+
Tiere im Hörsaal gehören auch dazu, aber angehende Veterinäre müssen im Studium vor allem viel Theorie büffeln.

Tiermediziner

Mit Herz und Verstand

  • schließen

An der Uni Gießen erwerben Tiermediziner eine breit gefächerte Expertise ? auch in den Naturwissenschaften.

Ob Hund oder Katze, Schwein, Kuh, Ziege oder Pferd – am Fachbereich Veterinärmedizin in Gießen stehen sowohl Haus- als auch Nutztiere im Fokus der wissenschaftlichen Arbeit. Insgesamt knapp 1600 Studierende werden hier zu Tierärzten ausgebildet – gemessen an der Zahl der Studierenden ist die Einrichtung somit die drittgrößte tierärztliche Hochschule in Deutschland. Betreut werden sie von rund 30 Professoren, die darüber hinaus auf den verschiedensten Gebieten wie der Tiergesundheit oder der Lebensmittelhygiene forschen. Außerdem werden in den Kliniken auf dem Campus kranke Tiere behandelt und, wenn nötig, auch operiert.

Wie für die 28-jährige Tiermedizin-Studentin Anne Dröscher ist die anspruchsvolle Ausbildung für viele der Weg zum Traumjob, um später einmal mit Tieren zu arbeiten. Doch schon die erste Hürde ist die bundesweite Zulassungsbeschränkung, die für alle fünf tierärztlichen Hochschulen gilt. Nur mit einem Abinotenschnitt von 1,4 oder besser lässt sich in der Regel ein Studienplatz im ersten Anlauf ergattern, alle anderen müssen warten.

Um die Zeit zu überbrücken, absolvieren viele eine Ausbildung zum Tierarzthelfer wie auch Anne Dröscher, die insgesamt sechs Jahre warten musste. „Ich habe viel in dem Bereich gearbeitet und habe auch eine Zeit lang in Südafrika studiert“, berichtet sie. Etliche ihrer Kommilitonen sind Vegetarier oder Veganer. Die moderne Tierhaltung sei oft ausschlaggebend, sagt Anne Dröscher. „Wenn Kälbchen schreien, weil sie kurz nach der Geburt von ihrer Mutter zwecks Milchproduktion getrennt werden, fühlt sich das so falsch an“, sagt sie. Was sie an Tieren fasziniert, sei, „dass sie immer authentisch sind“.

In den ersten Semestern müssen die mehrheitlich weiblichen Studierenden in Gießen die Grundlagen verschiedenster naturwissenschaftlicher Disziplinen erlernen. „Da ist nicht nur Tierliebe gefragt, sondern vor allem Fachwissen“, betont der Dekan des Fachbereichs Martin Kramer. Obwohl die Studierenden in der Regel auch in den Semesterferien büffeln müssen, um die Prüfungen zu meistern, „werden 80 Prozent von ihnen in der Regelstudienzeit fertig“.

Die späteren Berufswege sind vielfältig und reichen von der Arbeit in der Tierarztpraxis, über die staatlichen Veterinärämter bis hin zur Überwachung der Nutztierhaltung oder Kontrollen in Schlachthöfen. „Tierärzte sind unter anderem für die Nahrungsmittelsicherheit vom Stall bis zum Tisch des Verbrauchers verantwortlich“, sagt Kramer. Tierärzte betreuen etwa die Bestände an Rindern und Schweinen, behandeln ansteckende Krankheiten wie Husten oder Durchfall, bekämpfen gefährliche Erreger und Bakterien wie Salmonellen und achten auf die Einhaltung von Hygienevorschriften in Schlachtbetrieben.

Was dabei für Kramer nicht zusammenpasst, ist, „dass viele Verbraucher Massentierhaltung ablehnen, aber dennoch nach dem Motto ,Geiz ist geil‘ an der Fleischtheke einkaufen“. Er sieht es als eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft an, Lösungen zu finden – gerade auch was die Ausbreitung multiresistenter Keime anbelangt.

„Jeder von uns ist mitverantwortlich dafür, dass Antibiotika-Resistenzen vermehrt auftreten.“ Sowohl die Tier- und die Humanmedizin, als auch die Menschen selber, die das Antibiotikum für sich oder das Tier verschrieben bekommen haben und einsetzen, haben durch sorgloses Handling zu dem Problem beigetragen. „Aber sind die Keime erst einmal in den Kläranlagen, Flüssen oder Seen, lässt sich kaum verhindern, dass sie etwa über Insekten oder andere Vektoren etwa in den nächstgelegenen Schweinestall gelangen.“

Große Hoffnungen für viele Bereiche hat Kramer aufgrund von Fortschritten dank Forschung. „Wir arbeiten beispielsweise an einer Methode, um männliche Küken bereits im Ei zu erkennen, bevor sie schlüpfen.“ Denn in der Geflügelproduktion werden männliche Küken, da als Legehennen und Masthähnchen ungeeignet, aus ökonomischen Gründen oft gleich nach dem Schlüpfen wieder getötet.

