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Das gefährliche erste Jahr

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Von: Pamela Dörhöfer

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Bei Frauen läuft ein Herzinfarkt häufig anders ab als bei Männern.
Bei Frauen läuft ein Herzinfarkt häufig anders ab als bei Männern. © getty

Frauen sterben häufiger nach einem Herzinfarkt als Männer. Forscher suchen nach den Gründen.

Fragt man Frauen danach, vor welcher Erkrankung sie sich am meisten fürchten, so dürfte bei vielen die Angst vor Brustkrebs oder anderen bösartigen Tumoren an erster Stelle stehen. Einen Herzinfarkt haben Frauen oft weniger auf dem Schirm, er gilt nach wie vor als typische „Männerkrankheit“. Eine Einschätzung, die so nicht zutrifft – und fatale Folgen haben kann, wenn Frauen deshalb eigene Risikofaktoren bei Rauchen, Übergewicht oder Diabetes unterschätzen. Zwar stellen Männer immer noch die Mehrheit der Patienten, die mit einem Infarkt ins Krankenhaus eingeliefert werden. Aber bei Frauen verläuft ein Herzinfarkt weit häufiger tödlich als bei Männern. Zwar sinkt in Deutschland aufgrund der verbesserten Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten die Zahl der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt, doch bei Frauen vollzieht sich diese Entwicklung langsamer als bei Männern. Und: Bei den 40- bis 55-jährigen Frauen steigen die Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sogar.

Es gibt mehrere Gründe, die Frauen im Falle eines Herzinfarktes benachteiligen. Als eine wichtige Ursache gilt die Tatsache, dass sich die Infarkte von Männern und Frauen häufig unterscheiden: Frauen bekommen ihn im Durchschnitt zehn Jahre später und leiden häufiger an Begleiterkrankungen. Nicht selten bleibt ein Herzinfarkt bei Frauen auch zunächst unentdeckt, verläuft „stumm“. Denn auch die Symptome unterscheiden sich bei den Geschlechtern, fallen bei Frauen öfters unspezifischer aus. So kann es sein, dass sich ein Herzinfarkt bei ihnen nur mit Atemnot, Übelkeit, Erbrechen oder Beschwerden im Oberbauch bemerkbar macht. Statt klassischer Symptome wie vernichtenden Schmerzen im Brustbereich, die in Arme, Schultern oder Kiefer ausstrahlen können, empfinden Frauen häufiger nur ein Druck- oder Engegefühl.

Patientinnen mit Herzinfarkt sind überdies häufiger als Männer an Diabetes erkrankt. Gerade bei Diabetikern kann ein Infarkt nur unspezifische oder gar keine Symptome verursachen. Außerdem werden Infarkte bei Frauen seltener durch lokale Verengungen von Gefäße ausgelöst, die vergleichsweise leicht zu erweitern sind, stattdessen sind die Herzarterien häufiger diffus befallen. 

Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) haben jetzt allerdings herausgefunden, dass Frauen auch dann stärker als Männer bedroht sind, an den Folgen eines Herzinfarkts zu sterben, wenn sie die gleichen Risikofaktoren und eine ähnliche Krankengeschichte aufweisen. Vor allem im ersten Jahr nach einem Infarkt sind Frauen stärker gefährdet. Als Grundlage für ihre Studie dienten den Forschern Patientendaten, die zwei Studien mit insgesamt 4100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gesammelt wurden.

„Schaut man sich den gesamten Untersuchungszeitraum von fünf Jahren nach dem Herzinfarkt an, gibt es keine auffällige großen geschlechtsspezifischen Unterschiede, wenn man Faktoren wie Alter, Begleiterkrankungen und Art der Behandlung herausrechnet“, sagt Romy Ubrich, Fachärztin für Innere Medizin und Erstautorin der Studie. „Überrascht haben uns aber die Daten für die ersten 365 Tage nach dem Infarkt: In diesem Zeitraum starben Frauen mehr als anderthalb mal so häufig wie Männer.“

Frauen müssen schneller wieder „funktionieren“

Die Mediziner sehen für diese Tatsache verschiedene mögliche Erklärungen. Georg Schmidt, Kardiologe in der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I des Klinikums der TUM-Universitätsklinikums rechts der Isar, vermutet, dass gesellschaftliche und psychische Gründe eine wesentliche Rolle spielen: „Im Alltag werden nach einem Herzinfarkt oft andere Anforderungen an Frauen gestellt als an Männer“, erklärt er: Sie müssten schneller wieder „funktionieren“ und seien dadurch größeren Belastungen ausgesetzt.

Als weiteren wichtigen Faktor nennen die Münchner Mediziner depressive Erkrankungen. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass Depressionen nicht nur häufig eine Folge eines einschneidenden Herz-Ereignisses sein können sein können, sondern auch selbst einen großen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellen. Die Mechanismen dahinter sind noch nicht vollständig geklärt; vermutet wird, dass unter anderem ein permanent erhöhter Spiegel des Stresshormons Cortisols die Gefäße schädigen und zur Arteriosklerose führen kann. Nach aktuellen Erkenntnissen entwickeln bis zu 20 Prozent der Herzpatientinnen und -patienten nach einem schweren akuten Vorfall wie einem Infarkt eine Depression. 

Allerdings wurden in den beiden Studien, aus denen sich die Münchner Mediziner ihre Daten besorgten, psychosoziale Faktoren nicht erfasst. Künftige Untersuchungen müssten zeigen, ob solche psychischen Belastungen der Hauptgrund dafür seien, dass Frauen vor allem im ersten Jahr häufiger an den Folgen eines Herzinfarktes sterben als Männer  – oder ob es andere, möglicherweise biologische Gründe dafür gibt, die man noch nicht genau bestimmen kann. In jedem Fall jedoch müssten die Ärztinnen und Ärzte, die Frauen nach einem Herzinfarkt betreuen, auf die neuen Erkenntnisse reagieren, mahnt Georg Schmidt: „Unsere Studie zeigt, dass es im ersten Jahr nach einem Infarkt wichtig ist, sich besonders intensiv um Infarktpatientinnen zu kümmern.“

Seinen Appell will der Münchner Kardiologe insbesondere an Hausarztpraxen gerichtet sehen. „Die Kolleginnen und Kollegen müssen im Hinblick auf die soziale Situation der Patientinnen aufmerksam sein und versuchen, Hilfestellungen zu geben.“ Insbesondere sollten die Ärzte stärker auf Anzeichen einer Depression achten und die Patientinnen und Patienten schnell an Fachpraxen vermitteln, „um gegebenenfalls möglichst bald mit einer Therapie beginnen zu können.“

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