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Der Jahreswechsel ist die Zeit der guten Vorsätze. Jedes Jahr ganz oben auf der Hitliste: der Rauchstopp. Immer mehr Menschen versuchen, vom Glimmstängel loszukommen. Doch auch Ersatzprodukte wie das Nikotinkaugummi haben Tücken.

Verschobene Sucht

Was früher seine Zigarette war, ist heute das Nikotin-Kaugummi

Der Jahreswechsel ist die Zeit der guten Vorsätze. Jedes Jahr ganz oben auf der Hitliste: der Rauchstopp. Immer mehr Menschen versuchen, vom Glimmstängel loszukommen. Doch auch Ersatzprodukte wie das Nikotinkaugummi haben Tücken.

Drei Mal in der Woche bricht Chris Meyer (Name auf Wunsch des Betroffenen geändert) mit seiner Gewohnheit. Dann greift er nach dem Frühstück nicht zu seinen Kaugummis, sondern packt die Sporttasche und geht schwimmen. An diesen Tagen merkt er, dass seinem Körper etwas fehlt.

Nach dem Bahnenziehen hat der Entzug ein Ende: Meyer drückt einen Kaugummi aus der Packung und schiebt ihn in den Mund. Der 44-Jährige hat 25 Jahre lang fast durchgehend geraucht. Seit knapp fünf Jahren kaut er Nikotinkaugummis. „An meiner Sucht hat sich überhaupt nichts geändert.“

Sucht verschoben – er kaut, wie er geraucht hat

Mit dem Jahreswechsel kommt die Zeit der guten Vorsätze. Menschen versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören. Einige werden statt zur Zigarette zum Nikotinkaugummi greifen, manche hängenbleiben. Wie viele Menschen betrifft das? Und wie gefährlich ist die Sucht nach den Nikotinkaugummis?
Meyer kaut, wie er geraucht hat: zum Kaffee, beim Telefonieren, nach dem Essen. „Ich bin eigentlich Kettenkauer geworden.“ Der Anteil der Raucher in Deutschland geht dem Tabakatlas des Deutschen Krebsforschungszentrums zufolge zurück. Zigarettenkonsum stellt in den Industrieländern eines der größten Gesundheitsrisiken dar. Viele Menschen steigen deshalb auf Ersatzprodukte um.

Nikotinkaugummi für die Rauchentwöhnung geeignet

Laut Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen ist die Erfolgsaussicht entwöhnungswilliger Raucher mithilfe eines Nikotinersatzes eineinhalb bis zweineinhalb mal höher als bei der Behandlung mit einem Placebo. Die Behandlung mit Nikotinkaugummis soll fachlichem Rat zufolge sechs bis zwölf Wochen dauern. Die Kaugummis gibt es in einer Stärke von 2 und 4 Milligramm Nikotin. Mit dem Rauch einer Zigarette geraten 0,5 bis 1,5 Milligramm Nikotin ins Blut.
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schreibt, das Risiko, von Nikotinkaugummis abhängig zu werden, werde als eher gering eingeschätzt. Generell hängt die Sucht-Wahrscheinlichkeit damit zusammen, wie schnell das Nikotin im Gehirn freigesetzt wird, wie Anil Batra, Leiter der Sektion Suchtforschung und Suchtmedizin an der Universitätsklinik Tübingen, erklärt.

Kaugummi wirkt nach wenigen Minuten

„Je schneller ein Suchtmittel im Gehirn ankommt, desto höher ist die Suchtpotenz“, sagt auch Tobias Rüther, der die Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München leitet. Das Pflaster wirkt nach 15 Minuten über mehrere Stunden verteilt, das Nasenspray schnell bei akutem Verlangen. Beim Kaugummi dauert es fünf bis sieben Minuten, bis die Wirkung einsetzt. Die Geschwindigkeit des Zigarettenkicks wird ohnehin von keinem Präparat geschlagen.
Raucher sind körperlich und psychisch abhängig. Nikotinhaltige Ersatzprodukte sollen den körperlichen Entzug hemmen. Beim Kaugummi geht das so: Man kaut sechs, sieben Mal, bis ein pfeffriger Geschmack entsteht. Dann parkt man den Kaugummi in der Backentasche, bis der Geschmack nachlässt. In der ersten Woche tariert der Raucher aus, wie viele Kaugummis er braucht, damit Entzugssymptome wie Reizbarkeit, Nervosität oder Schlafstörungen nicht auftreten, dann wird die Dosis Stück für Stück reduziert.

