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Das Geheimnis der Darmflora

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Seit langer Zeit fragen sich Wissenschaftler, warum der eine zu dick und der andere zu dünn ist.
Seit langer Zeit fragen sich Wissenschaftler, warum der eine zu dick und der andere zu dünn ist. © dpa

Forscher untersuchen den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Bakteriengemeinschaft im Darm. Auch Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Arteriosklerose können mit der Darmflora zusammenhängen.

Von Anette Brecht-Fischer

Sie wiegt rund 1,5 Kilogramm und hat mehr Zellen aufzuweisen als der komplette menschliche Körper. Die Rede ist von der Bakteriengemeinschaft im Darm. Die Darmflora gerät immer mehr in den Fokus der Wissenschaftler, denn sie hat große Bedeutung für die Gesundheit des Menschen. Relativ neu ist der Zusammenhang zwischen den Bakterien im Dickdarm und Adipositas, wie Stephan C. Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin an der Universität Hohenheim kürzlich bei einem Symposium in Potsdam ausführte.

Die Darmbakterien verfügen mit ihrer Enzymausstattung über einen großen „Werkzeugkoffer“, mit dem sie vielfältigen Einfluss auf den Wirtskörper nehmen können. So unterstützen sie nicht nur die Verdauung, sondern sie beeinflussen auch den Stoffwechsel und das Immunsystem. Sie sorgen beispielsweise dafür, dass der Körper bestimmte Vitamine aus dem Nahrungsbrei aufnehmen kann.

Aus den restlichen Nahrungsbestandteilen, die im Dünndarm nicht resorbiert wurden und die im Dickdarm ankommen, holen die dort ansässigen Bakterien noch einmal Energie heraus und stellen sie für den Körper bereit. Dies kann auf direktem Weg passieren, indem sie zum Beispiel für die Aufnahme von Zuckermolekülen sorgen, oder auf indirektem Weg durch Aktivierung des Fettaufbaus in der Leber und der Fettspeicherung. „Der Dickdarm ist auf diese Weise für rund 10 Prozent der täglichen Energieaufnahme zuständig“, erklärte Bischoff.

Wenn auch die einzelnen Bakterienstämme, die die Darmflora ausmachen, bei allen Menschen im Wesentlichen gleich sind, so hängen ihre individuelle Präsenz und Größenordnung von verschiedenen Faktoren ab. Bereits bei der Geburt übernimmt der Säugling einen Großteil der Darmbakterien von seiner Mutter. Aber auch die Nahrung hat einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft. Dabei stehen das Verhältnis und die Art der verzehrten Kohlenhydrate, Proteine und Fette an erster Stelle.

Fettreiche Ernährung stört die Darmbarriere

Bei einer Ernährungsumstellung, wenn also beispielsweise mehr Gemüse und Obst gegessen wird, verändert sich auch die Darmflora. Die eine oder andere Bakteriengruppe wird größer, andere werden kleiner. Damit verschiebt sich auch die Ausstattung des bakteriellen „Werkzeugkoffers“. Das heißt, dass die Auswirkungen auf den Körper spürbar sein können.

Seit einigen Jahren weiß man, dass sich die Zusammensetzung der Darmflora bei Übergewichtigen häufig von der bei Normalgewichtigen unterscheidet. Die Bakteriengruppe der Firmicutes, die sowieso schon den Hauptteil der Darmbewohner ausmacht, nimmt bei adipösen Menschen weiter zu, während die Gruppe der Bacteroidetes kleiner wird. Auch die Vielfalt der Bakterien ist reduziert.

Der Grund dafür ist bisher nicht bekannt, wie Stephan C. Bischoff betont: „Noch ist unklar, ob diese Veränderung Ursache oder Folge der Adipositas ist.“ In einer Studie mit Übergewichtigen konnte gezeigt werden, dass dieser Prozess auch umgekehrt verläuft: Bei einer Gewichtsabnahme der Probanden wurde der Anteil der Bacteroidetes-Keime wieder größer. Forscher fragen sich nun, welche Bedeutung die Veränderung der Darmflora für die Adipösen hat.

Bisher gibt es dazu nur wenige Untersuchungen bei Menschen, die meisten Studien wurden mit Mäusen durchgeführt. Da die Darmbakterien die Enzyme für viele chemische Reaktionen bereitstellen, war zu erwarten, dass es auch hier Unterschiede geben könnte. Die Vermutung hat sich inzwischen bestätigt: Übergewichtige können mit Hilfe ihrer Bakterien komplexe Kohlenhydrate wie zum Beispiel Zellulose und andere Pflanzenfasern, die eigentlich unverdaulich sind, aufspalten und zu kleineren Molekülen umbauen. Sie werden vom Körper aufgenommen und liefern ihm zusätzlich Energie.

Beim Menschen kann dieser Vorgang zu einem täglichen Energiegewinn von 150 Kilokalorien führen. „Dies reicht aus, um dick zu werden oder schlank zu bleiben“, kommentierte der Ernährungsmediziner Bischoff. Sollte es also tatsächlich so etwas wie einen „guten Futterverwerter“ geben? Die Frage lässt sich nach dem heutigen Stand der Wissenschaft noch nicht eindeutig beantworten.

Nicht nur das Übergewicht selbst, auch Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Arteriosklerose können mit der Darmflora zusammenhängen, wie neuere Studien zeigen. Gemeinsam ist diesen Krankheiten, dass sie mit kleinen Entzündungsprozessen einhergehen, die ihre Ursache im Darm haben. In diesem Fall ist die Darmbarriere nicht intakt, die eigentlich dafür sorgt, dass Bakterien und Schadstoffe nicht die Darmwand durchdringen und in den Körper gelangen.

Mögliche Störfaktoren der Darmbarriere können eine fettreiche Ernährung sowie fructosereiche Kost sein. Gerade Fructose, umgangssprachlich Fruchtzucker, findet immer mehr Eingang in die Nahrung, so zum Beispiel als Süßungsmittel in Softdrinks. Da die Darmbakterien mit den Epithelzellen in der Darmwand, mit den dort vorhandenen Zellen des Immunsystems und mit dem Nervensystem im Bauch eng zusammenarbeiten, ist es vorstellbar, dass sie auch hier eine Rolle spielen. Eine Veränderung in der Zusammensetzung der Darmflora könnte den Folgeerkrankungen der Adipositas Tür und Tor öffnen.

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