die Algorythmen und rief 2010 als Tochterunternehmen OrCam ins Leben, das die Hightech-Sehhilfe MyEye serienreif entwickelte. Heute hat OrCam, angesiedelt in der unteren Etage des riesigen Mobileye-Komplex, 130 Angestellte, einen Schätzwert von 600 Millionen Dollar und dazu vor, im nächsten Jahr an die Börse zu gehen. 

Intelligenz weiter über Smartphone-Anwendung

Bislang ist das Gerät konkurrenzlos. Ein Smartphone vermag zwar auch die abfotografierte Speisekarte im Restaurant vorzutragen. Aber das MyEye kann mehr, fällt äußerlich kaum auf und kommt ohne Internetverbindung aus. Es informiert den Nutzer, wenn ein Text versehentlich verkehrtherum gehalten wird. Es erkennt Geldscheine, Produkte und selbst die Gesichter einprogrammierter Freunde, so dass selbst ein Blinder gar nicht fragen muss, wem er gerade begegnet. Ein Blick in die gewünschte Richtung plus Knopfdruck reichen, schon erfährt er, wen er vor sich hat. Die neue Version, die in wenigen Monaten auf den Markt kommt, soll auch Farben unterscheiden.

Die Bedienung ist relativ leicht, wie der Selbstversuch mit verbundenen Augen zeigt. Gewöhnungsbedürftig sind nur die verlangten klaren Signale, die dem Gerät zu verstehen geben, was der Nutzer will. Hand hoch heißt, ich habe genug vom Text. Eine schwungvolle Armbewegung, als ob man auf die Uhr schaut, löst die genaue Zeitansage aus.

Krankenkassen beteiligen sich nicht

Eine zweistündige Schulung ist im Preis inbegriffen. 3900 Euro kostet das MyEye, gut 30 Prozent billiger ist der MyReader, der nur vorliest. Deutsche Krankenkassen beteiligen sich bislang nicht an den Kosten. Aber im Fall von Matthias Frenser gab es einen Zuschuss vom Arbeitgeber. Von den intuitiven Fähigkeiten des Geräts ist der angehende Jurist nach wie vor beeindruckt. Per Feinjustierung passe es sich sogar an die jeweiligen Lichtverhältnisse an.

Ein Alleskönner ist die Hightech-Prothese allerdings nicht. Bei den in Gesetzesbüchern häufig vorkommenden Abkürzungen gerate sie leicht ins Radebrechen, sagt Frenser. Für die Software-Ingenieure von OrCam ist das die nächste knifflige Herausforderung. Aber schon jetzt tun sich in der Welt der Blinden neue Seherfahrungen auf.

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