Fachliche Untersützung erhöht Erfolgschancen

Experten plädieren für eine fachliche Beratung während des Rauchstopps. Im Fachbuch „Toxikologie“ von Hans Marquardt heißt es: „Etwa 80 Prozent der Raucher, die sich entschlossen haben, ohne fremde Hilfe das Rauchen aufzugeben, werden bereits innerhalb eines Monats wieder rückfällig und weniger als 10 Prozent bleiben über ein halbes Jahr hinaus abstinent.“
Die Nebenwirkungen von Nikotinkaugummis sind nach bisherigem Kenntnisstand eher gering. Beim Rauchen ist ohnehin weniger das Nikotin das Gefährliche. Der Tabakrauch enthält mehrere Tausend Substanzen, die beim Inhalieren in den Körper geraten – mindestens 50 sind krebserregend, weitere 50 gelten als chemische Gifte. All das fällt bei den Kaugummis weg. Von einem langfristigen Konsum raten Experten dennoch ab, weil die Folgen kaum erforscht seien.
Lange Liste von möglichen Nebenwirkungen
Laut Packungsbeilage treten bei einem von zehn Konsumenten Kopfschmerzen, Husten, Schluckauf, Übelkeit und Reizungen von Mund oder Hals auf. Tobias Raupach, der die Tabakentwöhnungsambulanz in Göttingen leitet, nennt Aufstoßen und Sodbrennen als Nebenwirkungen, Rüther von der Spezialambulanz in München verweist bei erhöhtem Nikotinkonsum auf Herzschlagerhöhung und Gefäßverengung.

Experte empfiehlt: Nikotinkaugummi mit normalem ersetzen

Chris Meyer hat für sich noch keine körperlichen Beeinträchtigungen durch das jahrelange Kaugummikauen ausgemacht. Was er tun könnte, um irgendwann doch noch mit seiner Gewohnheit zu brechen – und nicht rückfällig zu werden? Raupach empfiehlt eine fachliche Beratung. Rüther schlägt vor, immer wieder ein Kaugummi durch ein normales zu ersetzen und den Konsum so zu reduzieren.
Ernsthaft versucht, aufzuhören, hat Meyer noch nicht. Dabei wäre es ihm schon lieber, nicht von dem Nervengift abhängig zu sein. Seinen „Stoff“ kauft er immer in den gleichen zwei Apotheken. „Eigentlich warte ich darauf, dass ein Apotheker mal sagt: 'Was machen Sie eigentlich, das ist ja Medikamentenmissbrauch.'“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: So gelingt der Rauchstopp

Schon wenige Zigaretten täglich erhöhen das Risiko, vorzeitig zu sterben. Das hat eine Studie aus den USA bestätigt. Die Daten zeigten auch, dass Ex-Raucher ihre Lebenserwartung verbessern können, indem sie möglichst früh mit dem Rauchen aufhören. Aber wie schaffen sie es, von der Zigarette loszukommen?
Zunächst sollten Raucher sich für den Rauchstopp eine stressfreie Zeit suchen, erklärt Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. „Wer zusätzlich Probleme mit dem Partner oder im Job hat, dem fällt es noch schwerer, dauerhaft die Zigaretten wegzulassen.“

„Jede Zigarette stimuliert das Suchtgedächtnis“

Ist die Entscheidung gefallen, sei es sinnvoll, sofort komplett aufzuhören. „Jede Zigarette stimuliert das Suchtgedächtnis“, erklärt die Suchtexpertin. Damit man nicht verführt wird, doch eine Zigarette zu rauchen, informiert man am besten Freunde und Familie über das Vorhaben – und bittet die Raucher unter ihnen, nicht zu rauchen, wenn man dabei ist.
Jeden Tag wird es Bartsch zufolge Situationen geben, in denen die Hand früher zur Zigarette gewandert wäre. Dann sei es wichtig zu wissen: „Die Gier nach der Zigarette dauert im Schnitt nur rund drei Minuten.“ Es gilt also, diese Zeit irgendwie zu überbrücken – zum Beispiel, indem man sich ablenkt. Bartsch rät, das Radio anzustellen und bestimmte Wörter zu zählen: Wie oft sagt der Moderator das Wort „ich“ oder „er“. „Rechnen lenkt auch gut ab: Man nimmt sich etwa die Zahl 113 und rechnet in 7er-Schritten rückwärts bis Null.“

Psychische und körperliche Sucht überwinden

Grundsätzlich muss man beim Rauchstopp zwei Abhängigkeiten überwinden: die psychische und die körperliche. Wer fürchtet, nicht beides auf einmal zu schaffen, kann erstmal Nikotinpflaster benutzen. „Man muss das aber unbedingt limitieren auf einige Wochen“, warnt Bartsch. „Nikotinpflaster halten den Ex-Raucher körperlich abhängig.“ dpa/tmn)

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