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Gefährliche Wanderschaft

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Unter einem Mikroskop wird eine Petrischale befüllt. (Symbolbild)
Unter einem Mikroskop wird eine Petrischale befüllt. (Symbolbild) © dpa

Ein verändertes Sexualverhalten befördert Papillomaviren, Erreger, die bislang als Verursacher von Gebärmutterhalskrebs bekannt war, immer öfter in den Mund - und führt dort zu Zungenkrebs.

Von Hermann Feldmeier

Eine der wichtigsten Aufgaben zentraler Krebsregister ist es, Häufigkeitsänderungen bei bestimmten Tumorarten exakt zu erfassen und Tendenzen vorauszusagen. Des wiederum ermöglicht den Krebsforschern, nach Ursachen zu suchen oder die Wirksamkeit von Vorbeugemaßnahmen, beispielsweise der regelmäßigen Röntgenuntersuchung der weiblichen Brust, zu beurteilen. Eine Gruppe von Geschwülsten, deren Entwicklung in allen Krebsregistern der Welt mit Argusaugen beobachtet wird, sind die sogenannten oropharyngealen Plattenepithel-Karzinome, bösartige Tumore, die sich aus den dachziegelartig geschichteten Deckzellen im Mund-Rachen-Raum entwickeln. Der Patient bemerkt die Geschwulst meist erst, wenn sie so groß geworden ist, dass sie der Zunge als Fremdkörper erscheint, oder sich Schluckbeschwerden eingestellt haben.

Als bösartige Tumore streuen die Plattenepithelkarzinome frühzeitig Krebszellen in die Lymphdrüsen am Hals. Das erklärt, warum – trotz Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung – nur ein Viertel der Patienten mit einem Geschwulst des Mundes oder des Rachens die nächsten fünf Jahre überlebt.

Eine Untersuchung zweier Krebsforscher vom Karolinska Institut in Stockholm zeigt, dass diese Gruppe von Geschwülsten in den letzten Jahren kontinuierlich häufiger geworden ist. So stieg beispielsweise in Schweden die Zahl der Fälle von Zungengrundkrebs von 0,19 pro 100?000 Einwohner pro Jahr in den 70-er Jahren auf 0,48 im vergangenen Jahrzehnt. Parallel dazu nahm die entsprechende Maßzahl für Tonsillenkrebs von 0,74 auf 1,65 zu. Studien aus Finnland, Großbritannien und den USA zeigen ebenfalls eine Verdopplung bis Verdreifachung dieser Gruppe von Geschwülsten in den letzten 30 Jahren. Doch nicht nur die dramatische Häufigkeitszunahme beunruhigt die Krebsforscher, auch die Merkmale von Patienten mit einem oropharyngealen Plattenepithel-Karzinom haben sich grundlegend geändert. Bislang traten Geschwülste im Mund-Rachen-Raum üblicherweise nach der fünften Lebensdekade auf. Männer waren signifikant häufiger betroffen als Frauen. Rauchen und regelmäßiger Alkoholgenuss erhöhten ebenfalls die Wahrscheinlichkeit, an dieser Krebsart zu erkranken.

In den vergangenen Dekaden wurden die Patienten dagegen immer jünger. Sie sind jetzt manchmal erst 30 Jahre alt, wenn der Tumor entdeckt wird. Auch sind Frauen ähnlich häufig betroffen wie Männer. Und meist versichern die Patienten, dass sie weder rauchen, noch regelmäßig Alkohol konsumieren.

Neu ist zudem, dass sich im Tumorgewebe der Patienten immer häufiger das humane Papillomavirus (HPV) nachweisen lässt. Ein Erreger, der der Öffentlichkeit bisher nur als Verursacher von Gebärmutterhalskrebs bekannt war. So stieg beispielsweise in Schweden der Anteil der Fälle von HPV-positivem Zungengrundkrebs an allen Geschwülsten der Zunge von 54 Prozent in den 90-er Jahren auf 84 Prozent im vergangenen Jahrzehnt. Zahlen aus dem Krebsregister belegen zudem, dass mittlerweile 93 Prozent aller bösartigen Geschwüre der Tonsillen Erbsubstanz des Papillomavirus in ihre Zellen integriert haben. In den 70-er Jahren war dies nur bei einem Viertel aller Tonsillentumore der Fall.