Als Leiter der Klinik für Kleintierchirurgie und Facharzt für Klein- und Heimtiere weiß Kramer um die unschätzbare soziale und emotionale Bedeutung von Haustieren für den Menschen. „Häufig sind sie Familienersatz, gerade für behinderte oder ältere Menschen“, sagt Kramer. „In unserer Gesellschaft sind sie ein Mittel gegen die zunehmende Vereinsamung. Ein Pferd beispielsweise verlangt dem Besitzer viel ab, es will gefüttert, geritten und betreut werden.“

Nach Berechnungen von Veterinärmedizinern an der University of Lincoln reduzieren Heimtiere wegen ihres positiven Einflusses auf die körperliche, mentale und soziale Gesundheit die Kosten im britischen Gesundheitssystem um bis zu umgerechnet rund 2,9 Milliarden Euro im Jahr. Eingerechnet sind auch Kosten für negative Folgen wie Hundebisse. Für die Besitzer, die oft mehr an ihrem Tier als an Menschen hängen, lässt sich deren Wert oft gar nicht beziffern – wobei die Liebe mitunter auch irrationale Verhaltensweisen hervorbringen kann.

Daher ist auch die Kommunikation mit den Haltern eine ganz wichtige Fähigkeit, die einen guten Tierarzt auszeichnet. Insbesondere, wenn es um schwerwiegende Entscheidungen geht, ob dem Tier noch zu helfen ist oder „ob wir es auf seinem letzten Gang vor schrecklichen Schmerzen bewahren sollen“, sagt Anne Dröscher, die im 5. Semester Tiermedizin studiert.

Eine Herausforderung für Tierärzte ist, „dass nicht nur der Mensch, sondern auch sein Haustier immer älter wird“, ergänzt Kramer. Neben Unfällen und Verletzungen müssen Tiere auch immer häufiger wegen altersbedingter Probleme etwa an der Bandscheibe operiert werden. Zwischen zehn und 20 Operationen werden täglich allein in der Kleintierchirurgie ausgeführt. Bei Blutungen, Lähmungen oder Epilepsie untersuchen Experten das betroffene Gewebe und die Organe zunächst rund eine Stunde mittels moderner Magnetresonanztomographie (MRT). Im Nebenraum bietet die Computertomographie (CT) die Möglichkeit, die Knochenstruktur etwa bei Wirbelfraktionen oder Gelenkdysplasie zu analysieren. Sogar ein Löwe aus dem Zoo wurde hier schon im narkotisiertem Zustand untersucht.

Die Kosten für die Operationen richten sich zum einen nach der Art der Erkrankung, zum anderen nach der Tierart. So kann eine OP bei einer Kolik eines 600 bis 700 Kilo schweren Pferdes, das an Darmverschlingung leidet, inklusive Narkose zwischen 4000 bis 5000 Euro kosten.

Aufklärungskampagne gegen Qualzuchten

Zudem gibt es auf dem weitläufigen Campus, auf dem man immer wieder Hunden oder Pferden begegnet, auch eine Klinik für Geburtshilfe, wo die Studierenden den Visiten beiwohnen, um gemeinsam mit den Veterinärmedizinern die Fälle zu besprechen und Behandlungspläne für die Vierbeiner aufzustellen.

Seit dem vergangenen Jahr können Studienanfänger darüber hinaus im Clinical Skills Lab, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, an lebensgroßen Tiersimulatoren wichtige Handgriffe für den Ernstfall üben. Im Labor werden beispielsweise Blutabstriche untersucht oder der Aufbau der Zellen unter einem Mikroskop begutachtet.

Ebenfalls trainiert werden Injektionstechniken, während sich die angehenden Tierärzte im Nebenraum schon mal mit den wichtigsten chirurgischen Instrumenten vertraut machen können. Haushaltsschwämme dienen als Hautersatz, um verschiedene Nähtechniken einzustudieren.
An einer lebensgroßen Kuh lernen die Studierenden zu melken und dank eines künstlichen Pferdes mit Kolik-Simulator, was bei einer Verlagerung des Darms zu tun ist. Auch Hundemodelle gibt es, an denen sowohl eine Intubation wie auch eine Herz- und Lungenmassage ausgeführt werden können.

Als Präsident der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft betreibt Kramer zudem eine Aufklärungskampagne gegen Qualzuchten. Werden etwa Katzen- und Hunderassen mit Glubschaugen und immer kürzeren Schnauzen gezüchtet, handele es um einen bedenklichen Modetrend. „Der Mops ist gefragt, er hat in der Tat einen tollen Charakter, doch viele Tiere können nicht mehr richtig atmen, leiden an Augenproblemen oder entzündlichen Hautfalten.“ Ähnliches gilt auch für Bulldoggen, die bei Hitze oder bei Spaziergängen leicht ohnmächtig werden. Auch Röchel- und Schnarchgeräusche sind Warnzeichen.

Kramer spricht sich vehement dagegen aus, dass Tieren mit einem solchen Kindchenschema in der Werbung eingesetzt werden, appelliert aber auch an künftige Besitzer, nur Rassehunde mit entsprechenden Papieren vom Züchter zu kaufen. „Sonst ist davon auszugehen, dass sie illegal gezüchtet worden sind.“ Auch wenn das Tierschutzgesetz vorschreibt, dass Körperteile für den artgemäßen Gebrauch nicht fehlen dürfen oder so gestaltet sind, dass keine Schmerzen oder Schäden auftreten, „werden Züchtungen kaum reglementiert“ – dennoch hält Kramer wenig von umfassenden Verboten. Es setzt ganz auf die Einsicht und das Umlernen bei den Tierhaltern, die oft nicht wissen, an welchen Zuchtschäden ihr Tier leidet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion