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Der Nobelpreis ist nur einer von vielen Wissenschaftspreisen - doch im Gegensatz zu den andereren wird er beachtet.

Nobelpreis

Aus fachlicher Sicht eine Auszeichnung unter vielen

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Der Nobelpreis für Medizin entspricht heute nicht mehr den modernen Strukturen der Wissenschaft. Eine Analyse.

Wer kennt die Wilhelm-Wundt-Medaille, den Johan-Skytte-Preis oder den Turing Award? All das sind begehrte Wissenschaftspreise. Und dennoch nimmt kaum jemand Notiz von ihnen. Beim Nobelpreis ist das anders. Er ist für Wissenschaftler das, was der Oscar für die Schauspieler und die Olympiamedaille für die Sportler sind. Und so werden gestern wieder viele gebannt nach Stockholm geblickt haben, wo der Nobelpreisträger für Medizin bekannt gegeben wurde.

Es ist faszinierend, dass Wissenschaft in Zeiten medialer Reizüberflutung noch einen Glamourfaktor hat. Andererseits ist es auch an der Zeit, den Nobelpreis kritisch zu betrachten. Über die Akademie-Entscheidungen bei den Literatur- und Friedensnobelpreisen gibt es ja bereits seit Jahren heftige Debatten. Nach internen Skandalen wird der Literaturnobelpreis in diesem Jahr sogar erstmals seit 75 Jahren nicht vergeben.

Was aber ist mit den klassischen Sparten Medizin/Physiologie, Physik und Chemie? Auch hier gibt es Auseinandersetzungen. Denn wer vollbringt heute wirklich noch solche einmaligen Leistungen, dass er es verdient, mit einem goldenen Kranz geehrt zu werden, der „weit hinaus in die zivilisierte Welt“ strahlt, wie es einst hieß? Wo gibt es heute noch einen Wilhelm Conrad Röntgen, eine Marie Curie, einen Robert Koch, einen Max Planck oder Albert Einstein?

Als die Nobelpreise 1901 zum ersten Mal vergeben wurden, schwebte über ihnen die Idee ihres Stifters Alfred Nobel, dass jene geehrt werden sollten, „die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. Diese Sicht war verständlich, geprägt vom Zeitalter der großen Entdeckungen und Erfindungen im 19. Jahrhundert. Heute ist es komplizierter. Die Antwort auf die Frage nach dem „größten Nutzen“ ist noch relativ einfach, wenn es um Entdecker neuartiger Medikamente gegen Tropenkrankheiten geht oder um Stammzellforscher, die Grundlagen neuer Therapien gegen Krebs und Alzheimer schaffen. Doch der Nutzen anderer Leistungen ist oft eine Ermessensfrage.

Nur wenige Frauen geehrt

Auch die Vorgabe „im verflossenen Jahr“ hält niemand mehr ein. Die geehrten Leistungen liegen mitunter ein halbes Jahrhundert zurück. Für manchen Forscher kommt der Preis zu spät. Außerdem werden die Leistungen oft in großen Teams erbracht. Am Nachweis der einst von Einstein vorhergesagten Gravitationswellen waren zum Beispiel weltweit Hunderte Forscher beteiligt. Nur drei von ihnen erhielten 2017 den Nobelpreis.

Kritiker stoßen sich auch zunehmend an der Herkunft der meisten Preisträger: männlich, angelsächsisch, Elite-Uni. Beim Nobelpreis geht es um hohes Renommee und Geld. Da liegt es nahe, zu vermuten, dass manche Entscheidungen der Nobeljuroren das Ergebnis intensiver Lobbyarbeit sind. So sollen sich die größten amerikanischen Universitäten lange vor der Nominierung auf wenige Kandidaten einigen, so dass immer wieder dieselben Namen fallen – an denen die Juroren in Stockholm am Ende nicht vorbeikommen.

Vielleicht machen hier deutsche Institutionen etwas falsch. Auch hier sitzen Forscher, die nobelpreiswürdige Leistungen erbracht haben, wenn man etwa an die Mit-Entwicklung der Gentechnik-Methode Crispr/Cas durch die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier denkt, die heute in Berlin wirkt. Auffällig ist überhaupt, dass es unter den bisher etwa 600 geehrten Naturwissenschaftlern nur 18 Frauen gibt. Die bedeutende Kernphysikerin Lise Meitner wurde zum Beispiel mindestens 28-mal für den Physiknobelpreis nominiert – erhalten hat sie ihn nie.

Wollte man den Preis wirklich an die modernen Strukturen der Wissenschaft anpassen, dann müsste man ihn auf andere Fachgebiete ausweiten und künftig auch an ganze Institutionen vergeben können. Dann wäre allerdings das Einmalige dahin: dass einzelne Forscher mit ihren Lebenswegen und Leistungen im Mittelpunkt stehen – eben wie Schauspieler bei der Oscar-Verleihung.

Insgesamt sollte man die Bedeutung des Nobelpreises etwas relativieren. Aus fachlicher Sicht ist es ein Preis unter vielen. Vielleicht verdienen auch die anderen Preise mehr Aufmerksamkeit.

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