Das humane Papillomavirus hat gleich mehrere Eigenschaften, die es zu einem unkalkulierbaren Risiko machen. Hat der Erreger eine Wirtszelle infiziert, so nutzt er – wie jedes andere Virus – den zelleigenen Syntheseapparat für seine eigene Vermehrung.

Allerdings stören einige der Viruseiweiße hochsensible Genabschnitte der Wirtszelle – typischerweise solche, die für die Zellteilung verantwortlich sind. Die fremden Moleküle begünstigen ein unkontrolliertes Wachstum der Zelle und blockieren gleichzeitig Kontrollmechanismen, mit denen Krebszellen vom Immunsystem beseitigt werden.

Allerdings unterscheiden sich die Papillomaviren erheblich in ihrem krebsfördernden Potenzial. Während einige Varianten der mehr als 150 Typen umfassenden Erregerfamilie über längere Zeit in menschlichen Zellen „schmarotzen“, ohne diese substanziell zu schädigen, sind andere notorische „Störenfriede“, deren Präsenz über kurz oder lang zur Entartung der befallenen Zelle führt.

Im Falle des Gebärmutterhalskrebs sind dies beispielsweise HPV 16 und HPV 18. Systematische Untersuchungen von Gewebeproben der neuen Gruppe von Patienten mit bösartigen Tumoren in Mund und Rachen haben gezeigt, dass just diese extrem gefährlichen Virusvarianten auch hier präsent sind. Doch wie gelangen die Erreger, deren eigentliches „Biotop“ der Genitaltrakt ist, in ausreichender Zahl in den Mund? Nach Ansicht der schwedischen Krebsforscher ist die deutliche Zunahme von HPV-positiven Geschwülsten auf ein verändertes Sexualverhalten zurückzuführen und hängt mit häufiger praktiziertem oralem Sex zusammen.

Diese Vermutung wird durch Studien belegt, in denen gezielt nach einem Zusammenhang zwischen Sexualverhalten und Plattenepithelkarzinom im Mund-Rachenbereich geforscht wurde.

So zeigte eine Untersuchung in Mexiko, dass HPV-positive Tumore in Mund und Rachen signifikant häufiger bei Patienten waren, die bereits sehr frühzeitig (vor dem 16. Lebensjahr) ihr sexuelles Debüt und in den folgenden Jahren zahlreiche Sexualpartner hatten. Personen mit diesen Merkmalen, das wissen Sexualforscher seit langem, praktizieren auch häufiger oralen Sex.

Noch eindeutiger ist eine US-Untersuchung. Eine Gruppe von Krebsepidemiologen der Johns Hopkins Universitätsklinik in Baltimore zeigte, dass bei jungen Amerikanern die Wahrscheinlichkeit einer HPV-Infektion im Mund-Rachen-Bereich nahezu proportional mit der Anzahl der Partner anstieg, mit denen oraler Sex praktiziert worden war.

Darüber hinaus konnten die Forscher nachweisen, dass auch mit wechselnden Partnern praktizierte Zungenküsse das Risiko einer HPV-Infektion im Mund-Rachen-Bereich ansteigen ließ – auch wenn die Wahrscheinlichkeit um etwa einen Faktor 10 geringer war im Vergleich zu oralem Sex. Für die Krebsforscher sind diese Daten ein Indiz, dass potenziell krebserregende humane Papillomaviren über die Zunge aus anderen Körperbereichen in den Mundraum übertragen werden können.

In Anbetracht der veränderten Sexualpraktiken warnen die schwedischen Krebsforscher vor einer dramatischen Zunahme von bösartigen Tumoren im Mund- und Rachenbereich. Sie schlagen vor, rasch zu überprüfen, ob der Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs auch gegen HPV-induzierte Geschwülste im Mund-Rachen-Raum wirkt.

Da die Wirksamkeit der beiden derzeit eingesetzten Vakzine im wesentlichen nur bei Mädchen und Frauen überprüft wurde, ist beispielsweise unklar, ob eine schützende Immunität auch bei Jungen und Männern erzielt werden kann.

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